Gangster im Film
Mittwochs im Kino - Sonderausgabe: Die Coronaretrospektive des Kinos - Loris S. Musumeci
Kino ist Reisen, während man im Sessel sitzt, es ist die Erfahrung eines Lebens, das nicht das unsere ist. Kino ist ein Traum. Es regt zum Träumen von anderen Existenzen an, die man in der Realität nicht führen könnte oder wollte. So bieten Gangsterfilme einen Traum. Mal stellt sich der Zuschauer den großen Boss vor, mal den Polizisten. Auf jeden Fall stellt er sich immer eine Waffe in der Hand vor. Er begibt sich in ein Abenteuer, in dem er sein Leben riskiert. In Gangsterfilmen ist es jedoch eher so, dass man sich als Gangster vorstellt. Andere Filme oder Serien lassen der Figur des Polizisten oder Ermittlers den Vortritt.
Nimmt man als Beispiel die größten Filme des Genres mit der Trilogie des Pate (Francis Ford Coppola, 1972, 1974, 1990) wird deutlich, dass es nichts gibt, womit man sich mit irgendwelchen Polizisten, Ordnungshütern oder gar Politikern identifizieren möchte. Die Helden sind die Corleones. Und nur sie. Die anderen Mafiafamilien, die in den drei Filmen auftreten, sind wiederum Feinde der Corleones, Feinde der Zuschauer. In gewisser Weise sind die Corleones die nett der Filme und werden unsere nett zu uns. Wir ergreifen Partei für sie, fürchten um sie, weinen mit ihnen in Dramen, schmieden Ränke mit ihnen, treten in die Familie ein und sprechen mit ihnen «ein Angebot aus, das du nicht ablehnen kannst».
Über den Fall des Pate, Dasselbe gilt für alle Gangsterfilme, in denen diese Gangster faszinieren. Sie haben Klasse. Die Macht. Das Geld. Die Frauen. Und manchmal haben sie weder Klasse, noch Geld, noch Frauen, und wir mögen sie trotzdem. Das Modell ist nicht festgelegt. Das Unterweltkino, je nach Kriterium ein Untergenre des Action- oder Kriminalfilms oder sogar ein eigenes Genre, hat sich seit der Nachkriegszeit ständig mit Meisterwerken oder kleineren Filmen bereichert, die ihm eine Palette sehr unterschiedlicher Stile verleihen. Hier findet jeder Kriminelle, der in uns schlummert, den passenden Schuh, vom großen Mafioso im Smoking bis zum kleinen Ganoven aus der Nachbarschaft.
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In der Vielfalt der Gangsterfilme und ganz allgemein des Kriminalfilms spielt sich alles zwischen den Plätzen ab, die dem Guten und dem Bösen zugewiesen werden. Im Fall des Pate, ist es eine Umkehrung. Die schlecht die diese Kriminellen begehen, wird zum gut um die Ehre, die Familie und das ganze Geschäft, das im Namen des Kampfes gegen die Ungerechtigkeit eingerichtet wurde, zu retten - darum geht es in der Pate II der auf die Kindheit von Don Vito Corleone zurückgeht. Bei den James Bond, Es ist keine Umkehrung, sondern ein Flirt zwischen Gut und Böse. Und von Flirt kann man durchaus sprechen, denn Agent 007 schläft immer mit einer Frau, die zunächst böse ist. Und oft stellt er sich gegen die ganz legalen Autoritäten. Er kämpft für eine Partei, in diesem Fall das Vereinigte Königreich oder den Westen, gegen eine andere Partei, die dennoch nicht das Böse an sich ist, wie einst die UdSSR und jede Entität, die mit der westlichen Welt verfeindet ist. Die James Bond, Diese müssen nicht immer den dritten Weltkrieg oder die Zerstörung der Welt bedeuten.

