Die außergewöhnlichen Abenteuer eines strahlenden Fakirs

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geschrieben von Alexandre Wälti · 06. Juni 2018 · 0 Kommentare

Les mercredidis du cinéma - Alexandre Wälti

Der Traum verlängert die Realität, vergrößert sie oder macht sie manchmal weniger hart. Er kann auch zu einem Lebensziel führen, auf das man sich mit Gelassenheit stützen kann. Zwei Sätze, die den Hintergrund des Films von Ken Scott beschreiben. Ein Regisseur, der eine kulturelle Brücke zwischen den Codes von Bollywood und Hollywood gebaut hat. Er inszeniert eine Fabel an der Schnittstelle dieser beiden Kinos mit dem Bonus der Vorstellungskraft.

Eine Fabel. Das Wort passt perfekt zur Welt von Die außergewöhnliche Reise des Fakirs. Ajatashatru Oghash Rathod (Dhanush) wächst in einem Armenviertel von Mumbai auf, wo ihn seine Mutter alleine großzieht. Gemeinsam hegen sie den Traum, eines Tages nach Paris zu ziehen. Als sie stirbt, beschließt der junge Inder, mit ihrer Asche in die Stadt der Lichter aufzubrechen. Von diesem Moment an beginnt das Abenteuer erst richtig.

Eine Reise voller Überraschungen

Von einem einfachen Touristen, der vom Taxifahrer Gustave (Gérard Jugnot) über den Tisch gezogen wird, wird Aja durch eine Verkettung von Umständen zu einem Menschen ohne Papiere und findet sich von heute auf morgen in Spanien wieder, wo er zusammen mit anderen Migranten in einem Flughafen schläft. Aja möchte eigentlich nur nach Paris zurückkehren, wo er sich in Marie (Erin Moriarty) verliebt hat. Ein weiterer Grund treibt ihn zu dieser unverzichtbaren Rückkehr: die Asche seiner Mutter wiederzufinden. Doch schon befindet er sich in Rom, springt aus dem Gepäck der Künstlerin Nelly Marnay (Bérénice Béjo) hervor und landet in einem luxuriösen Palast. So durchläuft Aja wie die Figur eines guten Romans die Vielfalt der menschlichen Lebenswelten auf der ganzen Welt.

Wie begibt man sich auf Ajas außergewöhnliche Reise? Er erzählt sie drei Kindern, denen in Indien wegen wiederholter Diebstähle eine Inhaftierung droht. Dies ermöglicht ständige Sprünge zwischen Realität und Fabel, zwischen den Gesetzen der Straße und denen der Fantasie. Während sie den Abenteuern mit Schränken, Heißluftballons und Piraten lauschen, sind die drei Kinder zunächst ebenso zurückhaltend wie der Wachmann, der sie beaufsichtigt. Doch sie haben nicht mit der Kunst des Erzählers Aja gerechnet, die sie plötzlich weniger aggressiv und aufmerksamer macht – vor allem aber verträumt. Dieser Effekt gilt auch für den Zuschauer. Niemals weiß er, ob Ajas Geschichte wirklich stattgefunden hat oder ob er nur ein Wortzauberer ist.

Eine fantastische Geschichte, die ganz im Zeichen ihrer Zeit steht

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ken Scotts Film das Ergebnis einer Abfolge von unerwarteten Ereignissen ist. Da bleibt keine Zeit für Langeweile, ganz im Gegenteil. Die Szenen folgen dicht aufeinander, und die Kamera begleitet die Figuren wie in einem Wettlauf gegen die Zeit. Zwei Tanzszenen stechen dabei besonders hervor und erinnern daran, dass Die außergewöhnliche Reise des Fakirs ist auch eine Brücke zwischen dem indischen und dem angelsächsischen Kino. Farben und Glitzer sprühen nur so aus allen Ecken, ohne dabei übertrieben zu wirken – selbst in den traurigsten Szenen. Als würde man der vorherrschenden Tristesse eine lange Nase drehen. Einfach ein strahlendes Kino.

Der Hauptreiz des Films liegt in der gewählten Perspektive der Hauptfigur und in der heiteren Atmosphäre, mit der ein ernstes Thema behandelt wird: Migration. Dabei werden Würde und Zurückhaltung stets gewahrt. Aja ist der naivste Mensch der Welt. Er beobachtet daher mit rührender Unbefangenheit, was um ihn herum geschieht, und erlebt alles, was ihm widerfährt, mit derselben Unbefangenheit. Er wagt sich dorthin, wohin es ihm gerade gefällt, und passt sich so an alle Situationen an, wobei er nur seinen Mitmenschen helfen will. Die Träume anderer verwirklichen. Ein komisches Drehbuch für einen tragischen Film.

Schreiben Sie dem Autor : alexandre.waelti@leregardlibre.com

Fotocredit: © Impuls Pictures

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