Musik Interview

Dominique A in Lausanne: «Meine Weltanschauung ist zerstückelt».»

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geschrieben von Fanny Agostino · 13. Oktober 2023 · 0 Kommentare

Er hat seine Feder den Größten (Alain Bashung, Etienne Daho, Calogero) geliehen und im letzten Jahr sein vierzehntes Album veröffentlicht. Bevor er am Freitag, dem 13. Oktober, in Les Docks in Begleitung von H-Burns auftrat, griff der Sänger und Komponist Dominique A zum Telefonhörer.

Le Regard Libre: Was halten Sie von dem Etikett «literarischer Sänger», das Ihnen manchmal zugeschrieben wird??

Dominique A: Ich habe sie gesucht! (Lachen) Ich halte eigentlich nicht viel davon. Das erste Mal, dass ich den Begriff «literarischer Sänger» gehört habe, bezog sich auf Lou Reed, also ist das für mich in Ordnung. Später, in dem Moment, in dem man drei Bücher gelesen hat und darüber spricht, wird man als literarischer Sänger identifiziert. Ich bin froh, dass ich als Mensch mit Neuronen identifiziert werde. Das entspricht der Realität: Ich bin ein Literaturfanatiker und schreibe ab und zu Bücher. Der einzige kleine Nachteil ist, dass die Arbeit an der Musik dadurch in Anführungszeichen gesetzt wird. Aber das stört mich nicht weiter.

Sie haben schreibt wiederholt für d’autrden Künstlern. Wie läuft diese Zusammenarbeit ab?

Das hängt von den Fällen ab. Oft sind es Vorschläge, die mir gemacht werden. Das Schreiben von Texten betrifft im Allgemeinen eher Popsänger. Ich mag diese Übung. Es gibt wirklich diese Notwendigkeit für mich, mich in Klammern zu setzen und auf die Wünsche der Person einzugehen, die die Worte interpretieren und sie singen wird. Ich versuche, so nah wie möglich an das heranzukommen, was diese Person meiner Meinung nach künstlerisch ausmacht, indem ich mein eigenes kleines großes Salz einbringe. Das ist eine kleine Herausforderung, die mir gefällt. Es gibt Kollaborationen wie mit H. Burns [Anm.: mit dem er nach diesem Interview im Les Docks in Lausanne gespielt hat].. Er kommt zu mir und schlägt mir vor, über eine Musik mitzuschreiben, die mit einem bestimmten Thema bereits vorhanden ist. In diesem Fall kommt es zu einer Begegnung.

Und es gibt Fälle, in denenwo Sie lediglich die Verdolmetschung übernehmen.

Ja, und ich mag die Idee, nur als Interpret berufen zu werden: Das Lied ist handgenäht und ich muss nur noch meine Stimme darauf legen. Ich bringe zwangsläufig eine bestimmte Art und Weise mit, einige Harmonien und melodische Ideen, ohne jedoch die musikalische Szenerie zu verändern. Es ist ganz angenehm, auf eine einzige Rolle festgelegt zu sein, sei es als Textautor oder als Interpret des Liedes eines anderen. Die Situationen sind sehr unterschiedlich. Sie ermöglichen es mir, von einer Arbeitsweise in die andere zu wechseln. Ich lerne daraus für meine eigene Praxis. Es bringt mich auf Ideen, oder es bestärkt mich in meiner Meinung, dass ich eine bestimmte Richtung nicht einschlagen sollte. Das ist immer positiv.

Dominique A © Jérôme Bonnet
«Den Blick, den die Leute auf die Platte werfen, muss man zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf sich nehmen.» Jérôme Bonnet
Eine Richtung, die’il also nicht Ihren eigenen Titeln geben sollte?

Es ist ein Versuch, und dann denke ich mir, das ist nicht unbedingt das, was ich in Zukunft anstreben werde. Wenn ich an einem Lied arbeite, das sehr catchy, Wenn ich mich mit einer sehr poppigen, sehr offensichtlichen Musik beschäftige, habe ich nicht unbedingt das Gefühl, dass ich das tun möchte, auch wenn mir das Ergebnis gefällt, und umgekehrt. Das heißt, ich kann in einem bestimmten Zeitraum zu relativ zugänglichen Liedern tendieren, in denen ich versuche, mich wieder an eine Strophe-Refrain-Brücke-Struktur zu halten, und dann feststellen, dass ich das wirklich will. Das hängt auch davon ab, was ich zu dem Zeitpunkt höre, an dem ich komponiere, welche Platten mich zu diesem Zeitpunkt begleiten.

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Beim Hören Ihres letzten Albums, Die reale Welt (2022), hat man das Gefühl, dass Sie eine Position als Beobachter der Welt inszenieren.

Ich werde in Bezug darauf nicht den Candide spielen. Ich werde oft auf diese Beobachterposition angesprochen. Das ist nicht etwas, das ich kultivieren will oder das ich habe kommen sehen. Die Tonalität der Lieder und ihre Aussage haben mich ein wenig überfordert. Im Laufe der Zeit habe ich zur Kenntnis genommen, dass ich diesen Blick auf die Dinge hatte und dass tatsächlich die Gefahr bestand, den Eindruck zu erwecken, dass hinter all dem etwas Überwältigendes steckte. Ich hoffe, dass dies nicht der Fall ist. Von dem Moment an, als der Text gut mit der Musik funktionierte, wollte ich mir keine weiteren Fragen stellen.

