Richard Jewell: Clint Eastwoods neuer übergewichtiger Held

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geschrieben von Antoine-Frédéric Bernhard · 26. Februar 2020 · 0 Kommentare

Les mercredis du cinéma - Antoine Bernhard

Das Alter scheint ihm nichts anhaben zu können. Clint Eastwood kehrt wieder und wieder mit seinem traditionellen Jahresfilm zurück. Diesmal befasst er sich mit der Geschichte von Richard Jewell. Ein Mann ohne Geschichte, der Archetyp des gefallenen Helden, der von einer skrupellosen politisch-medialen Maschinerie in die Hölle gestürzt wurde. Clint Eastwood sagte: «Die Geschichte von Richard Jewell hat mich interessiert, weil er ein ganz normaler Mensch war, ein Jedermann. Er wurde nie strafrechtlich verfolgt, aber er wurde weitgehend verfolgt.»

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Um den Film richtig anzugehen, sollte man sich mit der faszinierenden Persönlichkeit des Protagonisten beschäftigen. Als ehemaliges Mitglied der Streitkräfte ist Richard Jewell intellektuell ein wenig beschränkt. Er wird von einem unerschütterlichen guten Willen angetrieben, der ihn leider zu manchmal seltsamen Verhaltensweisen verleitet, um wieder eine Rolle bei der Polizei zu spielen. Mit seiner unschuldigen Naivität verkörpert er die infantile Figur schlechthin: Er träumt davon, Polizist zu werden, aber tragischerweise nährt jeder Übereifer den Verdacht des FBI.

Held eines Augenblicks

27. Juli 1996. Im Olympiapark der Spiele in Atlanta explodiert eine selbstgebaute Bombe. Der Park stand jedoch unter strenger polizeilicher Überwachung. Bei der Explosion werden etwa 100 Menschen verletzt und zwei Menschen getötet. Die Verpuffung hätte weitaus mehr Menschen töten müssen, aber ein gewöhnlicher Sicherheitsbeamter, der die verdächtige Tasche bemerkt hatte, konnte rechtzeitig Alarm schlagen. Die Evakuierung hatte bereits begonnen. Wer ist der unbekannte Sicherheitsbeamte? Die Person blieb zunächst anonym. Die Medien fanden jedoch schnell heraus, wer er war: Richard Jewell.

Er wird als Retter, als Held gefeiert. Die Ermittlungen des FBI geraten ins Stocken, ein Schuldiger muss her. Der Verdacht fällt auf Jewell. Er entspricht wider Willen dem perfekten Profil eines Bombenlegers auf der Suche nach Anerkennung - wie ein Feuerwehrmann und Pyromane. Die Informationen sickern durch. Die Presse greift sie auf. Jewell wird zum Staatsfeind Nummer eins. Er wird überwacht, gelyncht, schikaniert; sein Leben wird zur Hölle. Er wird achtundachtzig Tage später aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Clint Eastwood inszeniert sein neues Biopic mit viel Feingefühl. Die historische Realität des Falls Jewell und die Fiktion werden harmonisch miteinander verknüpft. Das Tempo und die Fotografie sind bemerkenswert. Trotz eines über zweistündigen Films und einiger Schwerfälligkeiten veranschaulicht der Regisseur erneut seine vollständige Beherrschung der siebten Kunst und hat einen von Anfang bis Ende interessanten Film geschaffen. Besonders hervorzuheben ist der Soundtrack von Arturo Sandoval - einem berühmten Trompeter -, der sogar einen Vorwand liefert, den Kinosaal nicht vor dem Ende des Abspanns zu verlassen.

Medien in Frage gestellt

Könnte es also einfach ein Film sein auf amerikanische Art? Die Geschichte eines «guten» Menschen, der seinen «bösen» Henkern gegenübersteht? Ganz bestimmt nicht. Über eine einfache Erzählung hinaus prangert Clint Eastwood die Medien an, die die Wurzel des kolossalen Ausmaßes sind, das die Jewell-Affäre angenommen hat. In diesem Zusammenhang ist die fast karikaturhafte Darstellung von Kathy Scruggs zu erwähnen, einer Journalistin, die bereit ist, ihren Körper für eine Story zu verkaufen.

Die Medien verfügen über eine enorme Macht. Der Fall Jewell zeigt, wie sehr sie die Realität nach Belieben formen können. Wie zerstörerisch die fast schon blutrünstige Gier von Journalisten sein kann. Wie sehr der Wille zur Sensation - und damit zum Geldverdienen - alles auf seinem Weg verwüstet, ohne Respekt oder Menschenwürde zu beachten. Dies geschieht, weil die Medien nicht den Mut haben, sich über die niederen Bedürfnisse der Masse zu erheben, die, um ihren frenetischen Durst nach Katharsis zu stillen, ständig nach ihren Helden oder Antihelden sucht, die sie verehren oder zerfleischen können.

Es stellt sich also die Frage. Welche Rolle spielen die Medien? Was machen sie mit ihrer enormen Macht? Kann sich die Presse je nach Mode und Trend auf eine reinigende Rolle beschränken? Diese Frage ist heute aktueller denn je...

Schreiben Sie dem Autor: antoine.bernhard@leregardlibre.com

Bildnachweis: © Warner Bros. Entertainment

Antoine-Frédéric Bernhard
Antoine-Frédéric Bernhard

Antoine-Frédéric Bernhard ist freier Journalist und Philosophiestudent. Er ist stellvertretender Chefredakteur von Le Regard Libre.

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