«Nö»: Die Wolke gebiert einen Sturm
Nach Get Out (2017) und Uns (2019) setzt Jordan Peele seine Auseinandersetzung mit dem Horrorgenre fort. Dabei greift er diesmal jedoch direkt auf die Stilmittel der Science-Fiction und des Westerns zurück – und verdreht sie. Mit Nee, der in einer Woche in der Westschweiz anläuft, wird Jordan Peele definitiv zu den Filmemachern gehören, die man im Auge behalten sollte. Bei den Drehbuchautoren ist die Sache allerdings etwas komplizierter…
Otis James Haywood (Daniel Kaluuya) ist seit Generationen Pferdezüchter. Eines Abends gerät sein Pferd auf seiner abgelegenen Ranch in Kalifornien in Panik und rennt davon. Am Himmel glaubt er eine seltsame Gestalt zu erkennen. Zusammen mit seiner Schwester «Em» (Keke Palmer) versucht er daraufhin, ein Bild dieses mysteriösen, nicht identifizierten Flugobjekts zu machen. Ein schwieriges Unterfangen, das die Figuren dazu zwingt, alle möglichen Gefahren auf sich zu nehmen.

Erzwungenes Schreiben
Jordan Peele verkörpert jene Generation von Filmemachern, die sich dem Genrekino zuwenden, um dessen traditionelle Themen neu zu beleuchten. Denn ja, seit seinen Anfängen hat es das Genrekino verstanden, seine Codes mit seinen Themen zu verbinden. Der Western ist dafür das anschaulichste Beispiel: Er konstruiert das Bild des männlichen und freiheitsliebenden Cowboys als Vorbild des Individualismus, der die Gesellschaft oft mehr schützt, als sie ihn schützt.
Die Science-Fiction hat während eines Großteils des Kalten Krieges die Ängste Amerikas veranschaulicht (Die Invasion der Grabräuber, 1956), bevor er deren Konventionen umdeutete, um – nicht ohne Ironie – die umstrittensten Aspekte der amerikanischen Bürger zu hinterfragen (Mars Attacks!, 1996 oder Starship Troopers, 1997). Doch obwohl die Frage der Identität im Mittelpunkt der ersten beiden Spielfilme von Jordan Peele stand, hat er diesen Weg dieses Mal nicht eingeschlagen.
Stattdessen präsentiert sich der Film als Parabel rund um das Spektakel. Die Absicht ist zwar vorhanden, doch das Ergebnis lässt sich weitaus schwerer erreichen… Hin- und hergerissen zwischen einem eher intimen Science-Fiction-Film, dem Western, dessen Legenden dekonstruiert wurden, und dem Mainstream-Horror, der Zurückhaltung erfordert, fällt es der Erzählung schwer, diese Verschmelzung zu vollziehen, worunter der Diskurs stark leidet. Die Anstrengung ist so mühsam, dass sie zum Hauptproblem führt: Die Ironie ist zu zurückhaltend. So ähnelt der Film in seiner Erzählweise den meisten Science-Fiction-Filmen.
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Was das Thema betrifft, Nee knüpft an die Saga an Jurassic World, der dieselbe Botschaft vermittelte und in dieselben Klischees verfiel. Wir werden wohl noch abwarten müssen, bis ein Filmemacher es wagt, das Spektakuläre wirklich zu hinterfragen, ohne dessen Codes wörtlich zu übernehmen. Bis dahin haben wir es hier mit einem sehr klassischen Werk zu tun, dessen Schnitt keine Überraschungen bereithält und das etwas langatmig ist.

Ein neuer Stern, der uns noch lange verzaubern wird
Das Schreiben ist nicht die größte Stärke von Jordan Peele. Es ist übrigens schade, dass Get Out den Oscar für das beste Drehbuch erhalten hätte – dieser Fehler wird die Kritik an seinem Autor nur noch weiter hinauszögern. Trotz dieser paar spitzen Bemerkungen müssen wir anerkennen, dass Jordan Peele in einem anderen Bereich brilliert: der Regie.
Tatsächlich liegt die größte Stärke von Nee ist die Fähigkeit des Regisseurs, stets genau zu wissen, wo er seine Kamera platzieren muss. Anstatt sich auf einen bestimmten Stil festzulegen, variiert dieser, wodurch lange Standbilder ebenso beklemmend wirken wie bestimmte Action-Szenen, die mit einer Handkamera eingefangen werden. Zudem sorgt der Einsatz der Schärfentiefe inmitten dieser weiten, leeren Räume für eine Fülle von Bildern, die ebenso klar wie innovativ sind. Wir wissen stets, wo sich jede Figur befindet, und jede Handlung ist nicht nur sichtbar, sondern auch ästhetisch atemberaubend. Noch nie wurde der Himmel so gefilmt.
Ein Film über die Mittel der Unterhaltung
Mehr als nur ein Film über die Show, Nee ist ein Film über die Mittel der Unterhaltung. In diesem Sinne ist es spannend zu sehen, dass der Regisseur bereits in der ersten Sequenz dem Green Screen den Rücken kehrt und stattdessen auf Dreharbeiten in realen Kulissen setzt. Eine seltsam reaktionäre Rückkehr zur Natur (daher auch der Western), die uns zugleich zeigt, dass das Spektakuläre auch aus etwas anderem als einem Green Screen entstehen kann.
Einziger Wermutstropfen: Durch den übermäßigen Aufwand in der Postproduktion geht die Authentizität der Kulissen verloren. Durch den übermäßigen Einsatz von künstlichem Licht, Sand und Farben an diesem dunklen Himmel geht die Natürlichkeit verloren. Ein Paradoxon für einen Film, der diese Naturgewalt eigentlich preisen will! Sich jedoch zu lange mit diesem Punkt aufzuhalten, wäre unaufrichtig: Nee ist ästhetisch wunderschön, was zum großen Teil auch diesen Ergänzungen zu verdanken ist.
Auch wenn es Jordan Peele schwerfällt, durch sein Drehbuch das Interesse neu zu wecken, hat er sich definitiv als hervorragender Regisseur etabliert. Seine zukünftigen Projekte sollte man auf keinen Fall verpassen. Wir können diesem vielversprechenden Künstler nur wünschen, dass er nicht das gleiche tragische Schicksal erleidet wie M. Night Shyamalan. In der Zwischenzeit, Nee ist ein großartiges Unterhaltungserlebnis, das man am besten im Kino genießt.
Schreiben Sie dem Autor: jordi.gabioud@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Universal Studios
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