Recep Tayyip Erdoğan, der seit mehreren Jahren auf der Suche nach internationaler Anerkennung ist und gerade als Präsident der Republik Türkei wiedergewählt wurde, führt sein Land auf den Weg einer zweideutigen Außenpolitik.
Die Neutralität, ein Erbe aus der Zeit der Großmachtkämpfe im 19. Jahrhundert, konnte der Schweiz helfen, die Kriege des folgenden Jahrhunderts zu überstehen. Seither hat es das Land jedoch versäumt, seine Außenpolitik auf eine neue doktrinäre Grundlage zu stellen.
In der Schweiz besteht zunehmend die Tendenz, die Neutralität durch unklare Adjektive und durch eine Annäherung dieses Begriffs an Verteidigungsbündnisse zu relativieren. Dies zeugt von Wankelmütigkeit und mangelndem Geschichtsbewusstsein.
Am 28. Februar 2022 überraschte die Schweiz mit dem Beschluss, ihrerseits die EU-Sanktionen gegen Russland umzusetzen. Diese faktische Aufgabe einer gewissen Neutralität hat eine Krise des politischen Diskurses, insbesondere auf höchster Ebene, ausgelöst. Analyse.
Neutralität war nie einer korsettartigen Definition unterworfen. Das zeigt sich in ihrer gesamten Geschichte. Sie hängt vom Wohlwollen der anderen Mächte ab und erhält ihren Sinn nur, wenn man bereit ist, sie im Kontext des jeweiligen Augenblicks zu verstehen.
Tom Clancys Zukunftsroman «Roter Sturm» und Francis Fukuyamas Essay «Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch», die im Abstand von sechs Jahren veröffentlicht wurden, stehen in einem krassen Gegensatz zueinander: Auf die Angst vor einem Weltkrieg folgt die Euphorie über einen Sieg der Demokratien. Auch Fukuyama erzählt auf seine Weise von einer unerfüllten Zukunft.
Irène Hermann ist Professorin für Geschichte an der Universität Genf und Spezialistin für die Schweizer Neutralität. Die Neutralität steht heute unter besonderer Beobachtung, war aber für die Historikerin nie eindeutig und wird von ihr im Hinblick auf die Vergangenheit entmythologisiert. Interview.
Der Wokismus ist nicht nur in akademischen und künstlerischen Kreisen weit verbreitet, sondern auch in der Politik. An vorderster Front: die europäischen Institutionen. Ein Blick auf die Temperatur.
Nur wenige Menschen hatten den Ausbruch des Krieges in der Ukraine vorausgesehen, zum Teil weil er Merkmale aufweist, die an einen Krieg erinnern, der vor vierzig Jahren hätte stattfinden sollen. Der 1986 erschienene Roman «Roter Sturm» erweist sich gerade deshalb als visionär.