«Reise nach Yoshino (Vision)»: ein Shinrin-Yoku
Les mercredis du cinéma - Thierry Fivaz
Als sich der Sommer dem Ende zuneigt, fliegt Jeanne (Juliette Binoche) nach Japan. Der Grund für ihre Reise ist eine seltene Pflanze mit angeblich wundersamen Eigenschaften: die Vision. Die Vision soll die Eigenschaft haben, menschliches Leid zu beenden und soll im wunderschönen Wald von Yoshino zu finden sein. Bei ihren Nachforschungen lernt Jeanne den Förster Tomo (Masatoshi Nagase) kennen, in dem sie eine alte Liebe wiedersieht.
Mit Reise nach Yoshino, Naomi Kawase (Die Köstlichkeiten Tokios, Still the Water) präsentiert uns einen Film von atemberaubender Schönheit. Als dritte Figur dieser Ode an die Natur werden die Bäume mit ihren langen, knorrigen Stämmen einfühlsam und mit tiefer Sinnlichkeit gefilmt. Die sich wandelnde Farbe ihres Laubs symbolisiert das Vergehen der Zeit, die Vergänglichkeit, die Mono no aware Japaner. Und durch sie, durch diese strahlende Natur, die Wind und Regen noch verschönern, kann die Reise dann beginnen. Eine Reise ins Anderswo.
Denn in diesem Tempel mit seinen lebendigen Säulen beginnt Jeanne ihre Suche. Eine Suche, die sie durch die Zeit, durch die Kammern ihrer Erinnerungen und auch durch ihre Träume führen wird. Und wie die Wurzeln der Bäume oder deren Kronen verflechten sich diese Erzählungen, überschneiden sich und bilden eine verworrene, nebelhafte Initiationsreise. Auf diesen Streifzügen begegnet Jeanne einer verlorenen Jugendliebe und einer Erinnerung, die sie nicht loslässt: die an ein Kind, das sie angeblich im Stich gelassen hat. Oder ist es das Bedauern über eine mögliche Welt, die sich verschlossen hat? Ist das real? Oder ist es die Verkörperung von Jeannes Ängsten?
Das ist es eben Reise nach Yoshino, eine Reise der Selbstfindung zwischen Erinnerung und Gedächtnis, zwischen Traum und Wirklichkeit, eine echte Shugendō. Eine Reise inmitten der Seelen – der Seelen der Pflanzen, der Bäume, der Tiere – die man mit Ehrfurcht jagt – und der Seelen der Menschen, die viel zu früh von uns gegangen sind.
Schreiben Sie dem Autor: thierry.fivaz@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Filmcoopi Zürich
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