«Silvio und die anderen» - die Kunst der Fälschung
Set des Films "Loro" von Paolo Sorrentino. Auf dem Foto: Toni Servillo und Giovanni Esposito. Foto von Gianni Fiorito Dieses Foto ist ausschließlich für redaktionelle Zwecke bestimmt. Das Urheberrecht liegt bei der Filmgesellschaft und dem von der Filmproduktionsfirma beauftragten Fotografen und darf nur in Publikationen im Zusammenhang mit der Werbung für den Film reproduziert werden. Die Nennung des Autors bzw. Fotografen ist obligatorisch: Gianni Fiorito.
Les mercredis du cinéma - Thierry Fivaz
Mit Silvio und die anderen, Paolo Sorrentino liefert uns einen reichhaltigen und besonders verwirrenden Film. Und wie bei vielen seiner Filme wird es wahrscheinlich mehrere Sichtungen brauchen, um dieses seltsame Objekt, das uns der italienische Regisseur wieder einmal präsentiert, in seiner ganzen Tragweite zu begreifen und zu verdauen.
Es ist gar nicht so einfach, in wenigen Worten zu beschreiben, worum es in Paolo Sorrentinos neuestem Film geht. Wie so oft bei dem italienischen Filmemacher besteht der Film aus zahlreichen Tabellen, die man manchmal nur schwer miteinander in Verbindung bringen kann – einer der Gründe, warum wohl mehrere Sichtungen notwendig sind.
Einfach ausgedrückt könnte man sagen, dass der Film die Geschichte eines Paares aus Apulien erzählt, das nur einen einzigen Wunsch hat: Kontakt aufzunehmen mit Er. Er, das ist natürlich Silvio Berlusconi (grandios dargestellt von Toni Servillo). Ein Berlusconi, der gerade bei den Wahlen 2006 eine Niederlage erlitten hat und nun, etwas untätig, versucht, seine Frau Veronica (Elena Sofia Ricci) zurückzugewinnen, während er gleichzeitig die Gelegenheit nutzt, in charmanter Gesellschaft eine gute Zeit zu verbringen. Eine Situation, die paradoxer und widersprüchlicher kaum sein könnte.
Aber das macht nichts, wie der Originaltitel schon sagt (Anm. d. Red.: Loro, (d. h. «sie» auf Italienisch) konzentriert sich der Film hauptsächlich auf die Höflinge des Cavaliere - der übrigens erst gegen die vierzigste Minute auftaucht. Hofstaatler, die sich abmühen, beim extravaganten Silvio gut anzukommen. Was das ehrgeizige Paar angeht, so ist deren Idee einfach: eine Villa in der Nachbarschaft von Berlusconis Villa mieten, sie mit jungen Frauen füllen und darauf warten, dass der Raubtier seine Nase zeigt.
Wie immer ist die Bildgestaltung besonders ausgefeilt (manchmal fast schon übertrieben). Der Film, der von zahlreichen Standbildern geprägt ist, bietet einige Szenen von meisterhafter Schönheit, wie zum Beispiel die Die Abnahme Christi vom Kreuz der Schlussszene. Und wenn der Einsatz langer Kamerafahrten wird zwar seltener und weniger schwungvoll, aber die Handschrift ist unverkennbar. Da gibt es keinen Zweifel: Das ist eindeutig ein Werk von Sorrentino.
Silvios Lamm
Mitten im Garten eines luxuriösen Anwesens (vermutlich das von Berlusconi) bewegt sich ein junges Schaf vorsichtig voran. Das Tier scheint von etwas angezogen zu sein. Als es die riesige Terrasse des Hauses erreicht, scheint es zu zögern, betritt dann aber schließlich das Wohnzimmer. Vor ihr: ein riesiger Fernseher, auf dem eine typisch italienische Sendung läuft. Fasziniert von diesem Trash-TV (Anm. d. Übers: Mülltonnen-Fernbedienung), macht das Schaf große Augen und bricht dann ohne Vorwarnung tot zusammen.
