«Die Brüder Sisters: Der Gute, der Tyrann und die Natur
Les mercredidis du cinéma - Alexandre Wälti
Zwei Brüder, der Wilde Westen und das Licht. Der Franzose Jacques Audiard präsentiert Die Sisters Brothers. Er nähert sich dem Blockbuster, ohne dass sein Film zu einem solchen wird. Er steht mit einem Fuß in den Codes des Westerns und mit dem anderen in denen der visuellen Ästhetik. Ein Abenteuer, in dem aus der Brutalität eine Form der Brüderlichkeit entsteht.
Jeder Schuss hat seinen ganz bestimmten Grund. Die Eröffnungsszene verdeutlicht dies perfekt: eine etwa siebenminütige Lektion in Filmkunst. Allein schon deswegen sollte man sich den Film ansehen! Zunächst die Nacht, geheimnisvoll; eine Totale enthüllt eine anthrazitfarbene Landschaft; der Horizont ist dunkel; in der Mitte, im Nebel, die Silhouette eines Hauses; dann hallen Stimmen wider, Warnungen. Die Spannung steigt.
Plötzlich fallen Schüsse. Schreie. Man sieht nur die Mündungsblitze der Gewehre. Sie erhellen die Szene gerade so weit, dass man begreift, was vor sich geht: ein brutales Massaker, irgendwo im Amerika des 19. Jahrhunderts. Jahrhundert. Ein Mann betritt das Haus, das Licht fällt auf Leichen. Er schießt aus nächster Nähe auf diejenigen, die noch am Leben sind, und ruft einen Vornamen. Dieser versucht, über das Dach zu fliehen, rutscht aus und fällt direkt vor einen anderen Mann, der ihn ohne mit der Wimper zu zucken erschießt.
Die Figuren beleuchten
Da sind sie nun, die Brüder Sisters, und ihr Ruf drängt sich dem Zuschauer geradezu auf! Charlie (Joaquin Phoenix) ruft seinen Bruder Eli (John C. Reilly) an. Schon von Anfang an wird durch die Art und Weise, wie Audiard seine beiden Hauptfiguren inszeniert, deutlich, dass der erste gewalttätiger ist als der zweite, nur weiß man noch nicht, warum. Nachdem sie den Brand in der Scheune festgestellt haben, machen sie sich mit dem zufriedenen Gefühl, ihre Pflicht erfüllt zu haben, wieder auf den Weg.
Das Abenteuer beginnt dann erst richtig mit einem neuen Auftrag: den Chemiker Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) zu foltern, um eine Formel aus ihm herauszubekommen. Morris (Jake Gyllenhaal) hat ihn bereits im Visier und informiert die Sisters-Brüder darüber. In den Dörfern geht das Gerücht um, dass Warm die Fähigkeit besitzt, Edelmetalle in den Flüssen erscheinen zu lassen. All dies spielt sich mitten in der Zeit des Goldrauschs ab. Hallo Jack London! Hallo Henry David Thoreau!
Von da an beginnt eine Verfolgungsjagd von Oregon bis nach Kalifornien. Bis dahin steht eines fest: Brutalität. Ja, aber im weiteren Verlauf der Geschichte offenbart sich nach und nach – selbst inmitten des Grauens – die Verbundenheit, die diejenigen verbinden kann, die sich zunächst gegenseitig jagen und sich schließlich auf die eine oder andere Weise schätzen lernen. Eine Verbindung, die dank des Traums des Verfolgten Warm entsteht. Wie? Das müsst ihr selbst herausfinden!
Enthüllen, wer sie wirklich sind
Jacques Audiards wahrer Erfolg liegt in seinem Umgang mit dem Licht. Es wirkt stets natürlich, was insbesondere die zahlreichen und bedeutenden Szenen am Lagerfeuer so authentisch und lebendig erscheinen lässt. So reicht beispielsweise allein das Licht der Flammen aus, um die Charakterzüge hervorzuheben, die dabei helfen, die Seele der beiden Brüder besser zu verstehen. Atemberaubend! Ähnlich wie die Persönlichkeit der vier Protagonisten, die ganz natürlich in den durch ein Fenster einfallenden oder von einer Lampe ausgestrahlten Lichtstrahlen zum Vorschein kommt.
Das alles ist ein intensives und wunderbares Schauspiel! Zum Glück glauben manche Filmemacher noch an die dramatische Kraft des Lichts!
Schreiben Sie dem Autor: alexandre.waelti@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Ascot Elite
Einen Kommentar hinterlassen