«Der wilde Birnbaum»

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geschrieben von Loris S. Musumeci · 29. August 2018 · 0 Kommentare

Mittwochs im Kino - Loris S. Musumeci

Eine seltsame Erfahrung. Die sogar ein gewisses Unbehagen auslöst. Eine ganz normale Reaktion für einen Autorenfilm. Die Wildbirne. Denn es handelt sich um einen echten Autorenfilm, und das nicht zu knapp. Dennoch kommt er nicht bei jedem Zuschauer an. Ist Nuri Bilge Ceylans neuer Film wirklich ein (sehr) schlechter Spielfilm? Ist er unzugänglich? Verschleiert die übertriebene Arroganz von Sinan, dem Hauptprotagonisten, der Schriftsteller werden will, und des Films selbst ein Meisterwerk? Ist die Arroganz stattdessen das Spiegelbild eines falschen großen Regisseurs, der einen falschen großen Film gedreht hat?

Auf jeden Fall, Die Wildbirne ist an sich schon von großem Interesse. Mit ihrer philosophischen Ader hinterfragt sie ernsthaft, aber nicht ohne einen Hauch von Spott, die Beziehung eines jungen Menschen zu seiner Familie, genauer gesagt die zwischen Sohn und Vater. Gleichzeitig hinterfragt er damit die Beziehung, die sich zwischen dem Menschen und seiner Heimat, zwischen dem Menschen und der Erde sowie den Tieren, die sie bevölkern, entwickelt. Die Kamera ihrerseits bietet eine Bildsprache, deren Kraft in der kargen Traurigkeit der Landschaften liegt, im tränenreichen grauen Himmel Anatoliens und in der ganz und gar menschlichen Hässlichkeit der Menschen, die sich schlecht kleiden, sich nicht pflegen und auf der Leinwand banalerweise elend wirken.

Diese Stärken des Films haben jedoch auch ihre Grenzen. Die Bildgestaltung greift zwar originelle, aber eher schwerfällige Techniken immer wieder auf. Die 360-Grad-Drehung der Kamera um Sinan herum möchte offenbar für sich selbst sprechen oder etwas beweisen. Dennoch erschweren die Ermüdung angesichts eines geschwätzigen und in die Länge gezogenen Drehbuchs sowie das Gefühl der Fremdheiteiner zu weit entfernten Geschichte versperren den Zugang zum Sinn dieses Verfahrens ebenso wie zu dem der Überblendung im Schaufenster zu Beginn oder dem der Lichtkreise durch die Blätter eines Baumes.

Zudem scheint das betreffende Drehbuch, das auf den ersten Blick raffiniert und sehr ausgefeilt wirkt, seine Banalität nur schlecht zu verbergen; eine enttäuschende Banalität, eine groteske Banalität. Ja, Sinan schreit am Telefon mit seinem Milizfreund herum, um sich über die Unterdrückung lustig zu machen, und dieser Freund legt noch einen drauf – dank der Freisprechanlage mitten in der Stadt –, indem er sich über die «Linken» und andere stolze Erdogan-Anhänger lustig macht. Das Gespräch der Figur mit zwei jungen Imamen lässt sich schon als Kultszene des Kinos vorstellen; doch was kommt dabei heraus? «Wenn du anfängst, die Religion zu reformieren, öffnest du die Tür für alle menschlichen Fantasien.» Nun gut, diese Imame wirken nicht besonders klug. «Die Religion hindert die Menschen daran, zu ihrer eigenen Wahrheit zu gelangen.» Und was Sinan angeht, ist das auch nicht wirklich viel erhabener; ein Fall von primitivem Relativismus, vorgetragen von einem Teenager Aufgewühlt – das ist gelungen.

Dennoch bleibt festzuhalten, dass Ceylans künstlerischer Ansatz lobenswert ist und mit Respekt behandelt werden muss, schon allein wegen des Mutes, den der Autor in der Türkei beweist, und wegen seines phänomenalen internationalen Rufs. Außerdem bedeutet die Auseinandersetzung mit den Werken eines solchen Regisseurs, dass man in vivo ein Teil der Filmgeschichte. Das Filmprojekt ist daher lobenswert und dennoch bedauerlich. Zumindest aus der Sicht eines Zuschauers, dem es zweifellos nicht gelungen ist, die kostbare Frucht des Wildbirne.

Schreiben Sie dem Autor : loris.musumeci@leregardlibre.com

Bildnachweis: © trigon-film

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