Die Abkehr von Illusionen
Foto: Patrick Federi (via Unsplash)
Jeden Monat nimmt unsere Literaturkritikerin ein Werk unter das Kaleidoskop, um die Bilder, die es projiziert, zu sammeln und ihre Beugung wiederzugeben. Dabei kann es vorkommen, dass sich Geniestreiche als Glassplitter erweisen.
Es gibt Texte, die den Leser sanft pflücken, wie einen Sonntagsskifahrer, der vom Sessellift aufgelesen wird. Désalpe («Alpabzug») macht natürlich nichts dergleichen. Antoine Jaccoud zieht es vor, uns auf dem falschen Fuss zu erwischen, mit der Feinfühligkeit eines Schäfers, der das Schaf schert und dabei Hölderlin rezitiert. Mit anderen Worten: es reibt, es sticht und es hinterlässt ein Muster auf der Haut. Das Stück wurde 2011 für eine Theateraufführung geschrieben, aber erst über ein Jahrzehnt später in gedruckter Form veröffentlicht. Während der Text also bei seiner Entstehung für Lacher sorgte, lässt er heute die Gesichter viel verkrampfter aussehen.
Von oben fallen, tief fallen
Désalpe («Alpabzug») ist die Geschichte einer Notlage: Die Notlage der Leute aus dem Oberland, der Alpen, der Borloz, Schindelholz, Zuber, Schnyder, Zufferey, angesichts des Endes des Schnees, der den Zusammenbruch ihres Geschäfts mit sich brachte. Von nun an, in die Ebene hinabgestiegen, sprechen sie von ihrem verlorenen weissen Paradies. Dies ist das Katastrophenszenario in Antoine Jaccouds Stück.
Mit seinem mineralischen Humor stellt der Waadtländer Schriftsteller diese Hoteliers, Skilehrer und Bommelmützenverkäufer dem grellen Licht der Schmelze aus. Alle hatten die Signale natürlich kommen sehen. Die Winter waren verkümmert, die Pisten geflickt, die Schneekanonen spuckten ihr Leugnen in einen immer wärmeren Himmel... Doch der Überfluss hat manchmal die magische Kraft, selbst die Augen zu blenden, die geübt sind, eine Lawine in drei Kilometern Entfernung zu erkennen.
Patatras nach Ratrac
Désalpe («Alpabzug») ist kein Requiem, sondern eine sensible Bestandsaufnahme: die einer Welt, die ihr eigenes Schmelzen «nicht hat kommen sehen». Es ist nicht mehr das Epos der Höhen, sondern sein administrativer Bericht, der in feinen Schriften verfasst und mit dem Stempel «abgelaufen» versehen ist. Antoine Jaccoud nutzt die Akkumulation, um ein Gästebuch mit vertrauten Akzenten aufscheinen zu lassen.
Und doch ist es die Balance zwischen Sarkasmus und Zärtlichkeit, die auffällt. Denn hinter dem Spott kommt noch etwas anderes zum Vorschein: eine seltsame Melancholie. Es ist die Melancholie eines Landes, das lange Zeit geglaubt hat, den Schnee durch Maschinen, den Winter durch ein Budget und die unveränderliche Bergfrau durch eine vierfarbige Touristenbroschüre ersetzen zu können. Désalpe («Alpabzug») erinnert daran, dass alles nur eine Illusion war und dass die letzte grosse helvetische Fata Morgana bereits von der Kälte verschluckt wurde.
Die Melodie der gefrorenen Erinnerungen
Trotz allem ist dieser Text eher eine Klangpoesie als ein Erzähltheater. Antoine Jaccoud spielt mit den Wörtern, lässt sie klingen, schüttelt die Klänge durcheinander, verbeult sie, um den dramatischen Refrain «Oben, das ist kaputt» laut zu skandieren. Mehr noch, er hat hier ein totales musikalisches Spektakel geschaffen, denn Désalpe («Alpabzug») wurde inszeniert und von einem Alphornquartett begleitet. So klingt das Theater wie eine knisternde Landschaft.
Es ist kurz, es ist nervös, es ist ein Korpus von Erinnerungen, die aus voller Kehle gespielt werden. Ein Alpabzug, der nicht die Herden zurückbringt, sondern eine versunkene Welt. Und die dennoch weiter singt.
Quentin Perissinotto ist Literaturkritiker beim Regard Libre. Schreiben Sie an den Autor: quentin.perissinotto@leregardlibre.com
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Antoine Jaccoud
Alpabzug. Gefolgt von Manchmal führe ich Selbstgespräche
BSN Press
Dezember 2023
88 Seiten
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