Bundeswahlen 2027: Ausreißer, Verfolger und Begleitfahrzeug
Zeichnung von Nathanaël Schmid für Le Regard Libre
Ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen gehen die Parteien in die Zielgerade. Die SVP liegt an der Spitze, die SP lauert im Hinterhalt und zwischen der FDP und «Le Centre» herrscht ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Ein Überblick über das Feld vor dem Endspurt 2027.
Erfahrungsgemäß ist es tatsächlich der vorletzte Herbstanfang unter der Bundeskuppel, der den Wahlkampf so richtig in Gang bringt. Diese letzte Etappe der Legislaturperiode beginnt am 24. Oktober 2027. Eine gute Gelegenheit, einen Überblick über die beteiligten Kräfte zu gewinnen. Beginnen wir mit dem Favoriten: der Schweizerischen Volkspartei (SVP), die 2023 mehr als 27% der Stimmen auf sich vereinen konnte. Aufgrund der Kantonswahlen hat sie mit ihren Lieblingsthemen – Migration, Sicherheit, Souveränität und der Fähigkeit, aktuelle Stimmungen aufzugreifen – Rückenwind.
Der Apparat läuft wie geschmiert, doch Vorsicht vor übertriebenem Selbstvertrauen und Entgleisungen – wie sie der Fraktionschef in der Bundesversammlung, Thomas Aeschi, begangen hat. Als schlechter Verlierer nach dem Nein zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» griff der Zuger die Westschweiz pauschal an und vergaß dabei etwas zu schnell das Wählerpotenzial in dieser so weit entfernten Region.
Dieser Wahlkampf wird einem «Rennen gegen das UDC-Monster» gleichen, um den Ausdruck des genialen Antoine Blondin zu verwenden, der 1963 an Jacques Anquetil erinnerte. Die Sozialistische Partei liegt heute fast 10 Punkte zurück, hält aber das Mitte-Rechts-Gruppetto auf sicherer Distanz. Die Genossen können der Wahl gelassen entgegensehen: Nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren fließt ein Großteil der schweren Verluste der Grünen in ihre Kasse.
Doch Vorsicht vor dem Abgleiten vom Kurs. Die SP, die bei Sozial- und Gesundheitsthemen gut positioniert ist, verliert in der internationalen Politik die Orientierung und greift gerne Konflikte wie den in Gaza auf. Ein Stil, der so gar nicht schweizerisch ist, mit der realen Gefahr einer «LFI-isierung» durch eine Strategie des gemeinschaftsorientierten Klientelismus, gepaart mit Jugendkult. Ein Beispiel für diese Fehlentwicklung: die Einladung der sehr umstrittenen französischen Europaabgeordneten Rima Hassan ins Bundeshaus im vergangenen Juni.
Duell zwischen der FDP und „Le Centre“
Um den dritten Platz könnten uns die Liberale Partei (PLR) und „Le Centre“ durchaus ein Finale bescheren, das der Tour von 1989 in nichts nachsteht: Der US-Amerikaner Greg LeMond gewann mit 8 Sekunden Vorsprung, während der Franzose Laurent Fignon am Morgen des abschließenden Zeitfahrens auf den Champs-Élysées noch das Gelbe Trikot trug und 50 Sekunden Vorsprung hatte. Der Gleichstand zwischen PLR und „Le Centre“ ist heute nahezu perfekt – bei etwa 14 % –, wobei die PLR einen leichten Vorsprung hat.
Die kantonale Wahldynamik ist jedoch für die Mitte günstiger. Zwar gewinnt sie nicht viel hinzu, doch die FDP verliert deutlich mehr. Die Beobachter sind sich einig: Vom liberal-radikalen Team geht eine Art Fatalismus aus, eine verinnerlichte, bereits absehbare Niederlage. Auf der anderen Seite herrscht der gegenteilige Eindruck. Ein zentristisches Team, das motivierter denn je ist, sich zu revanchieren: Im Jahr 2003 hatte der Beitritt der FDP zur SVP die Anpassung der „Zauberformel“ zum Nachteil der damaligen CVP ermöglicht.
Thematisch fällt es der FDP schwer, die politische Agenda zu prägen – mit der bemerkenswerten und erfreulichen Ausnahme der individuellen Besteuerung. Der überraschende Rücktritt des Vorsitzenden in der Mitte der Legislaturperiode hat die Lage nicht gerade verbessert. Seine Ablösung durch eine Ko-Präsidentschaft symbolisiert einen offensichtlichen Orientierungsverlust: Dieses Modell wurde stets verspottet und als eine «typisch linke» Verwässerung der Verantwortlichkeiten angesehen. Manchmal dreht sich das Rad schneller, als man denkt…
Im Gegensatz dazu hält die Familienpartei zusammen, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Das Hin und Her zwischen der Linken und den liberalen sowie konservativen Rechten wird mittlerweile offen eingestanden und als klug dargestellt. Bislang zahlt sich diese relativ abwartende Strategie aus. Doch in einem Jahr kann viel passieren. Die FDP könnte beispielsweise im „grünen Trikot“-Modus und beflügelt von ihrem Stolz als alteingesessene Partei „Le Centre“ im Endspurt hinter sich lassen. Sicher ist nur, dass sich die beiden garantiert dicht auf den Fersen bleiben werden – mit der Katastrophenszenario-Perspektive des „Kehrwagens“, der gleichbedeutend mit einem einzigen Sitz im Bundesrat ist.
Ehemaliger Korrespondent in Bern und Brüssel, Romain Clivaz verfügt über Erfahrungen «auf beiden Seiten» verschiedener Grenzen: Medien und Politik, öffentlich und privat. Für „Le Regard libre“ bewegt er sich völlig frei in den Hintergründen des aktuellen Geschehens.
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