«Candelaria», ein heruntergekommenes Fresko eines Paares in der Abenddämmerung

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geschrieben von Virginia Eufemi · 30. Mai 2018 · 0 Kommentare

Film-Mittwochs - Virginia Eufemi

Havanna, Kuba, 1994. Die Insel leidet unter dem Wirtschaftsembargo der USA. Im Radio ertönen oppositionelle Stimmen, die Menschen gehen auf die Straße, um gegen die Krise zu protestieren, doch das alte Ehepaar, das wir begleiten, scheint diese Ereignisse zu übersehen, da es zu sehr damit beschäftigt ist, seine eigenen Grundbedürfnisse zu befriedigen - eine warme Mahlzeit, fließendes Wasser, Strom. Candelaria, die fast achtzig Jahre alt ist, arbeitet - die wirtschaftlichen Bedingungen zwingen sie dazu - trotz ihres hohen Alters noch immer als Zimmermädchen in einer touristischen Einrichtung. Abends singt sie in einem Lokal typische Melodien, begleitet von einem kleinen Orchester.

Ihr Ehemann Victor Hugo – der mit dem berühmten Dichter vielleicht nur seine Liebe zu Büchern teilt – verkauft Zigarren und spielt Baseball mit den Mitarbeitern einer Fabrik, denen er tagsüber die Spielergebnisse vorliest. Eines Tages findet Candelaria bei der Arbeit eine Kamera in einem Wäschekorb und beschließt, sie mit nach Hause zu nehmen. Dieser Gegenstand wird dazu führen, dass sich das Paar nach so vielen Jahren der Gewohnheit und Routine neu entdeckt. «Wann habe ich aufgehört, dich anzusehen?», fragt Victor Hugo Candelaria zärtlich.

Vom Hyperrealismus zum Voyeurismus

Der kolumbianische Regisseur Jhonny Hendrix Hinestroza schildert uns sehr realistisch den Alltag eines älteren, kinderlosen Ehepaars. Candelaria kümmert sich wie eine Mutter um fünf Kinder, und Victor Hugo hat eine väterliche Bindung zu einem jungen Mann namens Manuel aufgebaut. Trotz Manuels Anwesenheit spüren wir die Einsamkeit dieses Paares, das von jeglicher emotionalen Beziehung – sei es freundschaftlicher oder familiärer Natur – abgeschnitten zu sein scheint. Das Haus, in dem unsere beiden Achtzigjährigen leben, ist baufällig, die Farbe blättert ab, es regnet ins Haus hinein und Stromausfälle sind an der Tagesordnung. In dieser heruntergekommenen Umgebung werden wir Zeugen intimer Lebensszenen, in denen Candelarias nackter Körper naturalistisch in Szene gesetzt wird.

Doch in diesen Momenten des privaten und sexuellen Lebens des Paares nimmt der Zuschauer die Sinnlichkeit des Augenblicks nicht wahr. Vielmehr fühlt er sich durch dieses voyeuristische Eindringen und den Anblick dieser altersschwachen, von der Zeit gezeichneten Körper verlegen und gestört. Die Kamerabewegungen verstärken dieses Gefühl der Indiskretion; oft befinden sich zahlreiche Hindernisse im Vordergrund, als ob sich der Zuschauer hinter einem Möbelstück versteckt hätte, bewaffnet mit einer Amateurkamera, die er heimlich auf diese verfallenen Körper und diese gestohlene Intimität richtet. Der Regisseur idealisiert das Alter nicht, sondern zeigt dessen Einsamkeit, Krankheit und die Angst vor dem Tod.

Ein Albtraum in Pastelltönen

Wenn der Zuschauer erwartet, in diese Atmosphäre einzutauchen heiß Wer mit diesem Film ein Bild von Kuba erwartet, wird möglicherweise enttäuscht sein. Das kubanische Klischee kommt in diesem Spielfilm nicht vor; es werden nur sehr wenige Bilder von Havanna gezeigt, und Tanz und Musik kommen fast gar nicht vor. Was den Zuschauer vor allem beeindruckt, ist die Armut, in der unsere Protagonisten leben: Sie haben Hunger, großen Hunger – ein paar Reiskörner und ein paar Fleischstücke gelten schon als Festmahl. Die abgetragenen Schuhe von Victor Hugo erinnern daran, dass er alles verkauft hat, einschließlich ihrer Kleidung, um sich Mahlzeiten leisten zu können. In Pastelltönen von Blau, Grün und Gelb werden wir Zeugen des Schwarzmarkts.

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Die Figur des Manuel verkörpert den amerikanischen Traum; der junge Mann baut einen Motor für ein Boot, das ihn nach Florida bringen soll. Doch auf dieser Insel, auf der der Tod allgegenwärtig ist, wird vor allem der Tod durch Hunger thematisiert. Jhonny Hendrix Hinestroza konzentriert sich jedoch nicht auf die Besonderheiten der Insel und verleiht seinem Film so einen universellen Wert: Dieses alte, hungernde Ehepaar ist eher lateinamerikanisch als kubanisch. In einem Interview drückt der Regisseur dies folgendermaßen aus: «Diese innere Stärke, dieser Wille, den Alltag zu meistern, ermöglichen es mir, Figuren aus Fleisch und Blut zu schaffen und dabei etwas zu berühren, das für mich wesentlich ist, um über Lebenserfahrungen zu sprechen: die Würde» (Interview vom 3. April 2018 von Cédric Lépine für Mediapart). Auch wenn die Touristen in diesem Film als reiche, verdorbene Menschen dargestellt werden, strahlt dieses Paar, das auf den Tod wartet, doch eine würdevolle Ausstrahlung und Lebenswillen aus – und sei es nur für die Dauer einer Umarmung.

Schreiben Sie dem Autor: virginia.eufemi@leregardlibre.com

Bildnachweis: © DCM Film

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