«Kleine Schwester»: Die Schweiz im Film
Les mercredis du cinéma - Fanny Agostino
Ausgewählt, um die Schweiz bei den Oscars im nächsten Jahr zu vertreten, Kleine Schwester, Der Film des Lausanner Frauenduos Stéphanie Chuat und Véronique Reymond erzählt vom Kampf einer Schwester an der Seite ihres an Leukämie erkrankten Bruders. Ein sonniger Film, der dem entgegengesetzt ist, was man von einer Erzählung erwarten würde, in der die Krankheit die kausale Erschütterung des Dramas ist.
Sven (Lars Eidinger) ist der Star der Berliner Schaubühne. Eine Karriere, die er nach der Diagnose einer aggressiven Leukämie unterbrechen muss. Nach langen Wochen in einer Isolationsstation infolge einer Knochenmarktransplantation hat er nur noch einen Wunsch: die Rolle des Hamlet im Theater wieder zu übernehmen. Dabei kann er auf die Hilfe und Zuneigung seiner Zwillingsschwester Lisa (Nina Hoss) zählen, deren Arbeitsleben sich seit der Diagnose ihres Bruders grundlegend verändert hat.
Von der Szene zur Sequenz
Auch wenn es sich um einen Film handelt, Kleine Schwester ist tief in der Welt des Theaters verwurzelt. Dies gilt zunächst einmal im Kontext der Fiktion. Die Protagonisten stammen alle aus der Kunstszene: Schriftsteller, Regisseur oder Schauspieler. Ein beruflicher Bereich, der die Grenzen zum Privatleben verwischt: Lisas Ex-Mann ist der künstlerische Leiter ihres Bruders Sven. Die Verbindung zur Theaterwelt beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Fiktion, da die meisten Schauspieler in der Besetzung sind in erster Linie Schauspieler: Lars Eidinger begann seine Karriere an der Schaubühne und besuchte ebenso wie Nina Hoss die Ernst-Busch-Schauspielschule in der deutschen Hauptstadt. Ganz zu schweigen vom Regisseur Thomas Ostermeier, der quasi sich selbst spielt, sowie von Marthe Keller als depressive und bedrückende Mutter.
Beeinflusst von diesem theatralischen Stil ist das Schauspiel körperbetont, fast schon leidenschaftlich. Man sollte jedoch nicht glauben, dass Kleine Schwester wirkt wie gefilmtes Theater. Die Inszenierung des Duos Chuat-Reymond nutzt zwar die verkörperte und kraftvolle Präsenz ihrer Darsteller durch den wiederholten Einsatz von Nahaufnahmen und die Einbeziehung des Raums außerhalb des Bildausschnitts, doch strahlt sie zugleich eine poetische Atmosphäre aus. Eine Anmut, die symbolisch durch Transparenz dargestellt wird; die sterile Transparenz der Krankenhäuser, aber auch die dieser sonnigen, warmen und blendenden Wintertage. Eine relative Blindheit gegenüber Svens unerfüllbarem Traum, an den wir dennoch glauben wollen.

Das Leben einer Frau
Man könnte fast vergessen, dass der Originaltitel lautet Schwesterlein. Die Figur der Lisa bildet einen Kontrapunkt. Zum einen, weil sie das Berlin, das sie so sehr liebt, verlassen hat, um ihrem Mann nach Leysin zu folgen, der dort die Leitung einer Privatschule für Kinder russischer Oligarchen und anderer wohlhabender Asiaten innehat. Eine vorübergehende Situation, die sich zum Leidwesen von Lisa in die Länge zieht. Hinzu kommt, dass sie seit der Erkrankung ihres Bruders ihre Arbeit als Schriftstellerin nicht mehr aufnehmen kann. Eine Sackgasse, die sie für ihren großen Bruder – der zwei Minuten vor ihr geboren wurde – durchbrechen will, um ihm seinen Status als Schauspieler zurückzugewinnen. Also stürzt sich Lisa in einen theatralischen Monolog, der von Hänsel und Gretel inspiriert ist, damit ihr Bruder wieder auf die Bühne zurückkehren kann.
Ohne in die Falle von Pathos und Sentimentalität zu tappen, Kleine Schwester ist wie ein Hauch frischer Luft, ein sonniger Lichtblick, den man in einer Zeit, in der man rührselige Fernsehfilme über Grégory Lemarchal finanziert, besonders zu schätzen weiß.
Obwohl der Film ganz und gar in der Welt des Theaters verankert ist, versteht er es dennoch, Kino zu sein. Eine Qualität, die man sich übrigens auch bei Schweizer Produktionen wünschen würde.

Schreiben Sie der Autorin: fanny.agostino@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Vega Distribution
Einen Kommentar hinterlassen