«Papicha»: Der Inhalt wird von der Form geraubt
Les mercredis du cinéma - Fanny Agostino
Mit Verve und einigen Ungeschicklichkeit beschäftigt sich Mounia Meddour mit dem unsichtbaren Widerstand in Algerien. In den 90er Jahren weigern sich einige Studentinnen, sich dem islamistischen Aufstieg und erschüttern ihren Alltag, indem sie eine Modenschau organisieren. Ein jugendlicher Film wegen seiner Qualitäten und Fehler.
Das Studentenwohnheim „U“ in Algier, mitten in der Nacht – menschenleer. Nedjma und Wassila schleichen sich aus und steigen in ein illegales Taxi. Während Anschläge islamistischer Gruppen die politische Stabilität des Landes bedrohen, trotzen diese Studentinnen des Bachelor-Studiengangs Französisch den Verboten, um auf die Tanzfläche zu gelangen. In einer goldenen Tasche liegt ihre gesamte Club-Ausrüstung bereit, um angezogen zu werden. Eine zweite Haut, fernab von moralisierenden Blicken. Auf den Toiletten der Clubs von Algier richtet Nedjma, alias Papicha – was auf Arabisch „schöne und freie Frau“ bedeutet – ihr flüchtiges Geschäft der Träume ein. Die Frauen drängen sich, um bei ihr Kleider zu bestellen, die sie selbst entwirft.
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Der Alltag verändert sich und wandelt sich von unbekümmerter Lässigkeit zu bewusster Widerstandshaltung, während islamistische Sympathisanten immer mehr Plakate aufhängen, auf denen für die Burka geworben wird. Es kommt zu einer Eskalation in der Aushöhlung der Freiheiten der Frauen. Papicha und ihre Mitstreiterinnen kämpfen zwar mit Worten, doch diese erste Salve wird durch ein Attentat jäh gestoppt. Nach der Wut kommt die Zeit des Handelns. Papicha lässt ihre Freundinnen bei einer Gala an der Universität über den Laufsteg schreiten, um ihre Kreationen zu präsentieren – ungeachtet der Risiken.
Erstaunliche Jugend
Mounia Meddour beleuchtet anhand einer fiktionalen Erzählung das „schwarze Jahrzehnt“ – ein Thema, das in Algerien nach wie vor hochaktuell ist. Ein Beweis dafür ist die Absage der Vorpremiere des Films im vergangenen September in Algier, obwohl der Film zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels im Rennen ist, sein Land bei den Oscars zu vertreten… Eine Zensur, die an jene von Much Loved (2015) des französisch-marokkanischen Regisseurs Nabil Ayouch. Der Film thematisierte zwar die Prostitution in Marokko, zeichnete aber zugleich das Porträt rebellischer Frauen und ließ dabei die Grundstrukturen einer Gesellschaft und ihrer Sitten im Hintergrund erkennen. Ein bemerkenswerter Punkt, der beide Spielfilme verbindet, ist die Raserei und die ungestüme Spontaneität der Protagonisten in den bissigen Dialogen, in denen sich Französisch und Arabisch überschneiden.
Ganz im Stil der strahlenden und unerschrockenen Lyna Khoudri setzt Meddour auf eine kämpferische und verspielte Inszenierung, bei der die Beweglichkeit der Kamera im Vordergrund steht. In diesem Durcheinander offenbart sich ein ganzes Netzwerk: vom Lebensmittelhändler, der die letzten Jeans Levi’s unter seiner Theke über die Beziehungen zwischen diesen unterschiedlichen Frauen, die sich ein Zimmer teilen, zwischen Poster von Roch Voisine und Gebetsteppiche.
Edle Absichten, Misserfolg in der Praxis
Ein Wermutstropfen bleibt jedoch. Der Kritiker befindet sich in einer Zwickmühle: Auch wenn das Thema ebenso wie die Idee des Drehbuchs hoch anzusehen ist, muss doch auf den großen Minuspunkt dieses Films hingewiesen werden. Mounia Meddour lässt sich von der Jugend inspirieren, übernimmt dabei jedoch auch deren Schwächen. So werden zu viele Sequenzen durch den übertriebenen Eifer, die Emotionen zu betonen, die sie eigentlich hervorrufen sollen, unnötig in die Länge gezogen. Dies gilt insbesondere für eine Szene, in der Frauen in Burkas Papicha unter einer Musik ansprechen, die an Der weiße Hai, was dieser Szene eine unerwünschte, fast schon komische Note verleiht. Die Parade-Sequenz und die darauf folgende Szene sind hingegen schlampig inszeniert und lassen den Zuschauer unbefriedigt zurück.
In ihrem Bestreben, es unbedingt richtig zu machen, verliert Meddour im zweiten Teil des Films etwas an Zuschauerbindung. Dennoch bleibt es ein aufschlussreiches Werk zu einem Thema, das seltsame Parallelen zur aktuellen Lage in Frankreich aufweist. Auch wenn sie sich mit diesem Debütfilm etwas verirrt hat, wird man die Regisseurin bei ihrem nächsten Film mit Spannung erwarten.
Schreiben Sie der Autorin: fanny.agostino@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Cineworx
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