In ihrem ersten Spielfilm taucht Carmen Jaquier in die Höhen der Schweiz zu Beginn des 20..Jahrhundert. Ein coming-of-age militanter Film, der die jugendliche Emanzipation in einer Gesellschaft hervorhebt, die durch eine feste katholische Praxis betäubt ist.
Die 17-jährige Elizabeth bereitet sich auf ihren endgültigen Eintritt in den Orden vor, als sie vom Tod ihrer Schwester erfährt. Dieses plötzliche Ereignis zwingt sie dazu, in den Schoß ihrer Familie zurückzukehren. Während sie das anstrengende Leben in ihrem heimatlichen Tal wieder aufnimmt, rätselt die junge Frau über die Gründe für den mysteriösen Tod ihrer älteren Schwester.
Sei weise und schweig
Die Eröffnungssequenz des Films zeigt eine Reihe von Porträts von Bergfrauen in ihrem Alltag. Mit Hilfe von Fotografien, Gemälden und schließlich dem Medium Film verdeutlicht diese Einführung von Anfang an die Absicht der Schweizer Regisseurin, die Geschichte dieser Frauen nachzuzeichnen, indem sie Realität und Fantasie miteinander vermischt. Ausgehend von den Notizbüchern ihrer Urgroßmutter, dem Austausch mit Ahninnen und dem Schreiben von fiktiven Figuren, die sich in einer fast fantastischen Welt bewegen, versucht Carmen Jaquier, die Geschichte dieser Frauen durch die Brille der Subjektivität zu vermitteln. Trotz des unbestreitbaren Willens der Filmemacherin, die Erzählung einer jungen Frau zu teilen, die von mächtigen, noch fremden Empfindungen beseelt ist, entfernt sich der manchmal zu allegorische Film von der Emotionalität und lässt sein Publikum im Stich.
Dieses Teilen und Weitergeben ist die Grundlage des Projekts der Regisseurin. Form und Inhalt sind sich einig: die Unfähigkeit aller, über die Selbsterfahrung durch den Körper zu kommunizieren. Die Übertragung erfolgt durch ein Tagebuch, während die Welt, in der Elizabeth lebt, stumm bleibt. Diese Stille spiegelt sich in den wenigen, kurzen Dialogen und Einstellungen wider, die die junge Frau allein im Tal ausstellen. Dennoch ist die letzte Replik des Teenagers eine direkte Ansprache an den Zuschauer. Elizabeth ist endlich in der Lage, sich zu äußern, trotz der Autoritätspersonen, die sie im gesamten Film behindert haben.
Diese als Adoleszenz bezeichnete Zeit
Der Ausdruck des Körpers erscheint in einem crescendo visuell. Während sich das Bild zunächst auf die Hände und Gesichter in Großaufnahmen konzentriert, die manchmal zu häufig und redundant sind, taucht Nacktheit erst im letzten Drittel des Films auf. Eine der Stärken von Blitzschlag tritt in der Darstellung der Sexualität von Elizabeth und den anderen Jugendlichen im Dorf auf. Diese Heftigkeit wird immer auf sanfte Weise angegangen, im Gegensatz zum gewalttätigen Verlangen der Protagonistin. Elizabeths aufkeimende Lust basiert auf verschiedenen Blickwechseln und unschuldigen Küssen, ohne dass das Explizite gezeigt wird.
Der Film geht noch weiter: Er betont nicht nur das Bewusstsein für Sinnlichkeit, sondern zeigt auch die Solidarität und Wärme junger Körper, die durch Langeweile und Verbannung erstarrt sind. Mehrmals sitzt die Gruppe der jungen Bauern - Elizabeth und ihre drei Liebhaber - in der Natur und wartet in der Stille auf eine Lösung für ihren lymphatischen Zustand. Ihre Emanzipation wird also durch die Kenntnis ihrer individuellen und kollektiven Körper aufgebaut.
Blitzschlag bietet unauffällige Kamerabewegungen und verankert sich in einer gewissen Fixiertheit des Rahmens. Dennoch ist die Beziehung zwischen oben und unten - die grundlegend ist, da sie sowohl an die Religion als auch an die Berge erinnert - durch die Komposition der Einstellungen und die Wahl der Kamerawinkel sichtbar. Die Protagonisten finden sich entweder völlig liegend oder stehend wieder, und einige (Gegen-)Tauchgänge betonen diese Spannung zwischen Boden und Himmel. In ihrem ersten Spielfilm bietet uns Carmen Jaquier eine verlockende Inszenierung und Komposition der Einstellungen. Während der Film aus einer persönlichen und intimen Fragestellung zu entstehen scheint, verdrängt er manchmal die Emotionen auf Kosten des engagierten Diskurses der Regisseurin. Dennoch gelingt der Schweizer Filmemacherin ein Kunststück: Sie schafft einen sanften Schocker.
Schreiben Sie der Autorin: leila.favre@leregardlibre.com
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