Die achtzigjährige Regisseurin Margarethe von Trotta, eine Figur des neuen deutschen Kinos, hat ein schonungsloses und packendes Biopic über die Beziehung zwischen zwei anderen wichtigen Protagonisten der deutschsprachigen Literaturwelt des 20.. Jahrhundert: Ingeborg Bachmann und Max Frisch.
Mit Ingeborg Bachmann - Von einer Wüste zur anderen, Nach Rosa Luxemburg (1986) und Hannah Arendt (2012) widmet Margarethe von Trotta erneut einer großen Frau ein Werk. Frauenfilm (eine deutsche feministische Filmströmung der 70er und 80er Jahre). Der Spielfilm, der 2023 auf der Berlinale vorgestellt wurde, erzählt von der kurzen, aber dichten Liebesbeziehung zwischen der österreichischen Dichterin und dem Schweizer Schriftsteller. Durch den Wechsel der Epochen und den Dialog der Milieus, die wie zerbrochene Spiegel wirken, geht der Film nach dem Beugungsprinzip vor, um eine rohe Sensibilität zum Vorschein zu bringen.
Eine stürmische, instabile, mit Spitzen gespickte Beziehung
Nachdem sie Max Frisch (Ronald Zehrfeld) 1958 in Paris kennengelernt hatte, zog Ingeborg Bachmann (Vicky Krieps) einige Monate später zu ihm nach Zürich in die Wohnung, die er am Seeufer bewohnte. Ihr Eheleben kaut schon bald auf ihrer Idylle herum, sie wie zwei überreife Früchte, die sich gegenseitig bis zur Welke verderben. Eine zu laute Schreibmaschine, Gewohnheiten, die zu weit von ihren eigenen entfernt sind, ein zu ataraxischer Alltag - alles bedrückt Ingeborg Bachmann so sehr, dass sie ihr die Inspiration raubt.
Der Film zeigt jedoch keine Ingeborg Bachmann, die in einem Zustand, einer Dominanz, einer psychologischen Einflussnahme oder einem üblichen patriarchalen Schema gefangen ist (obwohl es dennoch Marker dafür gibt, die wie Erinnerungen wirken, z. B. wenn Max Frisch ihr vorwirft, dass sie ihn nicht mit einem anständigen Essen auf dem Tisch empfangen hat). Stattdessen bringt der Spielfilm den gescheiterten Fluchtdrang der Protagonistin auf die Leinwand und zeigt, wie ihre ständige Suche nach der Wahrheit an den von jahrhundertelangen Konventionen geformten Mauern des Zusammenlebens zerschellt.
Max Frisch wird nicht als Folterer, narzisstischer Perverser oder Unhold dargestellt, sondern eher als olympischer Schatten, der sogar das Schicksal erdrückt. Er, der übrigens der einzige Mann ist, mit dem sie einen gemeinsamen Haushalt führt.
Den Feminismus jenseits des Machismo suchen
Die feministische Perspektive des Films besteht also nicht darin, Ingeborg Bachmanns Beziehungsmisere dem Machismo von Max Frisch zuzuschreiben, sondern vielmehr darin, ihre Ideale von Unabhängigkeit zu zeigen, die von den scharfen Klauen des Habitus einer konservativen Gesellschaft durchbohrt werden. Ingeborg Bachmann sucht in Beziehungen das Gleiche wie in der Poesie: einen unmöglichen Dialog. Sie möchte jedes erdenkliche Leben leben können, nicht für etwas vorbestimmt sein, nicht Sklavin ihres Schicksals sein. Bis sie diese Utopie durch den Wüstensand transportiert.
Lange Zeit wurde übrigens Max Frisch für den Tod von Ingeborg Bachmann verantwortlich gemacht. Die tausend Seiten ihres 2022 veröffentlichten Briefwechsels belegen jedoch eher eine von beiden vergiftete Beziehung ohne Hauptschuldige. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass Margarethe von Trotta zum Zeitpunkt des Schreibens ihres Drehbuchs noch nicht über den Briefwechsel zwischen den beiden Autoren verfügte. Es ist also keineswegs ein Film, der Max Frisch belastet, sondern über die Unfähigkeit einer Epoche, den Haushalt des Paares zum Territorium der weiblichen Freiheitsbestrebungen machen zu können.
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Margarethe von Trotta
Ingeborg Bachmann - Von einer Wüste zur anderen
Mit Vicky Krieps, Ronald Zehrfeld, Tobias Resch
August 2024
111 Minuten