Hubert Lenoir, sein rotes Auge und seine Eroberung von Paléo
Paléo Festival 2019 – Amélie Wauthier
An diesem Mittwochabend, dem 24. Juli 2019, um 20:00 Uhr tritt Hubert Lenoir auf der Bühne des Dôme auf. Dieser Name sagt mir nichts, ich kann mich auch kaum daran erinnern – andererseits würde ich an manchen Tagen sogar meinen eigenen Vornamen vergessen, wenn er nicht in meinem Personalausweis stünde. Trotzdem bin ich neugierig darauf, das Universum dieses Künstlers zu entdecken, den das Paléo-Festival als «fulgurance glam pop» bezeichnet!
Ein paar Minuten vor Konzertbeginn legt ein Mann zahlreiche Frotteehandtücher an den vier Ecken der Bühne aus. Hinter ihm steht «hubert lenoir woo» schief mit Sprühfarbe auf ein großes quadratisches Tuch geschrieben. Ich habe das Gefühl, dass dieses Konzert ziemlich verrückt werden könnte – und das ist auch gut so!
Sechs Musiker aller Altersklassen betreten die Bühne, begleitet von einem kleinen, blond gefärbten Jungen mit rauchgrauen Augen. Auf seinem gelben T-Shirt steht: «obtain my consent first please». Ich habe das Gefühl, dass ich ihn mögen werde. A-cappella, der junge Mann summt uns mit seiner tiefen, sanften Stimme den Text eines Liedes vor und verstummt dann. Die Ruhe vor dem Sturm: Die Instrumente brechen los, Hubert brüllt, springt wild umher und wiegt die Hüften. Jetzt verstehe ich, warum es SO VIELE Frotteehandtücher gibt: Dieser junge Mann ist völlig aus dem Häuschen!
Für alle, die ihn noch nicht kennen: Hubert stellt sich vor – danke! Er kommt aus dem Verdammtes Kanada! Quand il a du temps libre, Hubert va en studio. Il nous demande si l’on veut écouter une de ses nouvelles chansons, une chanson dédiée à tous les pères: «Scheiße les pères, j’déteste les pères», nous annonce-t-il. Je repense à Xavier Dolan: est-ce une habitude nationale au Canada de détester l’un de ses parents?
Pour ceux qui ne l’auraient pas compris, Hubert Lenoir a la révolte en lui et compte bien laisser exploser sa rage! Sur scène, il se montre sensuel, joueur, provocant. Il n’a pas froid aux yeux, n’hésite pas à escalader les piliers du Dôme. Du haut de ses vingt-quatre ans, ce Canadien imprévisible obtient le silence de son public – conquis – avec plus d’aisance qu’une institutrice de l’école primaire. Hubert est exigeant, joue les divas et les sales gosses capricieux, mais tout le monde semble adorer ça.

Nach ein paar Stücken steht der junge Mann mit nacktem Oberkörper da; ihm bleibt nur noch seine dicke Kette um den Hals. Unter seiner Fassade als Punk Hubert ist zwar wild drauf, kümmert sich aber auch sehr um das Wohlbefinden seines Publikums. «Trinkt alle genug, es ist heiß.» Zweitens «mag» Hubert uns «wirklich sehr». Mit Humor erzählt er uns von seinem roten Auge: „Habt ihr mein Auge gesehen? Ich werde heute Abend sterben.“ Vorausgesetzt, er stirbt nicht schon vorher, indem er sich bei einer Akrobatiknummer das Genick bricht – Hubert hat wieder angefangen, an den Füßen des Dôme hochzuklettern, eine auslaufende Wasserflasche in seiner Gesäßtasche – oder von seinen Fans, hysterisch, als er sich in die Menge stürzt.
Schließlich, nach fünfundvierzig Minuten show Das mitreißende Konzert neigt sich dem Ende zu, begleitet von Riffs von Nirvana. Hubert Lenoir, der gerade ein Stück Papier verbrannt hat, das dort herumlag, hat überlebt. Er stößt einen letzten Schrei aus: «Ich heiße HUBERT LENOIR», dreht eine Pirouette, macht eine Verbeugung und verschwindet. Das war verrückt, extravagant. Hubert, ich werde weder deinen Nachnamen noch deinen Vornamen vergessen. Einziger kleiner Wermutstropfen: Ich habe nichts von den Texten deiner Lieder verstanden, bis auf ein paar Arschloch nahe.
Dem Autor schreiben: [email protected]
Bildnachweis: © Paléo / Anne Colliard
Sie haben gerade einen frei zugänglichen Artikel gelesen. Debatten, Analysen, Kulturnachrichten: abonnieren Sie um uns zu unterstützen und Zugang zu all unseren Inhalten zu erhalten!
-
Standard-Abonnement (Schweiz)CHF100.00 / Jahr. -
Unterstützendes AbonnementCHF200.00 / Jahr.
Einen Kommentar hinterlassen