Chilla oder die Poesie, die anstößt
In der schwülen Hitze des Club Tent von Paléo trat die französische Rapperin Chilla mit einem Lächeln bis zu den Ohren vor einem offenen Publikum auf, das bereit war, ihre Ohrfeigen zu empfangen...
Schon zehn Minuten vor Beginn der Show skandiert das Publikum den Namen der Rapperin, die am 21. Juli beim Paléo Festival auftreten wird: Chilla. Die Spannung steigt und das Publikum wird ungeduldig. Nach einem fulminanten Auftritt entdecken die Zuschauer eine Rapperin mit hoher Stimme und einer unglaublichen Sprechgeschwindigkeit: Die Wörter reihen sich aneinander, verflechten sich, ohne sich jemals zu überschneiden. Kurze, prägnante und eindringliche Sätze prasseln auf das Publikum ein. Die Worte werden mit berauschender Sanftheit vorgetragen, und das Publikum gibt sie mit ebenso großer Entschlossenheit zurück.
Die in Genolier in der Schweiz geborene Rapperin hat sich in der Rap-Szene einen Namen gemacht, insbesondere dank ihrer Texte, die manchen als zu unverblümt – und vor allem als zu feministisch – erscheinen. Auf der Bühne zeigt sie sich von einer starken Präsenz und dem Drang, sich auszudrücken, beseelt. Trotz dieser Entschlossenheit zeigt Chilla während des gesamten Konzerts ein rührendes Lächeln: Sie vermittelt eine unbeschwerte Ausstrahlung und scheint die Show von Anfang bis Ende zu genießen. Sie hat sogar die Bescheidenheit, sich denjenigen vorzustellen, die sie noch nicht kennen – was auf dem Festival eher selten ist. Außerdem gibt sie, bevor sie zum Pogo aufruft, eine Warnung und bittet diejenigen, die nicht mitmachen wollen, sich an den Seiten aufzustellen. Auch das ist wiederum eher selten.
Schläge und Melodie
Was die Songs angeht, so reihen sie sich im Rhythmus von Chillas bezaubernder Stimme aneinander. Sie knallt für Am Stram Gram und fließt bei Wenn ich ein Mann wäre. Sie wird nie langweilig, ganz im Gegenteil: Im Laufe des Konzerts steigert sie sich immer mehr und entfaltet sich, wobei sie immer melodiöser wird. Begleitet von zwei Musikern im Hintergrund nutzt Chilla den kleinen Raum auf der Bühne des Club Tent, um ihre Klänge und Texte zur Geltung zu bringen. Zwischen Rap und Pop scheint sich die energiegeladene Persönlichkeit der Sängerin in der Menge und durch das Lichtspiel auszubreiten.
Die Menge breitet sich aus oder drängt sich zusammen, je nach Rhythmus der Songs. Sowohl die 20- bis 30-Jährigen als auch die Älteren tanzen, springen und singen gemeinsam mit Chilla in einer Atmosphäre voller guter Laune. Aber warum kommt Chilla eigentlich so gut an? «Sie ist ein Mädchen, das keine Angst hat! Ihre Texte haben für Aufsehen gesorgt, aber sie hat weitergemacht, sie traut sich, den Jungs die Stirn zu bieten, und vermittelt wichtige Botschaften. Sie ist sehr inspirierend», erzählt eine 32-jährige Zuschauerin vor dem Konzert voller Begeisterung. Inspirierend, ja, auf jeden Fall: Die sehr persönliche Art, wie sie die Bühne und das Publikum für sich einnimmt, spiegelt zweifellos einen originellen Charakter wider, weit entfernt von dem schlechten Image, das Rappern oft anhaftet.
Schreiben Sie der Autorin: erica.berazategui@leregardlibre.com
Titelbild: Die französische Rapperin Chilla beim Paléo Festival in Nyon am 21. Juli 2022 © Paléo / Lionel Flusin
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