Wie kann ein Text zur Musik passen?

Das ist immer sehr schwierig. Solange es funktioniert, schiebe ich die Frage, wie es interpretiert wird, ein wenig beiseite und riskiere Fehlinterpretationen. Manchmal kommt mir das in den Sinn, aber ich stecke den Kopf in den Sand. Wenn es Lieder gibt, die einen etwas moralisierenden Ton haben, und ich mir dessen bewusst bin, tue ich so, als ob das nicht der Fall wäre, um das Lied und die Platte zu Ende zu bringen. Den Blick, den die Leute auf die Platte werfen, muss man sich bei der Veröffentlichung zu eigen machen. Meine Weltsicht ist zerstückelt und zufällig, wie bei jedem anderen Menschen auch.

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In diesem Album ist die Sorge um das Klima spürbar (Letzter Aufruf aus dem Wald), sondern auch das Vorhandensein von gesellschaftlichen Problemen (Nachricht aus der fernen Welt). All das wird durch Hoffnung und Resilienz aufgewogen (Mit den anderen). Wie gelingt es, mit dieser Zwischenwelt umzugehen?

L’inquiétude, c’est le maître-mot. C’est justement moins un disque « d’observateur » qu’un disque de personne complètement flippée, tétanisée, par les enjeux. Une chanson comme Mit den anderen montre un chemin très basique, je trouvais que c’était pertinent de dire les choses de façon plate également, dans un climat de friction où la parole des uns et celle des autres se piétinent. Et puis cela correspondait à mon état d’esprit. Cette chanson est la seule à avoir été écrite en studio. Elle cristallisait ce que j’étais en train de vivre avec les musiciens. C’était un pari de tous se retrouver en studio, sans n’avoir jamais joué ensemble. Le défi a été relevé et j’ai senti tout de suite que les musiciens avaient porté toutes mes chansons vers le haut, et même au-delà de ce que j’avais imaginé. J’ai eu envie de l’exprimer et cela est venu, un matin.

Ist das der Song, der die Hoffnung in diesem Album trägt?

Mit etwas Abstand sage ich mir tatsächlich, dass sie die Aussage ein wenig aufhellt, sie sorgt dafür, dass man nicht von der Tonalität der Lieder im Allgemeinen erschlagen wird. Die musikalische Arbeit hat dazu beigetragen, die mögliche Düsternis des restlichen Albums auszugleichen. Das ist für mich ein bisschen der Nerv der Zeit, aber es ist nicht unbedingt das, was die Leute mir zurückgeben werden. Ich denke, dass es trotzdem sensibel ist, weil es sonst unzulässig wäre.

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Parallel zu Ihrem Album, haben Sie auch einen Gedichtband veröffentlicht, Unmögliche Gegenwart (L'iconoclaste, 2022). Ist Ihr Schreibprozess anders?

Bien sûr ! Dans ce livre-là, c’était vraiment jeté sur le papier, et je n’y retouchais pas. Ce sont des pensées qui m’ont traversé, une métrique aussi que je découvrais et qui était beaucoup plus libre que celle utilisée dans les chansons. L’abandon de la rime par exemple, ça me faisait un bien fou. Cela me permettait aussi d’exprimer des choses que je ne me verrais pas chanter. C’est aussi ce plaisir de travailler sur du format très court, et de se dire qu’il n’y aura rien derrière, pas de travail additionnel. Ce ne sont pas des textes dont je me dis aujourd’hui que je vais pouvoir les réutiliser un jour en chanson. C’est un travail différent, et à vrai dire, ce n’est pas un travail. C’est une vraie soupape, un espace de liberté totale par rapport à l’écriture. J’ai réécrit quelques poèmes depuis, mais la pratique s’est un peu perdue. J’y reviendrai certainement.

Am Freitag treten Sie im Les Docks in Lausanne auf. Wie ist Ihre Beziehung zur Schweiz?

Un rapport excellent, vraiment! Il n’y a pas nécessairement plus de monde aux concerts qu’avant, mais j’ai la sensation que nos liens se renforcent avec le temps. Je n’ai pas une impression d’usure. Et puis j’ai des projets dans votre pays. Dont des concerts symphoniques avec l’Orchestre de chambre de Genève en mars prochain, avec un enregistrement à la clé. Nous faisons plusieurs passages sur la tournée actuelle: Pully, Genève et Lausanne. On va croire que c’est de la démagogie, mais le public suisse est très agréable au sens où il est ouvert et, en même temps, chaleureux. Dans certaines villes de France, les gens sont extrêmement pudiques, on ne sait pas ce qu’ils pensent. En Suisse, je trouve qu’il y a une constance dans l’accueil.

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Fanny Agostino
Fanny Agostino

Fanny Agostino ist Lehrerin und schreibt Filmkritiken sowie Artikel über Geschichte und Musik für Le Regard Libre. Sie ist außerdem für die Rubrik Cinéma mitverantwortlich.

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