«Zehn kleine Anarchistinnen», eine Hommage an Schweizer Emigranten

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geschrieben von Alexandre Wälti · 05 Februar 2019 · 0 Kommentare

Die Dienstagsbücher – Alexandre Wälti

«Die anarchistische Haltung – das ist unsere Weisheit. Für die kommenden Jahrhunderte stellen wir uns weder eine Welt vor, die von jeglicher Macht befreit ist, noch eine, die endlich von der universellen Anarchie erhellt wird. Vielmehr stellen wir uns diese Jahrhunderte als von Anarchisten bevölkert vor. Die Revolte wird ihrem Leben einen Sinn geben, so wie sie auch unserem Leben einen Sinn gegeben hat.»

So spricht Valentine Grimm, die Erzählerin von Daniel de Roulet. Sie geht von einer möglichen Antwort und einer plausiblen Haltung unter vielen anderen aus: ein ungleiches, patriarchalisches, gieriges und räuberisches Wirtschaftssystem, das am Ende seiner Kräfte ist, grundlegend in Frage zu stellen und zu verändern, bevor es wie schon 2008 erneut zusammenbricht. Eine Notwendigkeit, die – wie zu Zeiten der zehn kleinen Anarchistinnen des Schriftstellers aus Imérien – noch nie so aktuell war wie heute: die Gelbwesten in Frankreich, die Klimademonstrationen in der Schweiz, das weltweite Phänomen ##MeToo, Occupy Wall Street in den USA, die 15-M-Bewegung in Spanien usw.

Zwar verfolgen all diese zivilgesellschaftlichen Bewegungen der letzten Jahre nicht immer dieselben Forderungen, doch zeugen sie von einer wachsenden Unzufriedenheit mit einer bestimmten Auffassung vom menschlichen Dasein. Wie Valentine, Colette, Juliette, Emilie, Jeanne, Lison, Adèle, Blandine, Germaine und Mathilde dies im Laufe des Romans sehr treffend zum Ausdruck bringen. Eine andere Realität zu erdenken – darin sind sich alle einig.

Ein Dokumentarroman

Daniel de Roulet wurde heute von der Internationalen Literaturkommission der Kantone Bern und Jura für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Ein Grund mehr also, ihn kennenzulernen Zehn kleine Anarchistinnen. Ce roman se base d’une part sur des documents historiques et démontre d’autre part une inventivité intelligente, en cela qu’elle interroge directement le lecteur sur ce qui l’entoure aujourd’hui.

Worum geht es hier? Zunächst um den Lebensweg von zehn Schweizer Auswanderinnen und dann um ihren gemeinsamen Willen, Freiheiten und Lebensweisen auszuprobieren, die von Bakunin oder Kropotkin theoretisch dargelegt wurden. Letzterer hat beispielsweise in seinem Werk eine Definition der anarchistischen Philosophie vorgeschlagen Moral: «Sich nicht vor keine »Autorität, so sehr sie auch geachtet sein mag; kein Prinzip akzeptieren, solange es nicht durch die Vernunft begründet ist.“

C’est le XIX. siècle à Saint-Imier, vallon alors prospère grâce à l’horlogerie. Dix femmes quittent la région pour vivre autrement. Elles fuient certaines institutions comme le mariage, qui était un objectif de vie pour une partie de la population, et l’emprise de l’Eglise sur la vie quotidienne, tout comme sur l’éducation des petits Imériens. Colette et Juliette sont les premières à fuir ce contexte contraignant et dogmatique pour vivre librement leur amour sans devoir se cacher ou risquer une quelconque condamnation. Les huit autres femmes suivent ensuite cette impulsion malgré la disparition tragique des deux amantes et embarquent avec leurs enfants dans un navire pour Punto Arenas en Patagonie. Rude traversée de l’océan atlantique durant laquelle Émilie perd la vie en accouchant.

«Da Émilie eine Freidenkerin war, wollten wir nicht, dass sich der Pfarrer von Haute-Saône einmischt. Wir haben uns zu mehreren zusammengesetzt, um ein paar Zeilen zu verfassen, die Mathilde vor den versammelten Passagieren vorlas. Nicht etwa: Liebe Émilie, auf Wiedersehen im Paradies. Sondern lediglich: Du hättest es verdient, Patagonien zu sehen, wir werden deine Erinnerung dorthin mitnehmen.»

Sie kommen in Punta Arenas an und stellen fest, dass es dort nur eine chilenische Militärkaserne, einige Wohnhäuser, weitere landlose Einwanderer, den beißenden patagonischen Wind und Gefangene – überwiegend Kommunalisten – gibt. Sie setzen sich über die autoritäre Ortsverwaltung hinweg und organisieren sich, um trotz allem zu überleben. Was in den Augen des Lesers zunächst wie eine erste Enttäuschung erscheinen mag, entpuppt sich jedoch schnell als zusätzlicher Antrieb für ihre gemeinsame Entschlossenheit, anders zu leben.

Sie bauen fortan ihre eigenen Häuser, leben ihre Sexualität frei aus, erziehen ihre Kinder nach ihren eigenen Vorstellungen und verdienen ihren Lebensunterhalt dank der Fähigkeiten, die sie in den Uhrenfabriken von Saint-Imier erworben haben. Schließlich gründen sie eine Bäckereigenossenschaft, indem sie einen Einwohner nach dem anderen davon überzeugen. Das wenige Geld, das sie auf diese Weise verdienen, ermöglicht es ihnen anschließend, ihr anarchistisches Experiment fortzusetzen und eine libertäre Kolonie auf der Insel Robinson Crusoe zu gründen, bevor sie in den Straßen von Buenos Aires mit der Repression durch die Truppen des Polizeichefs Falcon konfrontiert werden. In eben dieser Stadt entdecken sie schließlich die Wahrheit über das Verschwinden von Colette und Juliette, ohne auch nur eine Sekunde lang von ihrer anarchistischen Haltung abzurücken.

«Liquidation des liquides, annonce Mathilde, levant son verre bien haut avant de nous lire un extrait de la dernière lettre de Benjamin. En grande forme, celui-là:  »Être gouverné, c’est être, à chaque opération, à chaque transaction, à chaque mouvement, noté, enregistré, recensé, tarifié, timbré, toisé, coté, cotisé, patenté, licencié, autorisé, apostillé, admonesté, empêché, reformé, redressé, corrigé. » On lève nos verre à la santé de notre éternel fugitif.»

Daniel de Roulet würdigt diese zehn Frauen, von denen die meisten tatsächlich gelebt haben und die von der Geschichte teilweise in Vergessenheit geraten sind – ebenso wie all die oft tragischen, aber von Hoffnung erfüllten Schicksale der Schweizer Auswanderer des 19. Jahrhunderts. siècle – comme tous ceux qui émigrent encore aujourd’hui de gré ou de force. Il embarque son lecteur dans un voyage dur et fabuleux grâce à une écriture fluide et dense. La fluidité se trouve dans sa manière de raconter parfois proche du conte, évidente et enthousiasmante. En parallèle, l’auteur construit une vraie densité grâce aux nombreuses pistes de réflexions qu’il ouvre au lecteur. Il nous invite par conséquent à réfléchir plus activement à notre temps en racontant le destin de dix femmes avides de liberté.

Daniel de Roulet
Zehn kleine Anarchistinnen

Buchet/Chastel
2018
135 Seiten

Schreiben Sie dem Autor: [email protected]

Fotocredit: © Alexandre Wälti für Le Regard Libre

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