«Die Hundeinsel» - ein Gesamtkunstwerk
«Isle of Dogs» von Wes Anderson © Twentieth Century Fox
Japan, in naher Zukunft. Alle Hunde der Stadt Megasaki leiden an der Hunde-Grippe und dem Schnauzenfieber, Krankheiten, die offenbar auf den Menschen übertragbar sind. Bürgermeister Kobayashi beschließt daraufhin, diese Hunde – im wahrsten Sinne des Wortes – auf einer verlassenen Insel zu isolieren, auf der der gesamte Müll der Stadt entsorgt wird. Als Zeichen des guten Willens schickt der Bürgermeister seinen eigenen Hund, Spots, dorthin. Innerhalb von sechs Monaten füllt sich die Insel mit allen Hunden der Stadt, die alle auf mysteriöse Weise von diesem gefährlichen Fieber befallen sind. Dort verbringen sie ihre Tage zwischen Kämpfen um einen Müllsack und der Erinnerung an ihr früheres Leben als Haustiere – bis eines Tages ein kleiner Pilot auf der Insel landet, der auf der Suche nach seinem besten vierbeinigen Freund ist.
Bären und Puppen
Für seinen neunten Spielfilm und zweiten Animationsfilm hat der amerikanische Regisseur und Produzent Wes Anderson keine Kosten gescheut. Während einige der Lieblingsschauspieler des Regisseurs bei der Synchronisation der Figuren nicht fehlen dürfen (Bill Murray, Edward Norton, Harvey Keitel), wird die Besetzung unter anderem durch Tilda Swinton und F. Murray Abraham ergänzt – den wir ebenfalls in The Grand Budapest Hotel (2014) – oder auch von Scarlett Johansson und Yoko Ono.
Was dem Zuschauer jedoch auf den ersten Blick zweifellos am meisten auffällt, ist die Bildqualität. Die Umsetzung dieses Animationsfilms in Stop-Motion Das Projekt dauerte zwei Jahre und erforderte das Know-how zahlreicher Kunsthandwerker, die rund 1.000 Hunde- und Menschenpuppen in verschiedenen Größen anfertigten. Der Silberne Bär, der bei der Berlinale 2018 für die beste Regie verliehen wurde, überrascht uns daher keineswegs.
Eine Reise in eine facettenreiche und verwirrende Bildwelt
Auch wenn der Film mit Katzen beginnt, deren Abbilder die Stadt Megasaki bevölkern – und prägen –, sind es doch fünf Hunde mit ausgeprägten Persönlichkeiten, denen wir auf dieser Insel folgen, auf der sie festsitzen. So helfen Rex, Chief, King, Duke und Boss – Namen, die nach Anführern klingen – dem jungen Atari bei der Suche nach seinem Hund. Zwischen Gründungsmythen und Gerüchten, die an Klatsch erinnern, irren unsere Protagonisten zwischen den Ruinen von Kernkraftwerken und den Überresten verlassener Städte umher – in einer Erzählung, die sich durch ihr Tempo auszeichnet (unterstützt zudem durch den unaufhörlichen Klang der Trommeln).
Wes Anderson hat uns in der Tat an eine Erzählweise gewöhnt, die in Kapitel mit Titeln unterteilt ist – „The Royal Tenenbaums“ (2001), „The Grand Budapest Hotel“ (2014) – und die manchmal mit erklärenden Rückblenden durchsetzt ist; auch hier beweist er wieder seinen ausgeprägten Sinn für Überraschungen und Staunen, die den Erzählrhythmus bestimmen. Man lobt die Originalität des Drehbuchs, das jedoch in seiner Struktur das klassische Thema des Helden aufgreift, der sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens begibt. Wir finden auch die ausgefeilten Bildkompositionen des amerikanischen Regisseurs wieder, die uns durch ein Spiel mit gelb- oder orangefarbenen Schatten ein sehr (zu?) reichhaltiges visuelles Erlebnis bescheren.
Tatsächlich sind einige Einstellungen in der Kombination von Formen und Farben sehr ästhetisch, ja sogar künstlerisch. Die Liebe zum Detail und die optische Komplexität stellen einen Sprung gegenüber Andersons erster, bereits sehr sorgfältig gestalteter Animationsproduktion dar: „Fantastic Mr. Fox“ (2009) nach der Geschichte von Roald Dahl. Kleine Perlen: die japanischen Holzschnitte, die sich in die Sequenzen einschleichen, ebenso wie der Einsatz von Zeichentrick für Film- oder Fernsehbilder, was uns eine Mischung aus verschiedenen Techniken beschert – ein Eckpfeiler von Wes Andersons visuellem Universum. Erinnern wir uns an die animierten Sequenzen in Das Leben im Wasser aus dem Jahr 2004.
Lost in translation
Die Marionetten von Die Insel der Hunde zeichnen sich durch ihre Ausdruckskraft aus; die Hunde haben sehr ausdrucksstarke Augen, die es ermöglichen, in ihren Gesichtern eine breite Palette an Emotionen zu erkennen – eine echte Meisterleistung für Tonfiguren. Die Emotionen – das ist die Schwachstelle dieses ansonsten bemerkenswerten Films. Durch das übermäßige Streben nach technischer Präzision entsteht der Eindruck, dass der Regisseur die Emotionen des Zuschauers vernachlässigt hat. Es sei angemerkt, dass der Film zwar glücklicherweise nicht albern ist, den Zuschauer aber dennoch nicht wirklich berührt, auch wenn dieser mehrfach über die sympathischen Kommentare der Hundebande lacht.
In diesem Zusammenhang sind es tatsächlich die Hunde, die wir in diesem Film verstehen, und nicht die Menschen. Ein Hinweis zu Beginn des Films erklärt uns, dass das Bellen ins Englische übersetzt wurde, die sprachlichen Dialoge der Menschen – auf Japanisch – uns jedoch ausschließlich über Simultandolmetscherinnen oder Übersetzungsgeräte vermittelt werden. Auch wenn dadurch einige Dialoge verloren gehen, beeinträchtigt dies das Verständnis der Szene nicht.
Wes Anderson, bereits in Das Grand Budapest Hotel, scheint die Gewalt hinter einer kindlichen Fassade zu verbergen; so schockieren ein abgerissenes Ohr oder lebende, ausgeweidete Krustentiere zwar nicht, nehmen seinen Filmen, die sich in erster Linie an ein erwachsenes Publikum richten, jedoch ihre Unschuld und Naivität. Dieser Spielfilm ist gespickt mit vielfältigen Anspielungen, die von der japanischen Filmkunst bis hin zu alten Mythen und Erzählungen reichen, darunter eine Variante von David und Goliath nach Teriyaki-Art.
Schließlich ist „Isle of Dogs“ ein rundum gelungenes Kunstwerk – sowohl visuell – man möchte fast die auf der Leinwand zum Leben erweckte Welt berühren –, musikalisch – man denke nur an die bemerkenswerte Arbeit von Alexandre Desplat – als auch inhaltlich, das uns eine einzigartige Geschichte und ein unvergleichliches Kinoerlebnis beschert.
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