Wie bei den Superheldenfilmen wird auch in Gangsterfilmen die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse entweder aus der Sicht der Gangster oder aus der Sicht der Polizei in den eigentlichen Filmen inszeniert Polizists oder aus beiden Perspektiven. Der Verbrecher und der Rächer stehen sich gegenüber, und jeder hat seine Gründe, jeder wird hervorgehoben, was zu einem Nervenkitzel und einer echten Verwirrung zwischen Gut und Böse führt. Genau das ist der Fall in Halte mich auf, wenn du kannst (Steven Spielberg, 2002), in dem DiCaprio als sympathischer junger Gangster - oder Betrüger - bei seinen Betrügereien zwar Böses begeht, der Zuschauer sich aber mit ihm identifiziert und hofft, dass er nicht verhaftet wird. Wenn auch nur in geringem Maße, darf man die von Tom Hanks verkörperte Rolle nicht vernachlässigen, der ebenfalls liebenswert ist, weil er sehr menschlich und ein Verlierer ist, mit dem sich der Zuschauer ebenfalls identifiziert und ebenfalls hofft, dass es ihm gelingt, den jungen Betrüger zu verhaften. In La French (Cédric Jimenez, 2014) ist die Vorgehensweise ähnlich: Zwei starke Figuren stehen sich gegenüber. Der Zuschauer identifiziert sich größtenteils mit dem Richter Michel - dem der Film gewidmet ist -, also mit dem Guten, aber auch mit dem Bösen, durch die Bindung an den Feind des Richters, den Boss Zampa.
Und ausgehend von diesen Modellen des Spiels zwischen Gut und Böse, der Qualität seiner Drehbücher, seiner Schauspieler, seiner Regisseure, seiner populären und kritischen Erfolge hat sich der Gangsterfilm als Teil der edelsten Filmkultur etabliert. Weil diese Filme Kultstatus erlangt haben, konnten ihre Codes noch weiter manipuliert werden. So entwickelt sich das Genre weiter und erneuert sich. Der Pionier auf diesem Gebiet war Martin Scorsese, der in seinen Gangsterfiguren ihre Schwächen und ihre Menschlichkeit in all ihrer Unbeholfenheit zeigte, was zur Integration der Komik in diese Filme führt. Wenn man an den hervorragenden Mean Streets (Martin Scorsese, 1973) - die erste Zusammenarbeit des genialen Paares Scorsese und De Niro - ist nicht nur humorvoll, sondern zeigt auch, dass die angehenden Mafiosi, um die es hier geht, ihre Verliererseite haben. Diese jungen Leute zielen mehr auf Unterhaltung, Party und eine gute Zeit mit Freunden ab als auf die echten Mafia-Geschäfte, die sie vorgeben zu betreiben.

Als Nachfolger von Scorsese nimmt Tarantino die Gangsterfilme auf und verleiht ihnen einen parodistischen Aspekt, der jedoch nichts - ganz im Gegenteil! - die Freude an den Betrügereien, Faustschlägen und Schüssen. So zum Beispiel in Reservoir Dogs (1992), seinem ersten Film, fehlt es den Gangstern, so lächerlich sie auch erscheinen mögen, weder an Klasse noch an Geschick im Umgang mit der Waffe. Seine nächsten beiden Filme Pulp Fiction (1994) und Jackie Brown (1997) spielen noch immer mit der Parodie, während sie dem Zuschauer eine echte Geschichte und ein echtes Abenteuer mit Kriminellen bieten, wobei die affektive Identifikation mit der Figur, die das Böse tut, die man aber liebt und der man ähneln möchte, noch immer vorhanden ist - vor allem in Jackie Brown - und sei es nur für die Dauer eines Films. Sie können auch selbst ein Gangster werden, ohne dabei jemanden zu töten oder eine Kugel in den Kopf zu bekommen.
Heute steht in «Les coronarétrospectives du cinéma» auf dem Programm, dass Sie sich in Ihre Kindheit zurückversetzen lassen, indem Sie mit Polizist-Dieb spielen:
- La French (2014) von Cédric Jimenez
- Es war einmal die Bronx (1993) von Robert De Niro
- Scarface (1983) von Brian De Palma
Schreiben Sie dem Autor: loris.musumeci@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Paramount Pictures (Bild aus dem Pate von F. F. Coppola)
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