«Die Macht des Hundes»: Eine Blume unter den Wölfen

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geschrieben von Kelly Lambiel · 24. November 2021 · 0 Kommentare

Film-Mittwochs - Kelly Lambiel

Jane Campion, die seit zwölf Jahren nicht mehr im Kino zu sehen war, markiert mit Die Macht des Hundes, Ein von der Kritik hochgelobtes Comeback. Nach dem Silbernen Löwen für die beste Regisseurin bei den Filmfestspielen von Venedig 2021 und dem Spiel mit den Codes des Westerns, das viele Jahre nach der Premiere des Films in Venedig stattfand, ist es nun an der Zeit, den Film zu veröffentlichen. Die Klavierstunde und Porträt einer Frau, Zum ersten Mal dringt sie in die männliche Psyche ein. Ein Territorium, das sie feindlich, feindlich gewollt hat, und das dennoch durch ihren Blick sublimiert wird. 

Der Wind weht stark in den weiten Ebenen von Montana. Er rauscht durch die Hügel und lässt die Sträucher zittern. Gleichzeitig schürt er das Unbehagen an der ohrenbetäubenden Stille und dem nicht minder irritierenden Geräuschpegel. Eine zuschlagende Tür, ein quietschendes Fenster, ein ständiges Brummen, das keine Assoziationen weckt. Es erinnert gleichzeitig an das ständige Gewicht der Leere, an eine schwer zu tragende Einsamkeit und an das Gewicht einer erstickenden Präsenz, die stört. In dieser Ecke ist die Erde nicht trocken, aber sie scheint trocken oder eher ausgetrocknet wie die Herzen der Menschen, die sie bewohnen. 

Ein beklemmendes Verlies

In diesem wunderschönen Gefängnis unter freiem Himmel ist für Phil (Benedict Cumberbatch) die Zeit vor über zwanzig Jahren stehen geblieben, als Bronco Henry, sein Vordenker, verschwand. Er sehnt sich nach einer Zeit, die er schätzt, die aber damals nicht mehr da war, und verweigert anderen das Recht, sich weiterzuentwickeln. Zunächst George (Jesse Plemons), seinem Bruder, mit dem ihn alles verbindet. Dann seine neue Frau Rose (Kirsten Dunst), die er vom ersten Blick an verachtet. Und schließlich Peter (Kodi Smit-McPhee), ihr Sohn, der alles verkörpert, was Phil nicht ausstehen kann.

Zwei Stunden lang und in fünf Kapiteln erlebt der Zuschauer hilflos den langsamen Niedergang von Rose, die neu auf der Ranch ist und schließlich verwelkt und ihr Unwohlsein austrinkt. Phil sieht, wie seine Welt zusammenbricht, und übt als sadistischer und wortkarger Hausherr grausame psychologische Gewalt gegen Rose aus, die für ihn der Katalysator dieser Situation ist. Er nimmt Peter sogar unter seine Fittiche, um ihn zu seinem Schüler zu machen, wie er glaubt - zum Leidwesen seiner Mutter.

Eine Welt der Männer

In Die Macht des Hundes, Campion verwendet alle Pontifikatoren, die das Genre des Westerns, das durch und durch männlich ist, erfolgreich gemacht haben, um ihm eine subtilere und ästhetischere Behandlung zukommen zu lassen. Diese Entscheidung ist zwar nicht ganz innovativ, ermöglicht es aber, ein Thema zu hinterfragen, das heute oft nur eine untergeordnete Rolle spielt: die Männlichkeit, ihre Definition und ihre Darstellung. Schon auf den ersten Blick ist klar, was in der Beziehung zwischen Phil und Peter auf dem Spiel steht: Der eine wird die Rolle des kastrierenden Mannes übernehmen, während der andere das Gegenteil verkörpert, nämlich Sensibilität und Zerbrechlichkeit. 

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Denn wenn man ihre Geschichten weiter erforscht und sich mit Phils dominanter und Peters unterwürfiger Persönlichkeit auseinandersetzt, wird man feststellen, dass die Grenzen dünner sind, als sie scheinen, und vor allem nicht klar definiert sind. Was macht einen Mann zum Mann? Welche Bedrohungen bestehen für die soziale Konstruktion von Männlichkeit? Und wie kann man in einer Welt sein oder werden, die dichotome Identifikationsmuster bietet, die freiheitsberaubend und frustrierend sind? 

Eine zarte Ausführung

Diese Fragen, die bereits in der gleichnamigen romanhaften Autobiografie von Thomas Savage, auf der Jane Campion basiert, eine Rolle spielen, werden von der Regisseurin geschickt in Bilder umgesetzt. Die Regisseurin spielt gerne mit Symbolen und streut hier und da auf den ersten Blick nicht wahrnehmbare Hinweise ein, die schließlich einen Sinn ergeben und die Geschichte mit einer angemessenen Dosis Drama und Schicksalhaftigkeit aufladen. Dies gilt unter anderem für die Metapher der Blumen, die sich durch den ganzen Film zieht - zerbrechlich und stark zugleich, ob sie nun aus Papier, Blütenblättern oder Fleisch und Blut bestehen.

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Der Natur, die auch im Buch eine Protagonistenrolle einnimmt, indem sie sich abwechselnd als Bedrohung und Komplizin zeigt, bietet die Regisseurin somit die Hauptrolle. Die Form begleitet den Inhalt und die Landschaft erzählt, unterstützt von einer oft dissonanten und beunruhigenden Musik, von der Trockenheit und Brutalität der Herrschenden und der Einsamkeit und Verletzlichkeit der Beherrschten. Aber sagt man nicht, dass ein Hund, der beißt, seine Zähne nicht zeigt?

Schreiben Sie dem Autor: kelly.lambiel@leregardlibre.com

Bildnachweis: © Kirsty Griffin Netflix

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