Mit «Les Misérables» das Elend verstehen»
Mittwochs im Kino - Loris S. Musumeci
Die Stimmung ist heiß im Herzen von Paris. Es ist Sommer und der Schlusspfiff verkündet den Sieg Frankreichs. bei der Fußballweltmeisterschaft 2018. Vorstädter und Städter feiern gemeinsam unter der blau-weiß-roten Flagge. Die Freude des Augenblicks lässt dennoch eine Ahnung erahnen eine Angst. Die des gesamten Rests des Films, der in Montfermeil in im 93. Man kennt bereits den Druck, man kennt bereits das Klima, das herrschen wird: Das der Konfrontation. Die Schreie, Lieder und Tänze erscheinen in einem in ihrer ganzen Sinnlosigkeit, denn ob Weltmeister oder nicht, Frankreich befindet sich im Krieg. Krieg.
Scharfer Schnitt. Wir treffen Stéphane wieder, der an diesem Tag in die Kriminalpolizei von Montfermeil eintritt. Sein erster Tag in seiner neuen Dienststelle – und der schlimmste Tag seines Lebens. Man wird schnell verstehen, warum. In der Zwischenzeit führen ihn seine beiden Kollegen, die fest in dem Viertel verwurzelt sind, durch die Gegend und zeigen ihm ihre „Schätze“: ethnische Clans, Müll, Misstrauen, Drogen, Prostitution, Salafismus und vieles mehr. Die Bewohner scheinen sich damit abzufinden; viele sind zudem nicht direkt von diesen Problemen betroffen, und das Leben wimmelt vom Markt bis zu den Spielplätzen. Doch schon eine Kleinigkeit reicht aus, um die Gemüter zu erhitzen – zum einen, weil man die Polizei im Viertel nicht mag, zum anderen, weil sie nichts unternimmt, um sich beliebt zu machen.

Gewalt und Hass
Ich hatte erwartet, eine Lektion in Opfer-Manichäismus zu erhalten. Auf der einen Seite hätten da diese verdammten Bullen gestanden, Beamte eines rassistischen und unterdrückerischen Staates; auf der anderen Seite hätte man untätige Jugendliche vorgefunden, deren Dummheiten und sogar Verbrechen stets und unaufhörlich durch ihre Situation als Elende. Der Film von Ladj Ly ist nicht schwarz-weiß, denn in Wirklichkeit teilen die drei Polizisten und die Bewohner des Viertels dasselbe Unbehagen, dieselbe Sprache mit Ausdrücken wie «Wesh, Alter» und «Verdammt, halt die Klappe». Es ist weder die Polizei, die dominiert, noch die eine oder andere Seite. Sondern die Gewalt und der Hass, denen alle zum Opfer fallen.
Um die Nuancen der Darstellung zu unterstreichen, vermeidet das Drehbuch es, die Figuren als Karikaturen darzustellen. Die drei Polizisten sind weder pedantische Gesetzestreue noch harte Kerle, ohne deshalb Heilige zu sein. Ihr Verhalten ist dennoch in vielerlei Hinsicht kritikwürdig. Man versteht jedoch, dass bestimmte angewandte Methoden und gewisse wenig zivilisierte Vorgehensweisen vielleicht die einzigen sind, die in einem Viertel möglich sind, in dem niemand vor niemandem Angst hat, in dem aber jeder im anderen einen potenziellen und manchmal sehr realen Feind sieht.
Auch die Jugendlichen werden so gezeigt, wie sie sind: sowohl Träumer, die vor Begeisterung ausflippen, wenn sie einen Ball am Fuß haben, als auch Opfer ihres benachteiligten Umfelds, Rowdys, die stehlen und randalieren und die nur echten Respekt vor bärtigen großen Brüdern haben, die ihnen vom religiösen Leben erzählen.
Und sprechen wir doch einmal über die Gruppe der Gläubigen. Bart und Djellaba, das ist klar; ein bisschen manipulativ und autoritär, natürlich, aber nicht böse. Auch wenn sie nicht gerade die größte Sympathie wecken, entscheidet sich Ladj Ly dafür, ihre Weisheit und ihr brüderliches Engagement zu zeigen. Sie sind zwar für das Phänomen der sogenannten Radikalisierung verantwortlich, aber es liegt ihnen am Herzen, dem Bedürftigen zu helfen und die Nächstenliebe zu fördern – sogar gegenüber Polizisten. Das ist es übrigens, was den Islam ausmacht: sowohl der blutige Dschihad im Namen des Propheten als auch die wohlwollende Solidarität, ebenfalls immer im Namen des Propheten.
Hoffnung und Verzweiflung
Die Figuren sind im Übrigen so fein gezeichnet, dass mir Stéphane, einer der Polizisten, und Salah, der Anführer der eifrigsten Gläubigen des Viertels, als die vernünftigsten und ehrlichsten Protagonisten erschienen. Ehrlich gesagt schließt man sie ins Herz, genauso wie man den Jugendlichen Issaka ins Herz schließt, der quasi für einen Bürgerkrieg verantwortlich ist – ich sage bewusst fast denn – ob man mir nun Naivität vorwirft oder nicht – ich bin der Ansicht, dass ein Kind oder ein Jugendlicher niemals vollständig für eine Tat verantwortlich ist, die es im Alter von zehn oder sechzehn Jahren begeht.
Les Misérables (Die Elenden) weist schließlich eine ganze Reihe von Ungeschicklichkeiten auf. Angefangen bei der Form, die stets an Schönheit grenzt, ohne sie jemals zu erreichen. Man spürt, dass der Regisseur versucht, das, was in der Realität nichts Ästhetisches an sich hat, filmisch ästhetisch ansprechend darzustellen, ganz im Stil eines Baudelaire, der schreibt Die Blumen des Bösen, oder ganz einfach von Hugo, der geschrieben hat Les Misérables (Die Elenden), das Original. Doch der übermäßige und ungeschickte Einsatz der Drohne verdirbt alles. Er soll sogar eine Symbolik in sich tragen, die ich absolut nicht verstanden habe. Das hindert den Spielfilm jedoch nicht daran, uns das Elend durch Bilder und Worte verständlich zu machen und uns ein meisterhaftes, spannendes Ende zu bieten, das sowohl der dunkelsten Verzweiflung als auch der überraschendsten Hoffnung offensteht.
Schreiben Sie dem Autor: loris.musumeci@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Filmcoopi
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