«Le Redoutable», furchterregend gemischt
Mittwochs im Kino - Loris S. Musumeci
Eine Partnerrubrik von Cinérevue, die Filmsendung von NeuchVox. Nächste Live-Übertragung: Montag, 2. Oktober 2017, 20:30 - 21:00 Uhr
«Du beklagst dich ständig, dass du allein bist, aber du bist es, der die ganze Welt ablehnt.»
Jean-Luc liebt Anne. Anne liebt Jean-Luc: trotz des Altersunterschieds und der unterschiedlichen Welten. Sie ist eine junge, charmante Philosophiestudentin. Er ist Godard. Der Meister des neuen Genres der sixties, der bevorstehende Regisseur von Verachtung und von’Atemlos. Er spricht nur über Filme, denkt nur über Filme, lebt nur für Filme. Seine Partnerin versucht, ihm in dieser unerschöpflichen Leidenschaft zu folgen, obwohl ihr Blick eher auf die Augen ihres Geliebten als auf einen Sucher gerichtet ist.
Sie spielt für ihn Die Chinesin; ein moralisierender Filmschrott, der Lektionen im Maoismus erteilen will. Der Filmemacher gerät daraufhin in eine Krise und will sich voll und ganz der großen roten Revolution verschreiben. Anne, die sich ihm gewissermaßen unterwirft, folgt ihm. Damit beginnt ein allmählicher Niedergang für Jean-Luc Godard, der alles ablehnt, sogar sein eigenes Kino. Der Mai ’68 reißt das eigentlich sehr bürgerliche Paar in burleske Abenteuer, bis es schließlich endgültig auseinanderbricht.
Geschmacklos…
Michel Hazanavicius ist mit Das Redoutable. Darunter auch das Vorhaben, die Gegenbiografie eines Giganten zu verfassen, in der ein dummer und arroganter Antiheld im Mittelpunkt steht. Natürlich haben sich die Godard-Anhänger daran gestört. Das ist jedoch nicht das Störende an dem Film. Zumal diese alternative Herangehensweise an den Biopic ist interessant und liegt im Trend. Der Erfolg von Barbara, auch in den Kinos, wie man sieht.
Das offensichtliche Problem ist die Schwere des Drehbuchs, das sich durch einen manchmal allzu vulgären und geschmacklosen Humor auszeichnet. Die Spur der behaupteten Ironie, bei der Übertreibung als lustig dargestellt wird, ist jedoch typisch französisch. Man denke nur an 99 Franken, von derselben Art. So wiederholt sich die sexuelle Handlung immer wieder, bis es zu einer Szene kommt, in der die Nacktheit ihren Höhepunkt erreicht. Annes und Jean-Lucs Geschlechtsteile werden den Zuschauern unverblümt präsentiert, woraufhin Jean-Luc zischend bemerkt: «Es ist doch erstaunlich, dass die Regisseure die Schauspieler komplett nackt zeigen wollen.»
Ein weiterer Ausrutscher ist der kleine „Nouvelle Vague“-Touch. Die kleinen Kameraspielchen werden mit der Zeit ermüdend. Von einem plötzlichen Wechsel zum 4:3-Format bis hin zu Negativaufnahmen übertreibt es der Regisseur. Diese Mittel wirken parodistisch und sind schon tausendmal gesehen worden. Die damit verbundene spöttische Komik verfehlt ihr Ziel. Das ist ein Misserfolg des Films.
… und das Gute
Dennoch gibt es mehrere gelungene Aspekte, die es zu würdigen gilt. Abgesehen von den etwas ermüdenden Stilmitteln bieten die Aufnahmen der Figuren im Profil eine echte Ästhetik. In diesem Sinne ist auch der Wechsel zwischen Nahaufnahmen und Halbnahaufnahmen eine Augenweide. Bemerkenswert ist die Szene der Vereinigung der beiden Protagonisten, in der alles durch rhythmische Musik und wiederholte Nahaufnahmen des Mundes angedeutet wird, die einen Blick auf die vor Erregung zuckenden Zähne unter den zurückgezogenen Lippen freigeben – ein Zeichen der Lust.
Schließlich sind Stacy Martin und Louis Garrel hervorragend; die Atmosphäre der Sechzigerjahre ist fesselnd; und die Kulissen gehören zu den größten Stärken des Spielfilms. Sowohl die Bücher als auch die Gemälde oder die Kleidung bestechen durch ihre Authentizität. Michel Hazanavicius ist der Versuchung erlegen, auf Obszönität und den kitschigen Humor des Furchterregend, das dennoch leicht, angenehm und äußerst zwiespältig bleibt.
«So läuft das Leben an Bord der Redoutable.»
Schreiben Sie dem Autor: loris.musumeci@leregardlibre.com
Bildnachweis: © festival.cannes.com
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