Einkaufstourismus
Ach, der Einkaufstourismus, dieses polemische Thema schlechthin. Als Einwohner eines Kantons, der eine Grenze mit Frankreich hat, werde ich ständig damit konfrontiert. Die Argumente sprudeln, die Debatten werden angespannt, die «Touristen» werden schnell als schlechte Patrioten bezeichnet, die der Schweizer Wirtschaft schaden würden. Doch auf der Gegenseite verteidigt man mordicus dass es schließlich logisch und legitim ist, für seine Einkäufe weniger bezahlen zu wollen, wenn sich die Gelegenheit in so kurzer Entfernung bietet. In den folgenden Zeilen erlaube ich mir eine bescheidene Entschlüsselung, die es jedem ermöglichen soll, einen Teil der Hintergründe zu verstehen, wenn er sich seiner Verantwortung als Verbraucher stellt. Doktor, wie schlimm ist es mit dem Einkaufstourismus?
Das Thema war schon vor Januar 2015 heikel und hat sich seit der Aufhebung des Mindestkurses endgültig in den Debatten festgesetzt. Der starke Franken benachteiligt zwar die Exporte stark, aber auf der anderen Seite begünstigt er den Schweizer gegenüber ausländischen Verkäufern. De facto, Die Ankündigung vom 15. Januar hat viele Haushalte glücklich gemacht. Diejenigen, die jedes Wochenende oder gelegentlich nach Frankreich, Deutschland oder Italien reisen, sind die opportunistischen Gewinner der Entscheidung der Nationalbank. Dieser Glücksfall führt zu einer Explosion des Volumens der Einkäufe außerhalb der Landesgrenzen. Auf der anderen Seite gerät man in Panik. Man schreit nach dem Wolf.
Unsere Wirtschaftsstandorte (Genf, Zürich, Basel, Lausanne, Lugano) liegen alle relativ nahe an der Grenze, was unser Land zu einem bevorzugten «Kandidaten» für den Einkaufstourismus macht. Diese Nähe wird explizit in Das Wirtschaftsleben, Die Studie zeigt, dass 73% der Schweizer einen ausländischen Supermarkt in einer knappen Stunde erreichen können. Die Versuchung ist groß. Zu groß?
Vom Protektionismus zum Einkaufstourismus
Zunächst einmal ist es wichtig, daran zu erinnern, dass das Phänomen ein Problem der Reichen verrät. Es handelt sich um die berühmte «Hochpreisinsel» Schweiz. Denn nur ein großer Preisunterschied rechtfertigt die Reise ins Nachbarland. Dieser Unterschied erklärt sich vor allem durch den relativ schwachen Wettbewerb in der Schweiz und den Protektionismus, der die Grossverteiler dazu zwingt, einheimische Agrarprodukte zu einem nicht marktüblichen Preis zu kaufen.
Aber neben ihrer Fähigkeit, attraktive Preise anzubieten, ist auch die größere Flexibilität der Öffnungszeiten in den Nachbarländern zu loben. Während unsere Geschäfte samstags in der Regel ab 18 Uhr geschlossen sind, laufen sie auf der anderen Seite des Zolls bis spät abends weiter. Von Sonntagen ganz zu schweigen. Dieser verschärfte Wettbewerb zwingt die Schweizer Unternehmen, ihr Angebot so weit wie möglich anzupassen. Dies ist für alle Verbraucher von großem Nutzen.
Schwächung der Schweizer Wirtschaft
Vertreter der Schweizer Wirtschaft beziffern die Folgen des Einkaufstourismus auf die Vernichtung von 20’000 Arbeitsplätzen. Und das allein in den letzten zwei Jahren. Natürlich führt die Abwanderung aus den Schweizer Geschäften zu Umsatzeinbussen, die wiederum zu Entlassungen führen, was wiederum die oft schlecht ausgebildeten - und daher schwer wiederbeschäftigbaren - Angestellten oder auch die unter den Samstagsarbeitern stark vertretenen Studenten in Schwierigkeiten bringt. Dieses Phänomen führt zu einem Kaufkraftverlust, der sich auf die übrige Wirtschaft auswirkt. Das stimmt, aber dieser Verlust wird durch den Kaufkraftgewinn ausgeglichen, der durch Einkäufe im Ausland entsteht. Wenn wir weniger bezahlen, bleibt uns automatisch mehr übrig, das wir für Freizeit und andere im Inland gezahlte Abgaben ausgeben können.
Der Einkaufstourismus vernichtet jedoch nicht nur Arbeitsplätze in unserem Land, sondern ist auch für Unternehmen im Ausland kontraproduktiv. Denn das gleiche Produkt bringt in Frankreich nur eine geringe Marge ein, weshalb es selbst bei einem Verkauf in größerer Stückzahl weniger einbringt, als wenn es in der Schweiz abgesetzt würde.
Unlauterer Wettbewerb
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Einkaufstourismus ein Anreiz für die Schweizer Wirtschaft sein sollte. Da die Rahmenbedingungen in der Schweiz und in den Nachbarländern nicht dieselben sind, ist dieser unfaire Wettbewerb langfristig für alle zerstörerisch. Die Politik muss das Problem ernst nehmen und den Markt deregulieren, ansonsten wird sich die Kluft weiter vergrößern. Protektionismus und das Errichten von Zollschranken sind kosmetische Maßnahmen, die bestenfalls nur für einen kurzen Zeitraum helfen. Die Lösung liegt in einem freieren Markt.
Schließlich ist die Frage des Einkaufens im Ausland nicht nur eine Frage der wirtschaftlichen Logik, sondern auch eine philosophische Entscheidung. Soll ich an meinen eigenen Fall denken oder an die Gesellschaft als Ganzes? Soll ich mich um mein augenblickliches Glück kümmern oder mich an den kollektiven Anstrengungen beteiligen? Das Gehalt eines Schweizers, aber die Ausgaben eines Franzosen, d. h. die Butter und das Butterbrot? Der Begriff der Freiheit, der in diesem Artikel im Sinne der Konsum- und Unternehmerfreiheit verstanden wird, impliziert immer auch eine Verantwortung. Das sollten wir nie vergessen.
Schreiben Sie dem Autor: nicolas.jutzet@leregardlibre.com
1 Kommentar
Très intéressant, cet article, merci. Comme vous le dites, les touristes sont vite taxés de mauvais patriotes. Etonnamment les personnes qui passent leurs vacances à l'étranger (wellness en Autriche, Skier en France, ...) ne sont jamais montrées du doigt. Le tourisme suisse souffre aussi!
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