«Die fünf Teufel»: Über den Tellerrand hinausschauen

4 Leseminuten
geschrieben von Jonas Follonier · 10. September 2022 · 0 Kommentare

Entdeckt im Mai in Cannes in der Quinzaine, Die Fünf Teufel ist nach dem Sportzentrum benannt, das als Mittelpunkt seiner verschlungenen Zeitreise dient. Ein Film, der die sexuelle Freiheit und das Geheimnis der Existenz aus dem Blickwinkel eines besonderen Voyeurismus betrachtet. Sehenswert.

Joanne (Adèle Exarchopoulos) ist nicht gerade das, was man eine liebevolle Mutter nennen würde. Ganz im Gegensatz zu der Bewunderung, ja sogar Verehrung, die ihre Tochter Vicky ihr entgegenbringt. Ein Gefühl, das so stark ist, dass unter den von Vicky in Gläsern gesammelten Düften die von Joanne einen besonderen Platz einnehmen. Ja, denn Vicky hat einen sehr ausgeprägten Geruchssinn und zweifellos auch einen etwas seltsamen sechsten Sinn. Wenn sie eines der Gläser öffnet, in denen sie den Geruch von Dingen und Menschen festhält, kann sie vergangene Ereignisse miterleben. Eine Gabe, die ebenso entscheidende wie grausame Enthüllungen über ihre Eltern und ihre Tante Julia (Swala Emati) zutage fördert – eine alkoholkranke und verzweifelte Frau, die gerade für eine Weile bei ihnen eingezogen ist.

Die Geschichte entfaltet sich von Anfang bis Ende in einer düsteren Atmosphäre. Eine bizarre und ungewisse Welt, von der viel Traurigkeit ausgeht, die nur durch das trübe Wetter im Isère-Tal, in dem der Film spielt, noch übertroffen wird. Während die Landschaft in den Lieder von Paolo Conte, trauert die Provinz in diesem meisterhaften, von Finesse geprägten Werk von Léa Mysius. Die Regisseurin und Drehbuchautorin, die an Die Geister des Ismael oder Roubaix, ein Licht bestätigt im Übrigen, dass sie dies verankern wollte Die Fünf Teufel gerade in diesem kleinen Bergdorf. «Ich filme Frankreich gerne so, wie man es im Kino sonst kaum zu sehen bekommt», erklärt sie. Eine ideale Kulisse für einen Spielfilm von ungeahnter Tiefe, der das Intime mit dem Gesellschaftlichen und Zurückhaltung mit Entsetzen verbindet.

Alles hängt an einem seidenen Faden

Abgesehen von der perfekt beherrschten schauspielerischen Leistung wird jedes Element der Handlung subtil eingebracht und trägt zu einer Kohärenz bei, die man erst am Ende versteht. Eine der Schlüsselszenen der Handlung hat symbolischen Charakter: Als Joanne im Auto beinahe ihre Tochter überfährt, die rennend die Straße überquert, kündigt dies die existenzielle Selbsthinterfragung der Tochter an. Die wortlose Handlung nimmt gewissermaßen die Dialoge vorweg: «Hast du mich schon geliebt, bevor ich existierte?», wird Vicky ihre Mutter fragen. «Wenn du Mama nicht geheiratet hättest, würde ich dann existieren?», wird sie einige Sequenzen später erschütternd an ihren Vater richten. Wenn die Leere nach dem Tod eine empörende Hypothese ist, warum sollte dann die Leere vor der Geburt keine sein?

NEWSLETTER DES FREIEN BLICKS

Erhalten Sie unsere Artikel jeden Sonntag.

Was Vicky in dem Film entdeckt, ist eine Realität, die uns alle schon einmal mehr oder weniger beschäftigt hat: So vieles im Leben hängt von Kleinigkeiten ab. Ohne die Art der Erinnerungen zu verraten, zu denen Vicky Zugang hatte, lässt sich sagen, dass sie den unglaublichen und zerbrechlichen Schmetterlingseffekt zeigen, der zwischen den Entscheidungen einzelner Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt und der späteren Ankunft eines neuen Menschen auf der Erde entsteht. Hätte diese Person das nicht getan oder gesagt, wäre jene andere heute nicht da, um darüber nachzudenken. Ebenso sind unsere heutigen Handlungen nicht nur potenzielle Erinnerungen, sondern könnten in Zukunft von noch nicht geborenen Menschen beurteilt werden – eine Art umgekehrte Geister. Die Sache hat etwas Unheimliches. Der Film vermittelt uns dies sehr eindringlich, indem er uns direkt in die Flammen entführt.

Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com

Sie haben gerade einen frei zugänglichen Artikel gelesen. Debatten, Analysen, Kulturnachrichten: abonnieren Sie um uns zu unterstützen und Zugang zu all unseren Inhalten zu erhalten!

Die fünf Teufel (Plakat)
Jonas Follonier
Jonas Follonier

Jonas Follonier ist Chefredakteur von «L’Agefi» und Essayist sowie Gründer und Vorsitzender von «Regard Libre».

Einen Kommentar hinterlassen