«Dünkirchen» und die Gesichter des Krieges

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geschrieben von Loris S. Musumeci · 26 Juli 2017 · 0 Kommentare

Mittwochs im Kino - Loris S. Musumeci

Eine Partnerrubrik von Cinérevue, die Filmsendung von NeuchVox. Nächste Live-Übertragung: Montag, 7. August 2017, 20:30 - 21:00 Uhr

«Dieser Film ist all jenen gewidmet, deren Leben in Dünkirchen erschüttert wurde».»

Die Straße ist menschenleer. Nur vereinzelte Schüsse hallen in der tödlichen Stille wider. Papierleichen fliegen hier und da umher. Ein junger englischer Soldat rennt, ganz allein. Er erreicht den Strand, um diese Bastion der Niederlage zu verlassen: Dünkirchen. Die Deutschen haben die Alliierten in Geiselhaft genommen. Wie Ratten am Meeresufer eingekesselt, warten 400.000 Männer auf ihre Rettung, ’warten auf ein Wunder«.

Parallel dazu heuerten britische Sportboote an, um ihre Soldaten zu befreien; die Zerstörer reichten nicht aus. Die beiden Küsten sind nur 40 Kilometer voneinander entfernt, doch die Bomben der Achsenmächte erschweren die Mission erheblich. Die dritte Geschichte des Films spielt daher in der Luft. Dünkirchen. Ein tapferer Flieger der Royal Air Force, dessen Treibstoff fast aufgebraucht ist, wirbelt in einem gnadenlosen Kampf herum, um die Boote und den Strand vor dem Feind zu schützen.

Spiele rund um Zeit und Geschichte

Der Regisseur Christopher Nolan ist dafür bekannt, gerne mit der Zeit zu spielen. Dimensionsverschiebungen von’Inception zu den Rückblenden der Saga The Dark Knight, diesmal bewegt er sich auf eine «Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zeiträume» zu. Drei Abschnitte, drei Kapitel. I. Le Môle, II. Das Meer, III. Die Luft. Jeder dieser Teile beleuchtet einen Aspekt der Operation Dynamo, deren Ziel es war, die eingekesselten Truppen vom 26. Mai bis zum 4. Juni 1940 zu evakuieren. Der Zuschauer begleitet so eine Woche lang den jungen Soldaten und seine Kameraden bei ihrem Versuch, so schnell wie möglich zu fliehen; einen Tag lang das zivile Schiff von Herrn Dawson; und eine Stunde lang den Jagdflieger. Jeder erkennt die Meisterschaft des Filmemachers in dieser revolutionären Methode der Zeitbeherrschung. Die Zeit wird relativ – je nach dem persönlichen Rhythmus eines Piloten mit dringender Mission oder dem von Soldaten, die langsam vor Verzweiflung im Sand versinken.

Ein anderer Punkt hingegen stößt bei weitem nicht auf einhellige Zustimmung: der historische Schwerpunkt. Die französische Presse empört sich darüber, dass ihre Widerstandsarmee in dem Spielfilm so gut wie gar nicht vorkommt. Les Inrocks, greift insbesondere auf Fachliteratur zur Operation Dynamo zurück. «Um den britischen Truppen die Einschiffung zu ermöglichen, leisteten 40.000 französische Soldaten 120.000 Deutschen Widerstand. ’Sie haben sich geopfert’, betont Dominique Lormier, Historiker und Experte für diese Epoche sowie Autor von Die Schlacht von Dünkirchen (Hrsg. Tallandier, 2011).» Und er beklagt sich darüber: «Die wenigen Erwähnungen der Rolle der französischen Armee beschränken sich auf zwei Zitate. Wenn Hauptmann Winnant berichtet, dass ‘die Nachhut standhält, die Franzosen sie schützen’, und wenn Major Bolton, der wie der Kapitän der Titanic, der sich weigerte, das Schiff zu verlassen, beschließt, in Dünkirchen zu bleiben, um ‘den Franzosen zu helfen’.»

Über Patriotismus

Als Antwort auf den berechtigten Tenor dieser Kritik steht der Patriotismus, aus dem der Film seine Kraft schöpft. Nolan scheint die Franzosen nicht so sehr zu ignorieren, sondern vielmehr genau von dem großzügigen und mutigen Einsatz eines Volkes für die Seinen zu erzählen. Und von der Liebe zu seinem Land. Kommandant Bolton, der für das Schicksal aller 400.000 geduldigen Menschen am Ufer verantwortlich ist, besingt voller Nostalgie die Nähe zur Heimat, die doch so fern geworden ist.

