Geschmack und Ekel bei «The Wolf of Wall Street»
Les mercredidis du cinéma - Sonderausgabe: Leonardo DiCaprio - Loris S. Musumeci
«Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt. Ich bin frisch verheiratet und bereits ein gieriges kleines Arschloch.»
Schwarzer Montag. Montag, der 19. Oktober 1987. Es ist der Crash, der für Jordan Belfort zum Crack führen wird. Er erhält seine Lizenz als Börsenmakler an der Wall Street - genau an diesem Tag. Erster Tag als Broker für die L.F. Rothschild und letzter Tag. Jordan fand schnell wieder einen Job; bei L.F. Rothschild lernte er als «beschissener Praktikant», ein wilder Finanzmann zu sein. Neuer Job, neue Umgebung. Vom ekelerregenden Luxus der Wall Street wechselt er in die schäbigste Agentur der Gegend. Sie verkaufen Aktien für drei Pfennige, aber an die Mittelschicht; das sind wesentlich mehr Kunden als die Millionäre. Jordan kann damit umgehen. Seine Kollegen, allesamt Amateure, sind begeistert.
Der Broker macht sich auf den Weg. Er kauft sich einen Porsche und beschließt, weiter zu gehen, immer weiter, viel weiter. Er schnappt sich einige seiner Freunde, seinen kranken Nachbarn, der seinen Job fünf Minuten nach dem ersten Treffen kündigt, und gründet seine eigene Maklerfirma: die Stratton Oakmont. Jeder Mitarbeiter wird zu einer blutrünstigen Bestie - und zu einer geldgierigen Bestie - und die Millionen steigen. Jordan wird zum Wolf der Wall Street. Sein Unternehmen sorgt für Furore, sowohl in Zahlen als auch in der Gesellschaft. Als wahrer Guru motiviert er seine Truppen mit Reden, in denen er ihrem einzigen Gott huldigt: dem Geld. Um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, veranstaltet Jordan mit seinen Mitarbeitern regelmäßig Partys im Großraumbüro: Alkohol, Zwergenwerfen, Huren, Kokain. Stratton Oakmont ist ein Traum inmitten von Ausschweifungen. Bis sich das FBI einmischt.
Exzessiv
Alles ist übertrieben. Angefangen bei der Regiearbeit von Martin Scorsese. Er erlaubt sich alles. Er verstößt gegen alle Konventionen. Indem er nach Belieben mit dem jederzeitigen Eingreifen des Erzählers und der Figur spielt, überlässt der Regisseur der Geschichte ihre ganze Subjektivität. Denn sie wird von seinem Protagonisten erzählt, der uns sein Dasein so verkauft, wie es ihm gefällt. Aber das ist noch nicht das Exzessivste. Die Zeitlupen, bis hin zu den Standbildern, schockieren. Scorsese, wie übrigens auch sein Erbe Tarantino, wagt alles. Und das mit einer Finesse, die so fein ist, dass sie grob wird, dass es, verdammt noch mal, durchkommt. Er bricht mit den Codes, und wir applaudieren. Aber vor allem: Das breite Publikum applaudiert, und nicht nur die Kritiker, die auf der Suche nach einem Nonkonformismus sind, der zum Konformismus wird.
Und all der Glitzer, all der Luxus, all die Drogen - auch sie werden durch eine Zeitlupe verdeutlicht, in der Kokain frei und leicht durch die Luft fliegt - all das Geschrei. Leonardo hat noch nie so geschrien wie in seiner Darstellung von Jordan Belfort. Er lässt sich völlig gehen. Seine Figur ist exzessiv, aber er setzt noch einen drauf, indem er seine Rolle exzessiv spielt. Im Zusammenspiel mit Margot Robbie, die seine bombastische zweite Frau spielt, übertreibt er sowohl die bestialische Anziehung, die er für ihren perfekten Körper empfindet, als auch den Hass, den er für sie empfindet, wimmert, geht auf die Knie, breitet verzweifelt die Arme aus, wie im Theater, um auch nur die Hoffnung zu haben, ihre Beine zu spreizen - ja, weil sie sich schließlich weigert, sich ihm hinzugeben, weil sie seiner Exzesse müde ist.
Der Drogeneffekt
Im Exzess gibt es den Drogeneffekt. Eng verbunden mit der Zeitlupe der Fotografie. Die Zeitlupe und ihr komischer Effekt, ihr tragischer Effekt, ihr Drogeneffekt. Die Droge investiert in den gesamten Film. Und damit natürlich auch das Spiel seines Hauptdarstellers. Zwei Szenen, die direkt aufeinander folgen, lösen einen derartigen Genuss aus, dass man glaubt, sie seien so wirksam wie zwei gute Rillen Koks.
Die erste zeigt einen Jordan Belfort, der gelähmt ist durch Sie-wissen-was, Er muss von einer Telefonzelle zu seinem Auto gehen. Er kann nicht mehr gehen, nicht mehr sprechen, aber eine Extremsituation zwingt ihn dazu, bis nach Hause fahren zu müssen. Ohne schlechte Blasphemie, der Weg ist wie eine Leidenschaft, so viel Mühe hat die Figur. Man möchte lachen und weinen. Und wenn er durch ich-weiß-nicht-welche-kraft ihm von ich-weiß-nicht-welchen-Geist, In der Küche findet er seinen Freund, der genauso drogenabhängig ist wie er, wie er über ein abgehörtes Telefon betrügerische Investitionen aufdeckt - das ist die Extremsituation, um die es hier geht. Der Freund flüchtet vor Jordans wütendem Blick ins Esszimmer, stopft sich ein Stück Schinken in sein großes, dummes Maul und erstickt. Die Szene ist zum Totlachen - aber Jordan rettet seinen Freund gerade noch - zum Lachen und zum Weinen.

Der Film ist in der Tat ein Paradoxon, das seinen Zuschauer in eben dieses Paradoxon versetzt. Das stilvollste und luxuriöseste Leben, das seine Protagonisten führen, ist gleichzeitig auch das krasseste und luxuriöseste. Auf dem Gipfel der Menschlichkeit sind sie unmenschlich. Krawatten, Schmuck, Autos und Häuser in der Tasche, und auch die Barbarei. Jordans Bande sind Wilde, und ihr Stammesgesang mit «huhu» und Brustklopfen begleitet sie den ganzen Film über.
Der Wolf von Wall Street ist schmackhaft und ekelhaft. Kein Film hat jemals so viel Geschmack und Ekel zugleich vermittelt. Extremer Genuss vermischt sich mit extremer Dekadenz. Sie ist Traum und Albtraum zugleich. Eine Schiene auf dem Scheitel einer Prostituierten schnupfen. Was für ein abscheulicher Horror, was für ein niederer Geist; was für ein lustvolles Phantasma, was für eine fleischliche Höhe. Jordan Belfort weckt durch einen brillanten DiCaprio nur einen Wunsch: absolut so zu sein wie er. Und er empfiehlt nur eine einzige Sache: niemals so zu werden wie er. Paradox, wenn du uns so willst. Du versprichst uns Paradiese. Künstliche. Wo der Wolf das Schaf verschlingt. Wo jeder Wolf und Schaf zugleich ist.
Schreiben Sie dem Autor: loris.musumeci@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Paramount Pictures

Einen Kommentar hinterlassen