Diese Eröffnungsszene ist spannend und gibt den Ton an. Wie schon in Die große Schönheit, In der Szene, in der ein Freund von Jep eine Giraffe verschwinden lässt, spielt Sorrentino erneut mit der Darstellung des Tieres. Zwar kann die Szene hier natürlich eine bedeutungsschwere allegorische Dimension annehmen – wie Schafe geschoren, verdummen die Italiener wie Tiere vor dem Fernseher gegründet von demselben Mann, der sie schert, und dabei sogar so weit gehen, dass sie daran sterben – auch dieses computergenerierte Schaf wirkt deplatziert. Es klingt unecht. Es geht sogar so weit, dass es die Botschaft, die es vermittelt, verwässert und sogar lächerlich macht. Da fragt man sich dann, ob die Allegorie letztendlich nicht doch nur ein Schwindel ist. Aus dem Nichts erschaffen, genau wie das berühmte Schaf. Aber was wollte der rätselhafte Sorrentino damit eigentlich ausdrücken? Meint er es ernst? Oder rührt die Mehrdeutigkeit der Botschaft einfach daher, dass es wirklich unpraktisch war, mit einem echten Schaf zu drehen?
Genau darin liegt die ganze Finesse von Sorrentinos Filmen. Denn er behandelt nicht nur italienische Themen (Die Folgen der Liebe, Il Divo, Die große Schönheit), müssen die Filme des Regisseurs auch unter einem italienischen Blickwinkel betrachtet werden. Und das geht über die ausgefeilte Ästhetik und die unzähligen Anspielungen auf Fellini oder die historischen und künstlerischen Schätze des Landes hinaus. Denn es geht vor allem um eine Geisteshaltung, um einen ganz besonderen Humor. Ein Humor, der zugleich ernst und distanziert ist und bei dem man nie weiß, ob das Gesagte ernst gemeint ist oder nicht – und den, wie es scheint, viele französischsprachige Kritiker nur schwer verstehen können.
So geht es weiter Silvio und die anderen. Ständig schwankend zwischen dem wahr und der falsch, das Kindische und das Ernste, das Schöne und das Kitschige, das Edle und das Vulgäre. Sorrentinos Film ist kein Dokumentarfilm, sondern die Darstellung einer fantasierten Realität. Darin wirkt Toni Servillo, als Berlusconi verkleidet, wie ein Clown. Er verkörpert eine Figur, die ebenfalls zwischen Lächerlichem und Rührendem, Oberflächlichem und Authentischem schwankt. Nichts ist wahr, und doch klingt alles so wahrhaftig.
Wer also ein belastendes Porträt erwartet hat, wird enttäuscht sein, denn das ist nicht das, was Sorrentino bietet. Das Vorgehen ist hier subtiler. Der Regisseur zeichnet das Porträt eines Mannes, der die Langeweile fürchtet, den Tod leugnet und der mit seiner unglaublichen Lebenskraft gegen alle Widerstände versucht, so zu leben, als wäre er noch dreißig Jahre alt. Das Lächerliche an der Situation liegt darin, dass dieser Mann bereits über siebzig ist. Dass dieser Liebhaber junger Frauen deren Großvater sein könnte. Dass sein Optimismus in Wirklichkeit nichts als Verleugnung ist. Und man fragt sich schließlich, wie eine solche Figur überhaupt in solche Ämter gelangen konnte.
Genau das ist die Frage; Sorrentino liefert einen Ansatz einer Antwort. In einer Szene sieht man, wie Berlusconi wahllos eine Telefonnummer aus dem Telefonbuch zieht; der Politiker wählt die Nummer und setzt sich daraufhin zum Ziel, der Person, die das Pech hatte, abzunehmen, eine Wohnung zu verkaufen – die es gar nicht gibt. Und dann, ganz plötzlich, betritt der Künstler die Bühne. Das Biest erwacht. Der Verkäufer ist am Werk. Ein Verkäufer von was? Ein Verkäufer von Träumen natürlich. So ist der Berlusconi von Silvio und die anderen, eine seltsame Figur. Aber ist das wirklich so weit von der Realität entfernt?
Schreiben Sie dem Autor: thierry.fivaz@leregardlibre.com
Fotocredit: © Pathé Films
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