Literatur Misan-Trope

Irène Frain, das Gold der Versprechungen 

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geschrieben von Quentin Perissinotto · 12. März 2026 · 0 Kommentare

Jeden Monat nimmt unsere Literaturkritikerin ein Werk unter das Kaleidoskop, um die Bilder, die es projiziert, zu sammeln und ihre Beugung wiederzugeben. Dabei kann es vorkommen, dass sich Geniestreiche als Glassplitter erweisen. 

Das Gold der Nacht («L’Or de la nuit») ist die Geschichte des Namens, den die Übertragung annimmt, wenn sie zum Schicksal wird: Affabulation. Irène Frain führt uns in das Herz des XVIII.. Jahrhundert, als ein bescheidener Orientalist zufällig anonyme arabische Märchen entdeckte und beschloss, sie in die Hände der Leser zu bringen. Zu diesem Zweck übersetzt er sie. Nur dass übersetzen nicht das richtige Wort ist. Er stickt, kommentiert, erfindet und verziert. «Ohne Skrupel – er hatte vergessen, was ein Skrupel ist. Der Träumer in ihm hatte den Gelehrten zum Schweigen gebracht. Und wie mächtig er an jenem Abend war!».» 

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Der Erfolg war enorm, und alle Zuschauer drängten auf eine Fortsetzung. Aber was soll's? Es gelingt ihm nicht, die anderen Erzählungen in die Finger zu bekommen. Obwohl er Antiquitätenhändler und Buchhändler befragte und an seine Kontakte im Nahen Osten schrieb, blieb der zweite Teil des Manuskripts unauffindbar. Draussen riefen die Revoluzzer: «Galland, Filignant, eine Fortsetzung, schnell, worauf wartest du, Filignant, wir warten auf dich...». Im Schraubstock der Worte gefangen, verfolgt Antoine Galland eine unsichtbare Beute. 

«Er hatte sich lange Zeit die Weisheit Scheherazades zu eigen gemacht, dass es nicht darauf ankommt, was wahr oder falsch ist, sondern nur auf die Schönheit der Geste desjenigen, der in der Einsamkeit und unter der Bedrohung der Nacht eine Geschichte aufschnappt, die an der Mondsichel hängt, kurz bevor sie in den Abgrund des Sternenhimmels hinabstürzt.» 

Zwischen Versailles und dem Orient nimmt die Autorin von mehr als 60 Büchern den Leser mit auf die Spuren von Antoine Galland, einem reisenden Gelehrten, Konsul und Mitglied der Académie des inscriptions et belles-lettres, vor allem aber dem ersten Übersetzer der Tausend und eine Nacht. In zehn grossen Kapiteln, die jeweils aus Kurzgeschichten bestehen, träumt sie sich als Scheherazade und orchestriert den Rhythmus, destilliert vorsichtig die Spannung und zieht die Handlung in die Länge, bis sich parallele Leben öffnen. Aber über die faszinierende Odyssee eines Textes hinaus, Das Gold der Nacht («L’Or de la nuit») ist die Erzählung eines doppelten Verrats: Gallands Verrat an den Worten und Irène Frains Verrat am Leser. 

Irène Frain lässt die Geschichte abkühlen 

Das Versprechen war schön und verlockend: Dieser Roman sollte das Buch, von dem er handelt, spiegeln, mithilfe von Wendungen, gestreuten Zweifeln, kontrollierten Wendungen und endlosen Ansätzen. So soll ein hungriger Leser in Atem gehalten werden. Ja, aber unter der hübschen rhetorischen Karosserie hat sich der Motor eines Mopeds offenbart. Man spürt die Absicht, man sieht die Geste, aber es funktioniert nicht. Nach dem ersten Viertel der Geschichte und dem Aufbau der Handlung hustet die Erzählung, um sich dann mühsam zu verzetteln. Man langweilt sich fürchterlich und blättert immer schneller um, liest diagonal, um den an den Fingern klebenden Schlamm zu lösen. 

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Es wäre nicht zu gewagt zu behaupten, dass Das Gold der Nacht («L’Or de la nuit») ist eine Leseoase: Man glaubt, einen spannenden Roman voller Erwartungen in den Händen zu halten, doch nach wenigen Augenblicken ist die Illusion wieder verschwunden. Die Intrigen am Hof und die schmutzigen Tricks der Adligen gleiten über uns hinweg wie die Pocken über die Monarchie.  

Der Leser ist kein Versuchskaninchen für literarische Experimente: Wenn der Mechanismus nur interessant ist, aber nicht die gewünschte Wirkung hat, geht alles schief. Und es nützt nichts, zu nachsichtig zu sein: Man gratuliert nicht demjenigen, der einen abgelehnten Heiratsantrag macht, sondern demjenigen, der vom Altar herabsteigt.

Durch das Versprechen von Faszination, Das Gold der Nacht («L’Or de la nuit») gleicht schliesslich einem übermässig beleuchteten Schaufenster, hinter dem es nicht viel zu sehen gibt. Irène Frain wirbelt mit Bergen und Wundern, beschwört die Geheimnisse des Orients, das Murmeln der Bibliotheken und das Theater der Existenz herauf, um dem Leser nur eine blasse Fälschung anzuvertrauen. Sie ist zwar kunstvoll verpackt, kann aber nicht verzaubern. Wo die Heldin der Tausend und eine Nacht den Tod durch den Faden der Erzählung festhielt, hält dieser Roman nichts fest. Im Gegenteil, der Leser wird von niemandem gefangen genommen. Es genügt, das Buch zu schliessen, um diesem Märchen ohne Zauber unversehrt zu entfliehen. Wie in einem Märchen wird ein letztes Zauberwort ausgesprochen: Cheh-érazade. 

Quentin Perissinotto ist Literaturkritiker beim Regard Libre. Schreiben Sie an den Autor: quentin.perissinotto@leregardlibre.com

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Irène Frain
Das Gold der Nacht
Mai 2025
384 Seiten

Quentin Perissinotto
Quentin Perissinotto

Kundenberater und Schriftsteller, Quentin Perissinotto ist Literaturkritiker für Le Regard Libre.

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