«Figlia mia»: oh mamma mia!
Mittwochs im Kino - Virginia Eufemi
In der kargen, ländlichen Landschaft Sardiniens folgen wir zwei Frauen, die durch ihre Mutterliebe zu Vittoria (Sara Casu), einem zehnjährigen Mädchen mit wunderschönen feuerfarbenen Haaren, vereint sind. Tina (Valeria Golino) hat sie ordnungsgemäß aufgezogen: Vittoria ist ein sehr braves und wohlerzogenes Mädchen, das in der Dorfkirche die Orgel spielt. Angelica (Alba Rohrwacher) hat sie neun Monate lang getragen, um sie dann nach der Entbindung Tina anzuvertrauen. Doch eines Tages, als Angelica wegen Geldproblemen ihren Hof verlassen muss, bittet sie Tina nur um einen Gefallen: Sie soll Vittoria kennenlernen.
Dieser Spielfilm aus Italien, Deutschland und der Schweiz, der Anfang des Jahres bei der Berlinale in der Auswahl für den Goldenen Bären stand, wurde von der Italienerin Laura Bispuri (Jungfrau unter Eid, 2015) inszeniert. Trotz guter Absichten begnügt sich diese Regiearbeit mit einem «kann besser sein». In der Tat würde man sich mehr wünschen: Die Charaktere sind nicht tiefgründig, die Leistungen sind ordentlich, aber nicht mehr, das Drehbuch flach. Figlia mia fehlt es an Tiefe. Schade für ein so interessantes Thema wie Mutterbindungen, was eine Mutter ausmacht und die Schwierigkeiten einer Adoption.
In der windgepeitschten Landschaft Sardiniens entwickelt sich zwischen Land und Meer ein rein weibliches Trio, dessen Dramatik man zwar wahrnimmt, aber nicht spürt. Angelica ist keine Engelsgestalt, sondern eine verführerische, exzentrische und alkoholabhängige junge Frau. Tina hingegen ist eine liebevolle, aber melancholische Mutter, die Vittoria zu sehr bemuttert. Letztere wird gerade von Angelicas Verrücktheit verführt und tritt dank der gemeinsamen Erlebnisse der beiden in die Adoleszenz ein. Eine vierte Figur, Frau und Mutter, überragt dieses Trio: die Jungfrau Maria.
Laura Bispuri lässt uns durch sehr enge Einstellungen, in denen wir die Bewegungen der Protagonisten mit der Kamera auf der Schulter verfolgen, in den Alltag dieser Frauen eintauchen, aber es gelingt uns nicht, die Gefühle der Figuren zu durchdringen, die glatt und ausdruckslos bleiben. Die Körnung des Bildes scheint uns die Zeitlosigkeit des Geschehens zu suggerieren, ebenso wie das fast völlige Fehlen von Technologie, das die Erzählung aufhält.
Wir würden aber gerne mehr über die Beziehung zwischen Tina und Angelika erfahren. Tina zahlt der jungen Frau regelmäßig Geld, als wolle sie sich ihr Schweigen und ihre Distanz erkaufen. Angelica scheint keinen Hass auf Tina zu hegen, ihre Beziehung ist seltsam und faszinierend, aber sie bleibt nur angedeutet und wird kaum vertieft. Auch die Stimmen im Dorf scheinen sich nicht um die Geschichte zu kümmern.
Was uns im Gedächtnis bleibt, ist die ganze Frage nach dem Besitz des anderen: «Das ist MEINE Tochter», «sie gehört MIR». Schließlich verstehen wir, dass Vittoria die Tochter von beiden und von keiner von beiden ist. Und wenn das kleine Mädchen symbolisch aus den Eingeweiden ihrer Erde wiedergeboren wird, ist sie allein, eine mutige Frau, die den Unebenheiten des Lebens gegenübersteht und niemandem außer sich selbst gehört.
Schreiben Sie dem Autor : virginia.eufemi@leregardlibre.com
Fotocredit: © Vivo Film
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