«Madeleine Collins»: Die Täuschung ist nur scheinbar echt
«Madeleine Collins», avec Virginie Efira. Photo: Paname Distribution / UFO
Kann man Ehebruch und das Phantasma des Doppellebens im Kino noch (wieder) erleben? Antoine Barraud beantwortet die Frage mit Ja und nimmt den Zuschauer mit in einen Thriller, in dem der Wahnsinn lauert, getragen von einer Virginie Efira, die das Thema der Identitätsstörung wieder aufgreift erforscht in Sybil. Sie liefert eine brillante Darstellung als feurige und hartnäckige Frau.
Unter der Woche nennt sie sich Judith Fauvet. Sie lebt in Frankreich, hat zwei Kinder, die mittlerweile im Teenageralter sind, und ist mit Melvil (Bruno Salomone), einem renommierten Dirigenten, verheiratet. Ihr Zusammenleben wird von den zahlreichen Auslandskonzerten ihres Mannes geprägt, der übrigens auf eine internationale Beförderung wartet. Seit nunmehr drei Jahren ist auch Judith eine begeisterte Geschäftsreisende geworden. Sie reist nach Rom, nach Italien oder auch nach Spanien, um Übersetzungen anzufertigen und an Kolloquien der UNO teilzunehmen. Hinter diesem Lebensstil verbirgt sich jedoch eine andere Realität: die eines kleinen Mädchens und ihres Vaters Abdel (Quim Gutiérrez), die in der Schweiz leben. Abdel hat die Situation satt, sein Verhalten gegenüber Judith wird zunehmend distanziert. Werden die Täuschungen und diese beiden Identitäten noch lange nebeneinander bestehen können?
Eine Wiederholung? Nein, eine Neuinterpretation
Nichts Neues in der Welt des Kinos. Das Thema Ehebruch und Doppelleben ist in Spielfilmen weit verbreitet. Es wird in der Regel nach einem Schema behandelt, das im Gegensatz zu Madeleine Collins, nämlich dass der männliche Protagonist der Verantwortliche und der Auslöser des Ehebruchs ist. Eine verzweifelte Hausfrau, das plötzliche Auftauchen einer Babysitterin oder einer neuen Kollegin … und schon entsteht das magische Dreiecksverhältnis.
Aber auch die untreuen Ehefrauen kommen natürlich nicht zu kurz. Diese Haltung der ehebrecherischen Frau hat sich in der kollektiven Vorstellungswelt insbesondere durch die Figur der „Femme fatale“ verfestigt, einer stereotypen und stereotypisierenden Figur aus dem Film noir und dessen zeitgenössischem Pendant, dem Neo-Noir. Auch in jüngerer Zeit haben große Produktionen diese Figur aufgegriffen. So verkörpert beispielsweise Rosamund Pike die rachsüchtige Heldin in Gone Girl von David Fincher. Die Darstellung dieser Figur – einer liebenswerten, manipulativen „Selbstjustizlerin“ – stand übrigens im Mittelpunkt zahlreicher Debatten über frauenfeindliche Diskurse und die frauenfeindliche Darstellung von Frauen…
Allerdings ist es auf einem ganz anderen Gebiet, dass Madeleine Collins zieht den Zuschauer in seinen Bann. Der Film geht mühelos über Genrefragen und Stereotypen hinaus, um die Erwartungen des Publikums zu unterlaufen.
Der Faden des Untergangs und des Wahnsinns
Tatsächlich hat der gesamte Anfang der Erzählung den Beigeschmack von Déjà-vu: Judiths Lügen und ihr Hin und Her täuschen nicht nur ihr Umfeld, sondern auch den Zuschauer. Was auf den ersten Blick wie eine leidenschaftliche Beziehung erscheint, die kurz vor dem Zusammenbruch steht, offenbart sich in einer neuen Perspektive, die durch die in der Erzählung verstreuten Hinweise verändert wird; die Interpretationsebenen überlagern sich. Die Hinweise und der Verlauf des Films enthüllen dann die Hintergründe dieser Liebesgeschichte zwischen Frankreich und der Schweiz aus familiärer Perspektive, in der die Verantwortlichkeiten jedes Einzelnen lediglich die Folgen der Handlungen der anderen sind. Letztendlich werden nur der Zuschauer und Judith durch ihre eigenen Erwartungen getäuscht. Die Doppelzüngigkeit der Protagonistin verwandelt sich in eine Suche; die einer Mutter, die von den Turbulenzen der Lasten, die auf ihrem Dasein und ihrer Pflicht lasten, erdrückt wird.
Was den Titel betrifft, so wird uns dessen Bedeutung erst ganz am Ende des Films offenbart, wenn die Masken fallen und das Unausgesprochene ans Licht kommt. Madeleine Collins bleibt – genau wie dem Zuschauer – nichts anderes übrig, als sich in einem neuen Leben neu zu erfinden.






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