Gabriele Münter, ganz Feuer, ganz Frau

8 Leseminuten
geschrieben von Yves Guignard · 13. März 2022 · 0 Kommentare

Gabriele Münter hatte das Pech, die Konkubine eines allzu großen Namens der Kunstgeschichte zu sein, nämlich des russischen Malers Wassily Kandinsky, des genialen Pioniers der Abstraktion. Diese Gefährtenschaft hat zur Folge, dass man sie sofort in einer Art Diashow der Kunst im 20.. Jahrhundert, verurteilte sie aber auch dazu, im Schatten einer zu starken Präsenz zu kämpfen. Dabei war sie weit mehr als eine Geliebte und Muse, sie war eine bedeutende Malerin und Grafikerin und die Hüterin des eigentlichen Gedächtnisses der Münchner Avantgarde vor 1914 im Herzen von Nazi-Deutschland. Eine Ausstellung in Bern rückt diese Künstlerin wieder ins rechte Licht.

Niemand war besser geeignet als der Paul-Klee-Zentrum um diese monografische Ausstellung zu beherbergen. Man sollte sich daran erinnern, dass es genau die gleiche Umgebung war, in der die frühen Karrieren von Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin gedeihen konnten. Schauplatz ist das München um 1910 und die umliegende Landschaft. Es gibt Künstler unterschiedlicher Herkunft, mehrere Russen und Deutsche (Klee ist damals nur zur Hälfte gebürtiger Schweizer und hat nur einen deutschen Pass). Es entstehen Liebesgeschichten, die später wieder zerbrechen. Das Paar Jawlensky-Werefkin flüchtete in die Schweiz, wo sie sich trennten. Sie bleibt in Ascona wohnen, wo man heute noch ihre Werke sehen kann. Nur Klee bleibt bis zu seinem Tod bei seiner Frau.

Eine diskrete Tochter aus gutem Hause

Gabriele Münter wurde 1877 in Berlin als Tochter einer amerikanischen Mutter, die früh verstarb, und eines deutschen Vaters geboren. Die Familie ist wohlhabend und wird das sehr unabhängige Mädchen immer unterstützen, weil sie schon in jungen Jahren in der Welt herumgereist ist. Nach dem Tod ihrer Mutter unternimmt Gabriele eine lange Reise in die USA, um dort ihre Cousins zu treffen. Dort kaufte sie sich eine Kamera und brachte Aufnahmen aus Texas mit, die den größten Western würdig waren. Diese Fotografien werden in Bern in einem ersten Teil der Ausstellung gezeigt. Sie sollen ihre Malkunst und ihr Wissen um den Bildausschnitt bestimmt haben. Auch wenn es schwierig ist, dies zu beweisen, hat dieser Auftakt das Verdienst, uns den zivilisatorischen Abstand zwischen seiner Zeit und heute ermessen zu lassen. Das Problem der modernen Kunst besteht darin, dass sie ewig jung und aktuell ist. Wenn wir seine Landschaften mit den geometrischen Bergen und roten Bäumen betrachten, könnten sie gestern gemalt worden sein, sie haben kein Alter. Die Verwendung von Fotografien stellt den Kontext wieder her.

Münter, die zunächst an der Kunstschule für Frauen in Düsseldorf ausgebildet wurde, ließ sich mit 23 Jahren in München nieder. Vor Berlin und Wien war die Stadt damals die Hauptstadt des Modernismus in der deutschsprachigen Welt. Hier gibt es auch die größte Konzentration privater Akademien pro Quadratmeter. In einer dieser Akademien lernt Münter Kandinsky kennen und wird seine Lieblingsschülerin, bevor sich die beiden ineinander verlieben. Da er verheiratet ist, ist die Anfangszeit kompliziert. Die Liebenden begeben sich bald auf eine lange Reise, auf der sie sich in Paris aufhalten, im Herzen einer anderen Moderne, wo sie Picasso und Matisse begegnen. Später trifft man sie in Italien und Tunesien wieder.

Lesen Sie auch | Zentrum Paul Klee: Das Werk als Erinnerungsort

Es ist bekannt, dass gerade dieses Land, das er einige Jahre später kennenlernte, für Paul Klee wie ein Elektroschock wirkte. Seine Palette öffnete sich zu immer vibrierenderen und lebhafteren Farben. Es ist bedauerlich, dass dies bei Münter nicht der Fall war, der von dieser Reise Bilder mitbrachte, die im Vergleich dazu sehr brav aussehen. Nicht, dass seine Palette matt wäre, ganz im Gegenteil, aber es ist, als ob der Künstler in den bayerischen Voralpen mehr Licht sehen würde als auf seiner Reise nach Nordafrika. Ein merkwürdiges Phänomen.

Das Abenteuer des Blauen Reiters und der unsichtbaren Frau

In München, mit Kandinsky, Klee und Jawlensky, verkehrte man als Nachbarn, lud sich gegenseitig zu Hause ein und malte natürlich auch. In der Ausstellung findet man ein wunderschönes Porträt von Marianne von Werefkin, ein weiteres von Klee mit weißen Hosen in einem blauen Sofa, eines von Jawlensky und ein weiteres mit einer Radierung von Kandinsky. Diese kleine Welt, zu der noch Franz Marc und Auguste Macke hinzukommen - die aber in München nur auf der Durchreise sind, da sie nicht hier leben -, bildet den Kern der Blauer Reiter.

