«Weder Richterin noch Unterworfene»
Mittwochs im Kino - Loris S. Musumeci
« Ich kann schwören, dass der Zorn Allahs nichts im Vergleich zu mir ist.»
Richterin Anne Gruwez sieht in ihrem Brüsseler Büro die erbärmlichsten bis beängstigendsten Verbrecher vorbeiziehen. Und doch ist ihre Ruhe immer mit von der Partie, ebenso wie ihr Sinn für Humor, der von Autorität und Mitgefühl geprägt ist. Da sie sich mit den Polizisten gut versteht, fährt sie gerne mit ihrem Citroën 2CV zu den Tatorten der Verbrechen. Dabei stellt sie jedem eine Vielzahl von Fragen, die sowohl Erstaunen als auch Bewunderung hervorrufen.
Anne Gruwez und ihre «Kunden»
Die belgischen Regisseure Jean Libon und Yves Hinant haben den Untersuchungsrichter drei Jahre lang begleitet. Sie wollten ihren Blick auf eine Justizwelt zeigen, die in direkter Verbindung mit dem menschlichen Brei steht. Anne Gruwez ermöglichte ihnen viel mehr, so sehr überrascht sie. Der Zuschauer lernt die Geschichte von Prostituierten, Dieben, gewalttätigen Ehemännern und sogar einer Inzuchtfamilie kennen; aber auch die methodische Bearbeitung der Fälle durch einen Richter, der fast instinktiv spürt, welche Entscheidung die richtige ist.
Anne Gruwez testet ihre «Klienten» - so nennt sie sie -, indem sie mal die Naive, mal die Lehrerin oder die Detektivin spielt. Diejenigen, die sich als schlaue Provokateure geben, erhalten im Gegenzug eine gute Dosis prägnanten Sarkasmus, der sie zum Schweigen und Kopfschütteln bringt. Den Bescheidenen schenkt sie Sanftmut, aber nie ohne Humor. Der ganze Saal lacht tatsächlich, trotz der Kriminalität, die vor ihren Augen vorüberzieht. Weder Richterin noch Unterworfene wird zweifellos durch die außergewöhnliche Persönlichkeit des Richters komisch gemacht.
Respekt für die Lebenden, Verleumdung für die Toten
Wenn der Film tatsächlich einen komödiantischen Aspekt hat, wäre es legitim, seine Richtigkeit in Frage zu stellen. Kann man über das Elend der Welt lachen? Die Filmemacher scheinen sich über diese Frage ziemlich im Klaren zu sein, da Anne Gruwez' Haltung nie in grundlosen Spott ausartet. Ihre verrückten oder eisigen Antworten dienen der Urteilsfindung, der Bewusstwerdung und der Enthüllung der Wahrheit.
Eine technische Vorsichtsmaßnahme begleitet die Würde des Dokumentarfilms: die Bewegung der Kamera gegenüber dem Richter. Sie fixiert die Figur in einem Rahmen, der breit genug ist, um ihr Bewegungsfreiheit zu lassen. Folge: Anne Gruwez bestimmt den Rhythmus und den Ton des Bildes. Sie ist eine professionelle Richterin und kennt das Verfahren. So bewahrt sie die Kamera vor einem demütigenden Filmen.
Der Respekt, der den Lebenden entgegengebracht wird, richtet sich jedoch nicht an die Toten. Gerade in diesem Punkt geht der Film zu weit, überschreitet eine ethische Grenze und verursacht Bauchschmerzen. Das Abbilden von echten Leichenfotos auf der Leinwand oder, was noch schlimmer ist, einer Leiche, die für eine Untersuchung ausgegraben wurde, verdirbt den Film, der seine angenehmen und ergreifenden Aspekte im Gleichgewicht halten konnte. Außerdem ist es zwar zulässig, eine wahnsinnige Mutter, die ihr Kind zu Tode stranguliert hat, ungestraft sprechen zu lassen, um die Realität zu entkleiden, aber geschmacklos. Weder Richterin noch Unterworfene hätte mit Humor urteilen können, ohne sich der Obszönität bestimmter Szenen zu unterwerfen.
«Mein Ziel ist es nicht, Sie krepieren zu lassen; Sie werden von selbst krepieren, wenn Sie nicht geradeaus gehen.»
Schreiben Sie dem Autor : loris.musumeci@leregardlibre.com
Fotocredit: © Praesens-Film
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