Filme Kritik

«Bécassine!», ein bescheidenes Spektakel des Staunens

3 Leseminuten
geschrieben von Loris S. Musumeci · 04 Juli 2018 · 0 Kommentare

Bécassine ist ein nettes Mädchen. Bécassine ist ein einfaches Mädchen, sogar ein bisschen einfältig. Bécassine kennen wir. Sie ist die Schnepfe aus den Comics, die nun zu einer Filmfigur mit eigener Persönlichkeit und eigenen Abenteuern wird. Sie ist Bretonin; sie träumt von Paris, von seiner Größe und seinen Lichtern. Tief in ihrem Inneren will sie sich eigentlich nur nützlich machen, arbeiten und glücklich sein.

Nachdem sie Onkel Quentin und ihre Eltern begrüßt hat, macht sich Bécassine auf den Weg in die Hauptstadt. Unterwegs begegnet sie dem flotten, gelben Auto der Marquise de Grand-air, in dem sich neben dem Chauffeur auch ihr Vertrauter, ihre Adoptivtochter und das Kindermädchen befinden. Letztere, benommen von den Schlägen ihres Vaters, misshandelt das Mädchen mit Ohrfeigen. Als sie mitten auf der Straße entlassen wird, übernimmt Bécassine ihren Platz und weicht damit von ihrem geplanten Weg nach Paris ab. Im Dienst der Marquise lässt sich die junge Bretonin im Schloss nieder, um sich um die kleine Loulotte zu kümmern und dem Ort neues Leben einzuhauchen, wobei sie die anderen Bediensteten zu derselben Begeisterung anspornt.

Eine gute französische Komödie

Um es gleich vorweg zu nehmen: Waldschnepfe! ist weder ein Meisterwerk noch ein Film, der die Verfilmung von Comics revolutioniert. Das hindert einen jedoch nicht daran anzuerkennen, dass der Spielfilm von Bruno Podalydès frisch, unbeschwert, witzig, intelligent und unterhaltsam ist. Waldschnepfe! vereint diese Qualitäten, weil er ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt, das er auch erreicht: auf raffinierte Weise eine gute französische Komödie zu bieten.

Wer Komödie sagt, meint Wortspiele und auch Slapstick. Die hochkarätige Besetzung – darunter unter anderem Karin Viard, Josiane Balasko und Denis Podalydès – und insbesondere Emeline Bayart in der Hauptrolle verleihen dem Film eine theatralische Dimension. Die Bewegungen sind repetitiv, gerade so viel, dass sie selbst dem mürrischsten Zuschauer ein leichtes Lächeln entlocken, ohne dabei in aufdringliche und ermüdende Lächerlichkeit zu verfallen. Die Witze hingegen sind eher platt; nicht, weil sie auch nur ansatzweise vulgär wären, sondern weil sie einfach nur albern sind.

Tatsächlich braucht es ein gewisses Maß an Dummheit, um eine Komödienfigur zu charakterisieren. Getreu der traditionellen Bécassine zeichnet das Drehbuch die Umrisse der Heldin nach. Doch es handelt sich wirklich nur um Umrisse. Das Innere ist ganz anders. Es vervollständigt den Reichtum derjenigen, die man für dumm hält. Die Komödie gewinnt dadurch an Tiefe und wird ihrer Bestimmung gerecht: jemanden zu präsentieren, der zwar zum Lachen bringt, aber auch durch seine von Authentizität geprägte Unschuld berührt. In diesem Sinne steht Bécassine Mister Bean sehr nahe, der ebenfalls lustig und rührend ist.

Ein Film voller Staunen

Das Staunen wird dann zu einer Folge des Verhaltens der komischen Figuren. Genau hier gelingt es dem Regisseur, seinem Film eine sehr solide und wirkungsvolle Substanz zu verleihen. Bruno Podalydès hätte sich darauf beschränken können, das Staunen nur in Bécassines Psyche durchscheinen zu lassen.  Stattdessen lässt er es bis in die technischen Elemente hinein einfließen. Die Kameraführung ist klar in ihrer Helligkeit, farbenfroh und füllt Bécassines Blickfeld aus. Die Ästhetik des Bühnenbilds hat, wie bereits erwähnt, nicht nur einen theatralischen Charakter, sondern auch etwas Tanzhaftes. Die von Emeline Bayart gestaltete Choreografie versetzt nicht nur den Blick, sondern den gesamten Körper von Bécassine in Staunen.

Das Ganze wird schließlich von der Musik getragen. Sie ist unverzichtbar und hebt sich nicht allzu sehr vom Gesamtwerk ab, da sie perfekt dazu passt. Sie wirkt so natürlich, dass man nicht so recht weiß, ob sie Ursache oder Folge des Staunens ist. Zwischen dem sanften Klavier, den gezupften Saiten, der sanft gestrichenen Gitarre und der verzauberten Flöte bestätigt der Soundtrack eindeutig, dass die Figur der Bécassine Glück hat, von einem talentierten Regisseur wieder zum Leben erweckt worden zu sein, der seinem Publikum ein bescheidenes Spektakel voller Staunen, Freude und Zärtlichkeit bietet.

– Machen Sie es etwas langsamer!
– Das liegt nicht an mir, sondern am Auto.

Schreiben Sie dem Autor : loris.musumeci@leregardlibre.com

Fotocredit: © Praesens-Film

Einen Kommentar hinterlassen