«Der Fall», Chronik eines angekündigten Todes
In einem spannenden Untersuchungsbuch geht die Journalistin Mathilde Farine in populärwissenschaftlicher Absicht auf die Gründe für das Debakel der Credit Suisse im Frühjahr ein.
Am 19. März dieses Jahres erfuhr die Schweiz mit Erstaunen von der Übernahme ihrer zweitgrößten Bank, der Credit Suisse, durch den Giganten UBS. Diese Transaktion, die nur ein Wochenende später beschlossen wurde, markierte das Ende einer 167-jährigen Geschichte des ehemaligen Flaggschiffs der Schweizer Banken, einer Geschichte, die 1856 von Alfred Escher, einem der Gründer der modernen Schweiz, begonnen wurde. Für die Journalistin und Finanzexpertin Mathilde Farine ist das Debakel die Folge eines langen Abstiegs, der viele Jahre zuvor begonnen hatte. Diesen Weg beschreibt sie in Der Fall, das im Frühsommer im Verlag Slatkine erschienen ist.
Die Bank, aus der später die Credit Suisse hervorging, wies jedoch einige sehr schweizerische Merkmale auf. Sie war vorsichtig und konservativ, vergab Kredite mit Bedacht, bot gute, aber nicht zu hohe Vergütungen und bildete gut gefüllte Reserven. Wie konnte die Bank also so tief sinken? Mathilde Farine befragt dazu zahlreiche Zeugen, Spezialisten und große Namen des Schweizer Bankwesens. Sie kommt zu einem klaren Schluss. Die Credit Suisse wurde zwar nicht durch die äußeren Umstände und das globale Umfeld unterstützt. Aber die Bank «ist Herr ihrer Geschichte und zum großen Teil für ihr trauriges Ende verantwortlich».
Von Cowboys und Söldnern
Die frühe und hartnäckige Expansion der Bank in den USA hat das verändert, was ihre Seele ausmachte: «Boni und kurzfristiger Profit stehen über allen anderen Werten». Ihre Rolle als ewiger Poulidor der Schweizer Bankenwelt hat sie dazu verleitet, Risiken einzugehen, die sich nicht immer ausgezahlt haben. Und ihre chronische Unfähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen, hinderte sie daran, Entscheidungen zu treffen, die sie hätten retten können.
In Der Fall, Mathilde Farine spricht nicht in Fachjargon. Sie führt die breite Öffentlichkeit in die goldenen Salons des Zürcher Paradeplatzes, um sie mit den reichen, mächtigen und arroganten Männern bekannt zu machen, deren Porträts sie schonungslos zeichnet. Sie erzählt den Bürgern, die nicht unbedingt alle Episoden dieser langen Serie verfolgt haben, ein Stück der Geschichte des Landes.
Risiken, die noch nicht gebannt sind
Mathilde Farine macht sich auch nichts vor. Das Scheitern der Credit Suisse wirft auch Fragen zu den Regulierungen auf, die der Bund nach der Rettung der UBS im Jahr 2008 eingeführt hat. Die Schweiz kann sich nun nicht mehr der Illusion hingeben, dass es unmöglich ist, ein systemrelevantes Institut in Konkurs gehen zu lassen. Dies hätte mit Sicherheit zu einem «Flächenbrand und einer globalen Finanzkrise» geführt, sagte sie und schloss sich damit den Worten von Marlene Amstadt, der Präsidentin der Schweizer Finanzaufsicht Finma, an.
Für die Schriftstellerin wird es nun dringend notwendig, sich zu fragen, was wir wollen. Alle bedeutenden Banken haben nämlich gemeinsam, dass sie «die Zutaten für einen Kataklysmus in sich tragen». Mathilde Farine predigt nicht die frohe Botschaft. Aber ihr Buch hat das Verdienst, daran zu erinnern, dass es in der Welt der Großbanken nie ein Nullrisiko geben wird. «Als kleines Land, das eine unverhältnismäßig große und von Natur aus bedrohliche Bank beherbergt», muss sich die Schweiz darauf vorbereiten. Andernfalls riskiert sie, dass «ein heftiger Donnerschlag (...) unseren friedlichen wirtschaftlichen Wohlstand niederschlägt».
Schreiben Sie der Autorin: sandrine.rovere@leregardlibre.com
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