Unternehmer sind freiere Menschen

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geschrieben von Fabian Gull · 18. März 2026 · 0 Kommentare

Unternehmer sehen die Welt mit anderen Augen. Eine Liebeserklärung an eine schützenswerte Minderheit aus der Sicht eines Medienprofis.

Einer der Vorteile des Lebens als Journalist ist es, viele interessante Menschen zu treffen. Viele von ihnen sind Persönlichkeiten: Präsidenten, Unternehmer, Politiker oder Sportler. Als junger Journalist habe ich schon früh zwei Dinge festgestellt. Erstens: Personen und damit auch meine Artikel werden nicht automatisch interessanter, wenn meine Gesprächspartner berühmt sind. Oft ist das Gegenteil der Fall. Zweitens: Die Begegnungen, die mich am meisten beeindruckt haben, waren fast immer die mit Unternehmern. Das hat sich bis heute nicht geändert. 

Ein Gespräch von Gleich zu Gleich

Ich erinnere mich an meinen allerersten Auftrag als freie Mitarbeiterin für die Basler Zeitung. Ich war zu einer eher nüchternen Veranstaltung geschickt worden, die von einem Verband junger Bauunternehmer organisiert worden war. In dem ebenso nüchternen Ausstellungsviertel der Stadt hatten sich Maurer, Maler, Gipser, Klempner und andere Baufachleute zu einem informellen Austausch versammelt.

Alle leiteten ihr eigenes KMU. Als Redner hatten sie den Besitzer einer chemischen Fabrik in Graubünden eingeladen: Christoph Blocher, damals Nationalrat und CEO von Ems-Chemie. Damals hatte ich eine kritischere Meinung von ihm als heute. An jenem Abend sprach er jedoch über Wirtschaft - und in diesem Bereich war er eine Autorität. Selbst seine Gegner bestritten das nicht. 

Was mich an diesem Abend beeindruckte, waren nicht die äusseren Zeichen des Erfolgs, wie der selbstbewusst auf dem Bürgersteig geparkte Audi A8 mit Chauffeur, mit dem er an diesem Tag aus Bern angereist war. 

Ich war mehr von der Zeit beeindruckt, die er den jungen Basler Unternehmern widmete, von seiner Neugier und seiner Verfügbarkeit. Er hielt seine Rede bewusst kurz, um mehr Zeit für persönliche Gespräche zu haben. Er selbst war erfolgreich und extrem reich; die anderen weder das eine noch das andere. Weder der Altersunterschied noch die Tatsache, dass sie in völlig unterschiedlichen Branchen arbeiteten – der eine global, die anderen regional – schienen eine Rolle zu spielen. Trotz all ihrer Unterschiede diskutierten sie gewissermassen auf Augenhöhe, von Unternehmer zu Unternehmer.

Leitende Angestellte

Aus Sicht der Medienschaffenden sind auch die Unterschiede zwischen echten Unternehmern, die mit ihrem eigenen Geld Risiken eingehen, und Managern – d. h. Führungskräften im oberen Lohnsegment – interessant, wenn nicht sogar auffällig. Von aussen betrachtet scheinen sie vielleicht in der gleichen Kategorie zu spielen, wie die Strassenumfragen unter Jugendlichen durch den Schweizer Monat und Le Regard Libre. Viele Menschen setzen Unternehmer mit Managern gleich. Zu Unrecht. 

Manager – selbst CEOs und Vorstandsvorsitzende multinationaler Konzerne – befinden sich in einem mächtigen Getriebe aus internen und externen Interessengruppen, die es zu berücksichtigen gilt. Dies wirkt sich zwangsläufig auf ihr Verhalten aus.

Angestellte Manager äussern sich daher vorsichtiger, wobei sie stets darauf achten, niemanden zu brüskieren. Häufig verwenden sie nach einer relativ schlagkräftigen Aussage die nächsten drei Sätze, um sie sofort abzuschwächen. Sie relativieren, formulieren zweideutig, verwässern und lassen keine Gelegenheit aus, die ausgeklügelten Slogans ihrer Marketingabteilungen in das Gespräch einzubringen. Unterstützt werden sie oft von (fast immer weiblichen) Pressesprechern, die auf jedes Wort achten und den Chef (oder den Journalisten) gegebenenfalls zur Ordnung rufen. 

Es sind auch die Pressesprecher, die den Journalisten eine zuvor erstellte Liste mit Fragen geben und den Rahmen für das Gespräch mithilfe einer Negativliste abstecken, d. h. mit Themen, über die nicht gesprochen werden soll.

Sowohl Topmanager als auch Journalisten halten sich an die Regeln dieser «Unternehmenszensur». Bei Unternehmern habe ich das noch nie beobachtet. All dies hat seine Gründe, die ich sehr gut verstehen kann. Es ist offensichtlich, dass es in grossen Unternehmen wichtigere Dinge gibt als die Beobachtungen eines Journalisten. Was ich damit sagen will, ist, dass diese Zwänge nicht automatisch jede hochrangige Führungskraft zu einem wichtigen Gesprächspartner machen. 