Unter diesem Begriff wird eine Avantgardegruppe bezeichnet, die zweimal gemeinsam ausstellt und einen Almanach unterzeichnet, eine Art illustrierte Zeitschrift mit theoretischen Texten und Reproduktionen von Kunstwerken, die die Geschichte des Kunstverlagswesens und der modernen Kunst prägen wird. Zum ersten Mal wurden moderne Kunstwerke, primitive Skulpturen, naive Gemälde und Kinderzeichnungen zusammen und «auf einer Ebene» veröffentlicht - ein Mischmasch, der nur durch seine ästhetischen Qualitäten zusammengehalten wurde. Seltsamerweise, während Münter mit ihrem Hauptautor zusammenlebt, mit den Protagonisten verkehrt und sie fotografiert, findet man im Almanach weder ein Werk noch einen Text von ihr. Sie bleibt völlig im toten Winkel, ebenso wie die andere Künstlerin der Gruppe Marianne von Werefkin. Das Patriarchat ist selbst innerhalb der Bohème belastend.

gabriele münter
Gabriele Münter, Kandinsky, 1906, Farbige Blinolradierung auf japanischem Papier, 24,4 x 17,7 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung, 1957 2021, ProLitteris, Zürich

Es kommt zur Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Marc und Macke sterben im Krieg. Kandinsky muss nach Russland zurückkehren, während die Jawlensky-Werefkins in die Schweiz fliehen. Gabriele Münter wird aufgefordert, nach Skandinavien zu reisen, um dort auf ihren Geliebten zu warten. Er kommt nur einmal für einen Aufenthalt und lässt sie dann ohne Nachricht zurück. Sie ist gezwungen, einen Schlussstrich zu ziehen und kehrt allein nach Murnau zurück. Sie schickt ihm einen Teil der Werke, die in ihrem gemeinsamen Haus verblieben waren und die er zurückforderte.

Die Last, geblieben zu sein

Münter ist die einzige aus dieser Zeit und diesem intensiven Moment in der Geschichte der modernen Kunst, die während des Dritten Reichs in Deutschland blieb. Klee, der einzige überlebende Deutsche, flüchtete in den 1930er Jahren in die Schweiz. Was tat sie im Kontext des Nationalsozialismus? Wie hält sie es aus? Ist das nicht ein Makel, der sich auf ihr Erbe legt? Die Ausstellung geht kaum auf die Problematik ein, außer dass sie weiterhin malt und sogar an einer Ausstellung teilnimmt, in der Nazi-Arbeiter angepriesen werden. Das ist an sich schon überwältigend, auch wenn sie stilistisch nicht allzu viele Zugeständnisse an den für Totalitarismen typischen Realismus zu machen scheint. Sie bleibt sie selbst und malt Themen, die dem Zeitgeist entsprechen, Straßenbauer. Trotzdem ist es unangenehm. Und außerdem zeigt die Ausstellung keine Werke aus ihrem Spätwerk. Sie starb jedoch in den 1960er Jahren. Wird ihre Kunst immer schlechter?

In Bern wird uns ein zweideutiges Schicksal präsentiert. Bis hin zu Münters oft fotografierter Person: Sie lächelt nie. Das ist zwar nicht die Norm, aber dennoch wirkt sie kalt und gespenstisch, passend zu ihrer Geschichte als verlassene Frau und Schattenfigur.

NEWSLETTER DES FREIEN BLICKS

Erhalten Sie unsere Artikel jeden Sonntag.

Ein Punkt rettete sie, und die Münchner sind heute froh darüber: Friedlich und ohne Geschichte inmitten eines grausamen Regimes beherbergte und bewahrte Münter einen modernistischen Schatz. Seine Keller waren voll mit Werken von Kandinsky, aber auch von all ihren Freunden. Diese als entartet eingestuften Werke hätten von den Nazis verbrannt werden können, was auch anderswo geschehen ist. So ist sie eine Heldin, eine Widerstandskämpferin trotz allem, genauso wie ihre Malerei, die vor dem Gericht der Geschichte eine gute Figur macht. Sie ist nicht einen Tag gealtert.

«Gabriele Münter. Pionierin der modernen Kunst», im Zentrum Paul Klee bis zum 8. Mai 2022

Yves Guignard ist Kunsthistoriker. Er ist Archivar des Balthus-Fonds, Autor eines Buches über Coghuf und Autor des Sammelwerks Zwischen Kunst und Literatur - Drei Jahrhunderte kultureller Ausstrahlung rund um Vevey und Montreux.

Headerbild: Gabriele Münter, Aurélie, 1906, Farblinolschnitt auf Japanpapier, 18,7 x 17 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung, 1957 © 2021, ProLitteris, Zürich

Yves Guignard
Yves Guignard

Yves Guignard ist Kunsthistoriker und als Archivar für den Fonds Balthus zuständig. Seine letzten Veröffentlichungen befassen sich mit Coghuf und Marius Borgeaud.

Einen Kommentar hinterlassen