«Die Beleidigung», ein gestohlener Prozess
Mittwochs im Kino - Loris S. Musumeci
« Ich warne Sie, er muss sich entschuldigen ».»
Toni (Adel Karam) ist stolz. Seine Frau erwartet ein Kind und er spart, um die Wohnung zu kaufen, in der die Familie in Ruhe leben wird. Seine Werkstatt als Mechaniker ist nur wenige Schritte vom Gebäude entfernt. Überstunden schrecken diesen libanesischen Christen nicht ab, der die Arbeit als Gnade ansieht. Yasser (Kamel El Basha) ist genauso stolz und fleißig wie Toni. Grundlegender Unterschied: Er ist ein muslimischer palästinensischer Flüchtling.
Eines Morgens tropft die Dachrinne von Tonis Balkon. Yasser, Vorarbeiter auf der Baustelle in dessen Nachbarschaft, bittet ihn, die notwendigen Arbeiten durchführen zu dürfen. Der Christ lehnt arrogant ab; der Muslim bleibt hartnäckig und bringt die Dachrinne trotzdem in Ordnung. Aus Verärgerung darüber, dass die leichte Reparatur ohne seine Erlaubnis durchgeführt wurde, zerschlägt Toni Yassers Arbeit mit einem Hammer, woraufhin dieser ihn mit «Du blöder Arsch!» beschimpft. Die Spannungen nehmen allmählich zu, bis es schließlich zu Faustschlägen kommt. Die Sache endet vor Gericht, in einem Prozess, der unerwartete Ausmaße annimmt und die schmerzhafte Geschichte der beiden Männer und die Geschichte, die sie geformt hat, heraufbeschwört.
Ein gestohlener Prozess
Der Libanese Ziad Doueiri hat bei seiner Inszenierung kein Blatt vor den Mund genommen. Er wollte zeigen, wie unbedeutend und absurd die Ursachen von Feindseligkeiten sein können, aber auch, welche Ausmaße ihre Folgen annehmen können. Das Thema ist zwar altbekannt, doch die Umsetzung auf der Leinwand erweitert den Blickwinkel. Alles kann mit einer Regenrinne beginnen, und es kann jeden Familienvater betreffen, der ein ehrlicher Arbeiter ist.
Der Regisseur, ein ehemaliger Assistent von Quentin Tarantino, misst den Gerichtsszenen zudem eine herausragende Bedeutung bei. Ausgehend von der Nachstellung einer kleinen regionalen Gerichtsverhandlung, in der sich ganz gewöhnliche Männer gegenüberstehen, entwickelt sich die Handlung zu einem Prozess von nationaler Tragweite mit internationalem Medienecho. Der Erfolg einer solchen Eskalation aus filmischer Sicht liegt in der gleichzeitigen Weiterentwicklung von Handlung, Bühnenbild und Kameraführung.
Während sich die Kamera in den ersten Szenen des Prozesses vor allem auf die männlichen, verärgerten Gesichter von Toni und Yasser konzentriert, richtet sie sich im Laufe der Verhandlung auf die Anwälte, die Richter und die Menschenmenge im Saal. Der stille, empörte Hass der beiden Männer weicht einem Kampf der Anwälte, bei dem die Kamera als Waffe dient. Sie unterstreicht den Gegensatz und fängt die Reden sowohl der Anklage als auch der Verteidigung heroisch und lyrisch ein. Die Richter gewinnen sowohl durch ihre Kleidung als auch durch das Tragen ihrer Uniform an Würde und Erhabenheit. Der Prozess wurde den beiden Männern entrissen; er wird zu einer Staatsangelegenheit.
Toni und Yasser rühren die Herzen
Ziad Doueiris detailverliebtes Werk ruft beim Zuschauer mal ein wenig Langeweile, mal ein kathartisches Gefühl hervor. Vor allem der erste Teil leidet darunter, dass er keine Ermüdung hervorruft: Die Schauspieler wirken in ihrer Darstellung der Figuren zu steif und schwerfällig, insbesondere Adel Karam in der Rolle des Toni. Im zweiten Teil wird der theatralische Einfluss der Schauspieler deutlich abgeschwächt, um die Kunst des Kinos im eigentlichen Sinne in den Vordergrund zu rücken.
Als Zeuge des Spiels mit den Kameras, der Plädoyers und der Massenszenen löst sich der Zuschauer von den individuellen Persönlichkeiten von Toni und Yasser, um sie in ihrer gemeinsamen Gemeinschaft zu betrachten. Die Emotionen sind stärker, und so paradox es auch erscheinen mag, wird das Innere der Protagonisten offenbart. Beide sind Opfer. Endlich rühren sie uns, so wie sie selbst gerührt sind. Sie weinen über die Folgen einer kaputten Regenrinne.
«Diese Worte sind das Ergebnis einer Wunde, die nicht verheilt ist.»
Schreiben Sie dem Autor : loris.musumeci@leregardlibre.com
Fotocredit: © Frenetic Films
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