«Der »Plan 75": Die Kunst, Senioren in den Mittelpunkt zu stellen
«Plan 75», un film de Chie Hayakawa © Eurozoom
Mit seinem ersten Spielfilm Plan 75, Chie Hayakawa kritisiert die mangelnde Fürsorge für ältere Menschen in der heutigen japanischen Gesellschaft. Indem sie ihr Publikum in ein fiktives Japan entführt, bietet die Regisseurin eine zeitgenössische Interpretation von Die Ballade von Narayama (1983).
In einer Gesellschaft, die angesichts der zunehmenden Überalterung ihrer Bevölkerung in Alarmstimmung ist, bietet das Programm „Plan 75“ Menschen, die sich der Achtzig nähern, finanzielle und logistische Unterstützung bei der Sterbehilfe an. Michi, eine ältere Frau, die ihren Arbeitsplatz verloren hat, Hiromu, ein lustloser Mitarbeiter des Programms, und Maria, eine philippinische Einwanderin, die in der Pflege arbeitet, bewegen sich in einer Zeit, in der das Verhältnis zum Tod neu überdacht wird.
Ruhe bitte!
Schon in den ersten Minuten des Films tauchen Fragen rund um das Thema der Sterbehilfe auf. Chie Hayakawas Äußerungen geben zu denken: Verurteilt sie die Sterbehilfe oder hält sie sie für eine akzeptable Lösung? Die sorgfältig komponierten Bilder ziehen vorbei, die Handlung schreitet – langsam – voran, und das Publikum erkennt den eigentlichen Vorwurf, der sich hinter dem Thema Tod verbirgt: Indem sie das universelle Thema des Alters ohne Moralismus behandelt, prangert die Regisseurin ein System an, das die Unterstützung sozial schutzbedürftiger Menschen vernachlässigt.
Die Geschichte spielt in einem parallelen Japan, ohne dabei futuristisch zu sein: dem Japan von morgen, in dem soziale Fragen thematisiert werden. Genau das war die ursprüngliche Absicht hinter der 2018 von Kore-eda Hirokazu produzierten Anthologie, Jû-nen: Zehn Jahre Japan, eine Sammlung von fünf Kurzfilmen, die sich mit universellen, aber auch für dieses asiatische Land spezifischen Themen auseinandersetzen. Der bekannteste davon, PLAN75, ist nichts anderes als die Kurzfassung des Spielfilms, die sich auf eine einzige Figur konzentriert.
Auf dem Bildschirm wird der Tod oft außerhalb des Bildausschnitts oder fragmentiert dargestellt. Der Zuschauer weiß, dass er unvermeidlich ist, er überrascht ihn kaum – die Menschen sind entweder aufgrund ihres Alters gesundheitlich angeschlagen oder haben sich für den „Plan 75“ entschieden. Vor allem bleibt im Gedächtnis, dass dieser Tod still, äußerst einsam und emotionslos ist. Durch Ausschnitte aus dem Bild und eine scheinbare Empathielosigkeit der jüngeren Protagonisten vermittelt Chie Hayakawa die Distanzierung der Gesellschaft gegenüber ihren Senioren, die als nutzlos angesehen werden, was in ihnen ein starkes Gefühl der Scham hervorruft.
Hoffnung jenseits des Todes
Die Isolation und die den Älteren auferlegte Zurückhaltung werden deutlich sichtbar. „Plan 75“ verzichtet auf jegliche Extravaganz; wenig Musik, wenige Kamerabewegungen, überwiegend Standbilder und eine gewisse Zentrierung der Figuren im Bild, wodurch sowohl ihre Einzigartigkeit als auch ihre Ausgrenzung deutlich werden. Eine Alltagsszene von Michi (Chieko Baisho) veranschaulicht diese Einsamkeit. Während sie versucht, ihre Freundin Ineko (Hisako Ohkata) zu erreichen – ohne Erfolg, da sie nur deren Anrufbeantworter erreicht –, konzentriert sich die Kamera auf ihr Profil, den leicht gesenkten Kopf und den gekrümmten Rücken. Die Schärfentiefe ist gering, wodurch die Wohnung der alten Frau im Hintergrund völlig unscharf erscheint, was Michis Perspektivlosigkeit unterstreicht. Während ihr Gesicht im Mittelpunkt des Bildes und der Geschichte steht, wird dem Zuschauer klar, dass sie sich allein und mühsam in ihrem Raum bewegt.
In diesem Sinne bewegt sich Michi hauptsächlich in geschlossenen und beengten Räumen, sowohl physisch als auch sozial gefangen. Diese Sicht auf Japan, die die Regisseurin traurig als repräsentativ für die Realität anerkennt, bricht mit der Tradition der japanischen Familienfilme der 1950er Jahre. Die Beziehungen zwischen den Generationen in Japan bröckeln, im Gegensatz zu denen in den Ländern Südostasiens, wie sie durch die Figur der Maria (Stefanie Arianne) veranschaulicht werden, deren familiäre Verbundenheit trotz der geografischen Entfernung ungebrochen bleibt.
Während Maria bei den anderen philippinischen Auswanderern Zuflucht findet, herrscht für die japanischen Senioren eine ganz andere Atmosphäre. Der „Plan 75“ und seine apathischen Mitarbeiter, die in ein System eingebunden sind, das aus der Alterung der Bevölkerung Kapital schlägt, geraten in Konflikt mit der allmählich aufkeimenden Hoffnung und einem neuen Mitgefühl. Durch den Kontakt mit diesen alten Menschen, die kurz vor dem Tod stehen, finden der Angestellte und die Telefonistin zurück zu ihrer verlorenen Bürgerschaft. Dieses wachsende Mitgefühl bildet die Grundlage einer einfachen und wirkungsvollen Handlung. Diese stützt sich auf Porträts von Menschen, die alle eines gemeinsam haben: die Vollziehung einer spontanen Geste der Solidarität.
Plan 75 erweist sich als vollkommener Erfolg. Die Kritiken bestätigen dies: Der Film wurde beim Internationalen Filmfestival Freiburg dreifach ausgezeichnet und zudem als japanischer Beitrag für den Oscar in der Kategorie „Bester internationaler Film“ nominiert. Plan 75 vermittelt Emotionen ohne Übertreibung, wirft Fragen auf, ohne unbedingt Antworten zu geben, und deckt auf sanfte Weise die Schwächen einer Gesellschaft auf. Ein Debüt-Spielfilm von eindringlicher Nüchternheit.
Schreiben Sie der Autorin: leila.favre@leregardlibre.com
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