Lässige Nonchalance

Firmeninhaber hingegen sind von einem anderen Typus. Sie wirken entspannter, souveräner, prägnanter, oft auch wagemutiger, getragen von einer lässigen Nonchalance, die man bei den oft genormt wirkenden Managern nicht findet. Natürlich sind auch Unternehmer nicht völlig frei. Auch sie sind Zwängen unterworfen und müssen Rücksicht nehmen. Allerdings kümmern sie sich deutlich weniger um Konventionen, haben sogar etwas Rebellisches an sich und handeln besonnener als viele ihrer Managerkollegen - Stichwort Gehaltsexzesse. Unternehmer gehen vielmehr ihren eigenen Weg. Sie versuchen nicht krampfhaft, sich in ein System «einzufügen», sondern heben sich angenehm von der Masse ab – bewusst oder unbewusst.

Unternehmer sehen die Welt mit anderen Augen. Ihre Sinne sind wacher, sie sind Träumer, sie denken in Kategorien des Potenzials und nicht des Erreichten. Sie wollen gestalten und nicht nur verwalten, wie es so viele Manager, Auswanderer oder Diplomaten tun, die es sich in dem ihnen anvertrauten Kokon bequem gemacht haben und vor allem darauf achten, nicht aufzufallen, wenn schon nicht übermässig positiv, dann zumindest nicht negativ. Unternehmer sind unauffällige Macher, Tüftler oder Schöpfer, die oft ihrer Zeit voraus sind und an ihrem nächsten grossen Projekt arbeiten. Und vor allem sind sie vielleicht die interessantesten Gesprächspartner, die es gibt.

Kein Wohlstand ohne Unternehmer

Die Schweiz hat ein Interesse daran, zu ihren Unternehmern Sorge zu tragen. Mit ihrer Innovationskraft und Leistungsfähigkeit halten sie die Schweiz wettbewerbsfähig, finanzieren den Staat auf allen Ebenen und schaffen zu einem grossen Teil Arbeitsplätze und damit Wohlstand. Man kann also nie genug von ihnen haben. Den Schweizern kann es nur gut gehen, wenn es auch den Unternehmern gut geht. Es gibt kein wohlhabendes Land, in dem es den Unternehmern nicht gut geht.

Die Schweizerinnen und Schweizer wissen das sehr wohl, mit Ausnahme der politischen Linken mit ihrer Klassenkampfrhetorik und ihrer Propaganda gegen «die Reichen». Im Rahmen des Projekts «Unternehmerischer Geist», In zahlreichen Gesprächen mit Unternehmern haben sich zwei Konstanten für die Schweiz herauskristallisiert. Die gute Nachricht zuerst: Die Schweiz bietet nach wie vor gute Rahmenbedingungen für das Unternehmertum.

Der Unternehmergeist ist in unserem Land nach wie vor stark ausgeprägt. Dies bestätigt auch die Studie «GEM Switzerland National Report», die Ende Januar von der Hochschule für Wirtschaft Freiburg veröffentlicht wurde. Demnach lag der Anteil der ’unternehmerischen Aktivität in der Gründungsphase«, d. h. von Unternehmen, die seit weniger als dreieinhalb Jahren existieren, im Jahr 2024 stabil bei knapp 10% der Erwerbsbevölkerung.

Laut derselben Studie gaben 2024 auch rund 56,2% der Befragten an, jemanden zu kennen, der ein eigenes Unternehmen gegründet hat, während es 2020 nur 44,6% waren. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Unternehmertum in der Schweiz an Sichtbarkeit gewinnt, was ermutigend ist.

Die Schweiz muss dringend handeln

Die Schweiz bietet viele Vorteile. Die Bevölkerung ist gut ausgebildet und fleissig, die Infrastruktur entspricht der eines hochleistungsfähigen Landes, die Steuern sind moderat, der Arbeitsmarkt ist liberal und die Vorschriften sind unternehmensfreundlicher als anderswo. Dennoch ist auch hier Vorsicht geboten. Mehr noch: Verbesserungen sind unerlässlich, denn nichts ist für ein Land oder ein Unternehmen gefährlicher als Selbstgefälligkeit.

Damit kommen wir zu den schlechten Nachrichten. Ausgerechnet in der reichen Schweiz fehlt es an Risikokapital und risikobereiten Investoren. Das hat fatale und weit reichende Folgen: Ambitionierte, kapitalintensive und besonders riskante Ideen haben es in der Schweiz schwer. Sie werden entweder selten oder nie realisiert oder direkt im Ausland umgesetzt. Grossbritannien und die USA nehmen hier die Pole-Position ein.

Dieser unsichtbare «Brain Drain» sollte auf der politischen Bühne angegangen werden. Was sollte konkret getan werden? Eine Steuerbefreiung für Investitionen in Risikokapital wie in Grossbritannien wäre ein guter Anfang. Während diese Investitionen in der Schweiz zum Vermögen gezählt und entsprechend besteuert werden, kann Risikokapital in Grossbritannien vom Einkommen abgezogen werden. Interessant ist auch ein Blick auf die USA: Dort dürfen Pensionskassen in Risikokapitalfonds investieren, was Start-ups zusätzliche Liquidität verschafft. Ausserdem muss der Unternehmergeist im Bildungswesen gefördert werden, damit die Bevölkerung das Wissen und das Vertrauen erwirbt, das für eine selbstständige Tätigkeit erforderlich ist. Fall folgt.

Der Journalist Fabian Gull ist Redakteur beim Schweizer Monat.

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Fabian Gull
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Der Journalist Fabian Gull ist Redaktor beim «Schweizer Monat».

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