«The Fabelmans»: Spielberg lässt seine Träume in die Tiefe gehen

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geschrieben von Jean Friedrich · 01 März 2023 · 0 Kommentare

Der «König der Unterhaltung» kehrt mit einem semi-autobiografischen Film zurück. The Fabelmans ist ohne große erzählerische Originalität, aber erstaunt, weil er so menschlich ist. Eine einfache und lebensbejahende Geschichte, für die Spielberg auch das Drehbuch schrieb.

© The Fabelmans

Nach der Veröffentlichung von Babylon im letzten Monat ist eine weitere Liebeserklärung an das Kino entstanden. Steven Spielberg bietet mit The Fabelmans ein intimer Film, der stark von seiner eigenen Kindheit inspiriert ist, die von der siebten Kunst geprägt wurde.

Sammy ist ein junger Amerikaner, der mit dem Traum von der großen Leinwand aufwächst. Seine Eltern Mitzi und Burt Fabelman nehmen ihn schon früh mit, um seinen ersten Film zu sehen. Der Junge lässt die Kamera nie wieder los und bittet sie um Hannukah. Er wird immer wieder Spaß daran haben, seine Pfadfindertruppe und seine Familie in Szene zu setzen. Seine Eltern sind sich bewusst, dass das Hobby ihres Sohnes zu einer wachsenden Karriereperspektive wird, und gehen mit der Sache ganz anders um. Und Sammy versucht, seinen Traum am Leben zu erhalten, indem er mal auf die Erde zurückgebracht und mal in den siebten Himmel geschickt wird.

© The Fabelmans

Der Blick, den der Regisseur auf seine Kindheit wirft, könnte ehrlicher nicht sein. Man spürt die große Zärtlichkeit, die er für seine Familie empfindet. Der Film verfällt jedoch nie in irgendeine Art von Rührseligkeit. Denn Spielberg wird auch mit einem schweren Familiengeheimnis konfrontiert. Für den Regisseur war dieser Film das ultimative Mittel, um «seiner Familie näher zu kommen». Dasselbe wird er auch mit seinem Publikum getan haben.

Aus wenig viel machen

In The Fabelmans, Spielberg scheut sich nicht, seine ersten Schritte als Filmemacher über seine Hauptfigur selbstironisch darzustellen. Es ist Wochenende. Sammy fährt in die Wüste von Arizona, um mit vierzig Kameraden einen Kriegsfilm zu drehen. Der Junge bastelt ein Sammelsurium an Spezialeffekten, von denen einer einfallsreicher ist als der andere, um blutige Kämpfe nachzustellen, die dadurch sehr komisch werden. Der aufstrebende Regisseur Sammy versucht auch, seinen Hauptdarsteller für die Schlussszene zu dirigieren. Er hat es mit einem großen Einfaltspinsel zu tun, der aber, indem er seine Rolle vergisst, schließlich die Leistung seines Lebens erbringt. Spielberg hat gerade eine miserable Produktion seines Alter Ego Kind und machte daraus eine der lustigsten Szenen des Films.

© The Fabelmans

Die Mutter übt vor ihrer Familie ein Stück von Beethoven. Sie liefert eine souveräne und emotionale Darbietung, aber ihr Publikum erinnert sich vor allem an das Klicken von Mitzis Fingernägeln auf den Klaviertasten. Ein sehr anschaulicher Moment für die Persönlichkeit einer ebenso talentierten wie vergesslichen Frau.

Der Film ist von Szenen geprägt, die sowohl zum Lachen als auch zu Tränen rühren. Das Ganze wird von Kamerafahrten geleitet, die viel Nähe und Identifikation mit den Figuren bieten. Große Hilfe erhält der Regisseur auch von John Williams, der wie so oft den Film seines langjährigen Kollegen noch passender klingen lässt.

Ein irreparabler Riss

Den liebenswerten Fabelmans scheint nichts passieren zu können, doch die Familie zerfällt langsam an dem, was ihrem Antagonisten ähnelt: Kunst. Wie Onkel Boris zu Sammy sagt: «Du bist dazu verdammt, zwischen deiner Kunst und deiner Familie hin- und hergerissen zu sein». Diese Dualität wird übrigens von den Eltern Fabelman verkörpert.

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Burt ist Ingenieur und hat den ganzen Pragmatismus, der dazugehört. Das Kino seines Sohnes ist für ihn nur eine Marotte, die er zugunsten einer prosaischeren Tätigkeit zu unterdrücken versucht. Es ist schwer, diesem ehemaligen Kriegsteilnehmer, der manchmal ein Spielverderber ist und dennoch die Familie zusammenhält, einen Vorwurf zu machen. Er wird von einem Paul Dano gespielt, der dem Familienvater einen schönen Hauch von Schlichtheit verleiht. Die Mutter Mitzi ist eine professionelle Pianistin. Sie ist eine unverbesserliche Träumerin, die sich vor allem von ihrer Kunst und ihren Gefühlen leiten lässt, sehr zum Leidwesen ihrer Familie. Nichtsdestotrotz ist die Frau eine liebevolle Mutter und wird alles tun, um die Träume ihres Sohnes aufrechtzuerhalten. Michelle Williams ist perfekt und überwältigend in ihrer Rolle.

Das Duo bildet die gesamte erzählerische Dynamik des Films, in dem kindliche und erwachsene Welten aufeinanderprallen. Wie so oft bei Spielberg ist es der Traum, der am Ende siegt. Nicht ohne Kosten.

Wenn Autobiografie universell ist

The Fabelmans bietet eine familiäre Initiationsgeschichte, die auf dem Papier nicht gerade das Zeug dazu hat, das Publikum in die Kinos zu locken. Der Film ist ein zweieinhalbstündiger Film von seltener Aufrichtigkeit.

Steven Spielberg scheint unwiderstehlich in seiner Fähigkeit zu sein, den Zuschauer in seine Geschichte hineinzuziehen. Diesmal ist es nicht dank der phantasievollen Meisterleistungen, die seinen Ruhm begründet haben (JurassicPark, E.T.), Denn The Fabelmans setzt auf eine ungekünstelte, einfach viszerale Erzählung.

Und obwohl Spielbergs Ansatz, in einem Film von sich selbst zu erzählen, merkwürdig selbstbezogen hätte sein können, gebiert er schließlich einen Film von universeller Bedeutung, von dem man sich leicht sehr betroffen fühlt.

Schreiben Sie dem Autor: jean.friedrich@leregardlibre.com

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© The Fabelmans

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