«Frankreich, ein Familienalbum»: Ein Blick auf sich selbst, um die Gesellschaft (wieder) herzustellen?

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geschrieben von Aurelia Fellous · 07. Mai 2026 · 0 Kommentare

Mit Frankreich, ein Familienalbum, Yann Arthus-Bertrand zeigt in Hunderten von Porträts ein vielfältiges und gewöhnliches Frankreich. Doch was bleibt vom «Zusammenleben» übrig, wenn die soziale Kluft nicht sichtbar ist?

Was sagt ein Land durch die Gesichter, die es bewohnen? Kann die Fotografie konkret hinterfragen, was das «Zusammenleben» noch bedeutet, und eine Gesellschaft in Porträts zwischen Enthüllungen und Schattenseiten erfassen? Auf diese Fragen versucht der Fotograf Yann Arthus-Bertrand in seinem Buch "Das Leben der Menschen" eine Antwort zu geben. Frankreich, ein Familienalbum, Eine fotografische Untersuchung, die in Zusammenarbeit mit dem Demografen und Historiker Hervé Le Bras zwischen 2023 und 2026 durchgeführt wurde. In fünfzig Studios, die im ganzen Land verteilt sind, werden Einwohner fotografiert, die allein, mit der Familie, mit Kollegen oder mit Gegenständen, die etwas über ihren Alltag aussagen, posieren.

Heute thronen diese Klischees auf der Place de la Concorde und geben einen Einblick in die französische Gesellschaft, zwischen sozialer Vielfalt und Alltagsrealität. Die Installation zieht sofort die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Hier gibt es keine vorgeschriebene Besuchsrichtung. Jeder stellt sich seinen eigenen Rundgang zusammen, verweilt bei einem Blick, einem Beruf, einer Körperhaltung.

Eine menschliche Kartografie des Territoriums

Was auffällt, ist die Präsenz. Jedes Porträt zwingt zum Innehalten. Es rückt selten gezeigte Gesichter in den Vordergrund und macht Laufbahnen, Berufe und Werdegänge sichtbar. Die Anordnung mag einfach, fast selbstverständlich erscheinen. Doch genau darin liegt die Richtigkeit des Projekts.

Diese scheinbare Selbstverständlichkeit wirft jedoch Fragen auf. Da die Ausstellung alle Realitäten umfassen will, läuft sie Gefahr, sie zu glätten. Die Gesichter antworten einander, die Wege werden nebeneinander gestellt und zusammen ergibt sich ein beruhigtes Bild des Landes.

Ein Bild sagt nicht alles

Es reicht nicht aus, Porträts zu vervielfachen, um auf die Herausforderungen des «Zusammenlebens» zu reagieren. Diese Blicke stellen vielmehr einen ersten Zugang dar. Eine Art, ohne starke Demonstration anzudeuten, dass hinter den Funktionen und Kategorien Individuen stehen, mit ihren Geschichten, Widersprüchen und Unterschieden.

Die Ausstellung zeichnet in Fragmenten eine Form des Kollektivs, das in der Lage ist, trotz aller Unterschiede zusammenzuhalten. Diese Lesart bleibt jedoch partiell: Soziale Spannungen, territoriale Brüche oder Repräsentationskonflikte tauchen in der Anordnung kaum auf. Das Projekt lädt weniger zu einer Schlussfolgerung ein als vielmehr dazu, die Bedingungen zu hinterfragen, unter denen ein gemeinsames Bild des Landes noch produziert werden kann.

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In einem Kontext, der von digitalen Bildern dominiert wird, wählt das Projekt die persönliche Begegnung. Und genau das macht es so interessant: seine Präsenz im öffentlichen Raum. Da die Ausstellung im Freien stattfindet, ist sie für ein breites Publikum zugänglich, das über das übliche Publikum von Kulturinstitutionen hinausgeht. Vor allem jüngere Menschen können sich bei einem Spaziergang mit der Ausstellung auseinandersetzen.

Das soziale Offside

Diese Bilder können Aufmerksamkeit erregen und manchmal den Blick verlängern. Ein zentrales Anliegen ist es, diese Gesichter und das, was sie erzählen, in Umlauf zu bringen und ein mögliches Bild einer kollektiven Identität zu entwerfen, die aus Unterschieden, aber auch aus Spannungen besteht, über die noch nachgedacht werden muss.

Der Titel der Ausstellung, Frankreich, ein Familienalbum, Der Begriff "Familie" erhält dadurch eine ganz neue Bedeutung. Wie in jeder Familie sind die Beziehungen nicht selbstverständlich. Dennoch erzeugen diese Porträts eine unerwartete Form der Nähe. Sie zeichnen in aufeinanderfolgenden Schritten ein Ensemble, in das sich jeder einfügt, ohne dass die Unterschiede verschwinden.

Bis zum 10. Mai kostenlos zugängliche Ausstellung - Place de la Concorde, Paris.

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Aurelia Fellous
Aurelia Fellous

Aurelia Dellous betreibt einen Poesie-Account auf Instagram und ist Redakteurin für das französische Kulturmedium Zone critique.

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