Filme Kritik

Der «Joker», so verstörend wie atemberaubend

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geschrieben von Melisa Oriol · 09. Oktober 2019 · 1 Kommentar

Die Joker Der Film von Todd Phillips erzählt vom allmählichen Abstieg Arthurs Fleck in die Abgründe des Wahnsinns. Joaquin Phoenix verkörpert auf brillante Weise eine der komplexesten Figuren des DC-Comics-Universums.

Ein schmuddeliger Umkleideraum, in dessen Mitte ein Tisch und ein großer Spiegel stehen. Ein Mann schminkt sich dort als Clown. Nahaufnahme seiner Lippen, die mehr schlecht als recht versuchen zu lächeln: Arthur Fleck (Joaquin Phoenix). Schon in den ersten Sekunden wird die Dualität der Figur deutlich. Zwischen seinem Lächeln und der doch offensichtlichen Traurigkeit seines Gesichts, zwischen der Person und ihrem Spiegelbild oder auch zwischen dem Mann und dem Clown. Arthur Fleck wird ständig als Seiltänzer auf dem Seil der Vernunft dargestellt, bereit, jeden Moment in die Leere des Wahnsinns zu stürzen.

Diese ständige Spannung dringt durch die Leinwand und erfasst uns, die Zuschauer. Der Joker lässt uns zwischen Ekel, Verlegenheit und Mitgefühl schwanken. Es ist eine aufrichtige Verbundenheit, die wir empfinden, wenn er ohne Grund zusammengeschlagen wird oder seinen Schmerz darüber zum Ausdruck bringt, in den Augen der Gesellschaft unsichtbar zu sein. Manchmal könnte man meinen, ein Kind im Körper eines Erwachsenen zu sehen. Und dann fängt er plötzlich an zu lachen … Ein Lachen, das zunächst überraschend und amüsant wirkt, dann aber immer bedrückender wird, bis es Unbehagen hervorruft. Je mehr er lacht, desto beängstigender wird er. Da er immer wieder von Lachanfällen erfasst wird, wird sein Lachen zu dem eines Verrückten.

Klopf, klopf

Der Film zeigt uns also den langsamen psychischen Zusammenbruch von Arthur Fleck. Ausgehend von einem Alltag voller Elend, in dem die Tage mit ihren Spott und Aggressionen aneinanderreihen, gelangt man schließlich an einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Ein Ereignis, bei dem er als Clown verkleidet von der Arbeit nach Hause kommt, lässt ihn in den Augen der Welt erst richtig existieren. So ist es nur natürlich, dass er nach und nach seine Identität durch die Figur des Clowns entwickelt. Diese so lustige und extravagante Figur, die zwischen der Welt der Kindheit und der der Erwachsenen steht. Je stärker seine Psychose wird, desto mehr lässt uns der Film in seinen Kopf blicken – und das lässt einem einen Schauer über den Rücken laufen.

Vor allem der Schauspieler Joaquin Phoenix musste sich vor uns in die Gedankenwelt des Jokers hineinversetzen. Viele Schauspieler haben sich vor ihm daran versucht, darunter Cesar Romeo (Batman 1966) bis hin zu Jared Leto (Suicide Squad 2016) bis hin zu Jack Nicholson (Batman 1989). Einige haben sich darin hervorgetan, andere weniger; Heath Ledger fand darin sogar ein tragisches Ende. Denn es handelt sich um eine sehr düstere und vieldeutige Figur, geprägt von Gewalt und Überraschungen. Eines ist jedoch sicher: Joaquin Phoenix hat es geschafft, sie zu zähmen, und seine Darstellung wird einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Eine Rolle, die einem auf die Haut geht

Die körperliche Verwandlung des Schauspielers ist verblüffend. Sein skelettartiger, deformierter Körper steht in wunderbarer Übereinstimmung mit der gestörten Mentalität seiner Figur. Sein Blick, der zugleich leer und intensiv ist, wird durch Nahaufnahmen hervorgehoben, in denen man den Schauspieler nicht mehr von der Figur unterscheiden kann. Seine Stimme (Originalfassung), deren Klang ebenso düster ist wie der des Films, wirkt hypnotisierend. Doch vor allem ist es dieses eiskalte Lachen, das die Figur vervollkommnet, die so oft mit seinem Lächeln in Verbindung gebracht wird. Und welcher Schauspieler wäre dafür besser geeignet als der, der bereits eine Narbe im Gesicht trägt?

Hier wird eine Meisterleistung vollbracht. Die Großartigkeit der Figur wäre ohne die absolut atemberaubende Kameraführung zweifellos nicht so ausgeprägt. Die Weitwinkelaufnahmen lassen den ganzen Wahnsinn des Jokers zum Ausdruck kommen, insbesondere bei seinen zahlreichen Tänzen. Die Farben verleihen dem Bild Tiefe und eine ganz besondere Atmosphäre. Auch die Bildkomposition und die Kamerabewegungen stehen dem in nichts nach, da sie die innere Welt der Figur widerspiegeln: schräg, verstörend und orientierungslos.

Das Tempo mag zwar relativ langsam erscheinen, ist aber für die Entwicklung der Figur notwendig; man wird schließlich nicht im Handumdrehen zum Joker! Lobenswert ist die Entscheidung, diesen Film nicht zu einem Blockbuster in dem alles explodiert und die Figuren karikiert werden, wie es schon viel zu oft der Fall war. Das gemächliche Tempo lässt die Spannung bis zu ihrem Höhepunkt ansteigen … und wenn sie schließlich entlädt, wirkt das wie ein Schock. Das ist ein spektakulärer Film, der unsere volle Aufmerksamkeit verdient.

Sie haben gerade einen Artikel aus unserem JOKER-Dossier enthalten in Le Regard Libre Nr. 60.

1 Kommentar

  1. Angelilie
    Angelilie · 10. Oktober 2019

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