Herr Dawson selbst erinnert seine junge Besatzung immer wieder daran, dass «es unsere Pflicht ist, die Unseren zu retten». Eine solche nationale Begeisterung stößt bei den Linken von Télérama – obwohl er nach wie vor als Maßstab in Sachen Filmkritik gilt. «Noch störender: der sehr übertriebene patriotische Rausch, als die tapfere zivile Flotte auftaucht. Am Ende hätte fast die britische Nationalhymne erklingen können. Ein bisschen zu viel. »

Die Angst vor Geräuschen

Aus künstlerischer Sicht spielt die Musik eine grundlegende Rolle im Verlauf der Handlung. Sie ist fast ununterbrochen zu hören, ohne dass ihre Komposition besonders herausragend wäre. Ihre Wirkung jedoch ruft im Saal eine untröstliche Angst hervor. Die Geigen werden immer schneller gezupft; die Kontrabässe im Hintergrund verleihen der sich wiederholenden Melodie einen alarmierenden Klang. Sogar das Ticken eines Bombenzeitgebers ist zu hören, tief und bedrohlich, während das Flugzeug umherfliegt, schießt und den gegnerischen Kugeln abrupt ausweicht.

Zudem kommen die Geräuscheffekte des Films neben der Musik hervorragend zur Geltung. Man denke nur an das Dröhnen der Flugzeuge, die den Himmel durchschneiden. Oder auch an die einfachen, zögerlichen Schritte, die den ängstlichen Rhythmus der Verstecke in kleinen, scheinbar verlassenen Booten untermalen, die am Strand gestrandet sind. Am erschütterndsten sind jedoch das Weinen und das letzte Keuchen der Soldaten, die zugleich stark und zerbrechlich wirken. Zudem zeugen das Wimmern und die Schreie von der unschuldigen Jugend dieser jungen Männer. Mit zwanzig Jahren ertrinken zu müssen. Diese Klänge bleiben. Sie graben sich tief in die Eingeweide ein.

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Aussagekräftige Bilder

Was die Kameraführung angeht, so mangelt es zwar keineswegs an makelloser Beherrschung, doch drei besonders ausgefeilte Verfahren sind besonders hervorzuheben. Das banalste der drei ist die umfangreiche Sammlung von Luftaufnahmen. Sie bietet schlichtweg spektakuläre Sequenzen. Subtiler ist die sehr präsente Verbindung zwischen der Kamera und dem Gesicht. Immer wieder bewegt sich die Kamera gegenüber den Hauptdarstellern, die die Gemütsverfassung aller anderen Kameraden verkörpern, auf einer zur Figur symmetrischen Achse. Die Stürze, Grimassen, Atemnot und verzweifelten Ausbrüche hängen am Blick des Zuschauers.

Schließlich kommt der Wechsel zwischen dem Einzelnen und der Masse zum Tragen. Aus dem Bild eines einzelnen Blicks entsteht ein Panoramablick auf Tausende von Helmen am Strand. Dieser Ansatz sagt viel über die Realität dieses Krieges aus, in dem trotz ausgeprägter patriotischer Solidarität jeder versucht, seine eigene Haut zu retten. Überleben – für sich selbst.

Was die Fotografie betrifft, so bedient sich der Film zweier einfarbiger Filter, die zum einen den Film schon allein aufgrund seiner Schönheit zu einem Genuss machen, selbst wenn er stumm wäre; und die zum anderen eine subtile Bedeutung in sich tragen, die sich dem Publikum sogar unbewusst aufdrängt. Blautöne dominieren, da sie Himmel und Meer miteinander verschmelzen lassen, um die Ähnlichkeit der dort erlebten Tragödie aufzuzeigen. Durch ihre Allgegenwart bis wenige Minuten vor dem Ende unterstreichen sie zudem diesen Eindruck der Eingeschlossenheit. Die Befreiung durchbricht das Blau und macht Platz für ein Orange, begleitet von rötlichen Nuancen, das wärmer, beruhigender und heilsamer wirkt.

Dünkirchen wird wohl als großartiges Werk in Erinnerung bleiben. Gewiss, die Vorbehalte, die gegenüber diesem Film geäußert wurden, sind nicht unbegründet. Zudem sollten die Schauspieler nicht darauf hoffen, mit diesem Film in die Filmgeschichte einzugehen, da ihre Persönlichkeit zugunsten des Ganzen in den Hintergrund tritt. Nur die Gesichter werden bleiben, ebenso wie die Stille, die mehr vom Krieg erzählt als jede Rede.

«Wir werden bis zum Schluss kämpfen.»

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Bildnachweis: © lvdnena.rosselcdn.net

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