Warum die ländlichen Gebiete dem Niedergang des Festes trotzen

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geschrieben von Yann Costa · 09. Oktober 2026 · 0 Kommentare

Die Jugendlichen kehren den traditionellen Orten des Nachtlebens den Rücken. Gleichzeitig erleben die Treffpunkte der ländlichen Jugend und die Festivals einen bemerkenswerten Aufschwung. Ein Paradoxon, das verdeutlicht, was dem Feiern seine nachhaltige Kraft verleiht.

Es ist mittlerweile eine Tatsache: Junge Menschen gehen weniger auf Partys. Die traditionellen Ausgehorte sind davon als Erste betroffen. In Frankreich ist die Zahl der Diskotheken nach Angaben der Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger (Sacem) von etwa 4.000 Ende der 1980er Jahre auf rund 1.500 im Jahr 2025 gesunken. In Großbritannien schätzt die Night Time Industries Association (NTIA), dass die Zahl der Nachtclubs in weniger als fünf Jahren um 33% zurückgegangen ist. In der Schweiz lässt sich dieses Phänomen direkt an den Ausgewohnheiten ablesen. Eine Studie der Universität Zürich zeigt, dass im Jahr 2007 30% der Jugendlichen angaben, mindestens einmal pro Woche in einen Club zu gehen; im Jahr 2022 waren es weniger als 10%.

Der Alkoholkonsum verzeichnet eine ebenso spektakuläre Entwicklung. Die französische Beobachtungsstelle für Drogen und Suchttrends berichtet, dass sich der Anteil der Gymnasiasten, die angaben, dass ’mindestens die Hälfte ihrer Freunde Alkohol trinkt«, zwischen 2011 und 2024 halbiert hat, während sich der Anteil derjenigen, die angaben, »keinen Freund zu haben, der Alkohol trinkt«, verzehnfacht hat. Auch die sozialen Gewohnheiten verändern sich: die Weltglücksbericht 2026 stellt fest, dass persönliche Begegnungen in ganz Europa zurückgehen, was bei der Generation Z besonders ausgeprägt ist.

An Erklärungsversuchen für dieses Phänomen mangelt es nicht. In seinem Buch Die Generation der Ängstlichen (2025) macht der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt insbesondere das Smartphone und die sozialen Netzwerke dafür verantwortlich, dass sich ein Teil der Geselligkeit junger Menschen auf die Bildschirme verlagert hat. Hinzu kommen soziale Ängste, steigende Kosten für Ausgehabende, Risikoscheu sowie eine eher utilitaristische Einstellung zur Zeit.

Die ländliche Ausnahme

Man muss jedoch nur die Städte verlassen, um auf ein merkwürdiges Gegenbeispiel zu stoßen: die Jugendvereine auf dem Land. Diese sind in der Regel auf Dorfebene oder auf der Ebene mehrerer benachbarter Gemeinden organisiert und bringen junge Menschen im Rahmen von Festen, Turnieren, Umzügen und anderen gemeinsamen Aktivitäten zusammen. Ihr wichtigstes Ereignis, der «Giron», ist ein großes, jährlich stattfindendes Wanderfest, das über mehrere Tage hinweg Tausende von Teilnehmern anzieht.

In der Schweiz vereint der Waadtländer Verband der Landjugend heute rund 200 Ortsvereine und etwa 8«500 Mitglieder. Alle fünf Jahre ist er Mitveranstalter der »Cantonale“, einer Art riesigem Fest, an dem alle Vereine des Kantons zusammenkommen. Die letzte Ausgabe, die 2024 in Givrins stattfand, verzeichnete eine Rekordzahl von 120.000 Teilnehmern, nach 115.000 in Savigny im Jahr 2019.

Bemerkenswert ist: Diese Lebendigkeit ist nicht das Ergebnis einer Folklore, die von einigen Älteren künstlich am Leben erhalten wird. Die Hauptakteure sind gerade die jungen Leute. Monatelang suchen sie nach Veranstaltungsorten und Sponsoren, bauen die Infrastruktur auf und organisieren Bars, Wettbewerbe und die Sicherheit. Sie geben sich nicht damit zufrieden, das Fest nur zu genießen; sie gestalten es machen.

Neue Festtraditionen

Auch Festivals erleben einen ähnlichen Aufschwung. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik (BFS) ist der Anteil der Schweizer Bevölkerung, der im Laufe des Jahres mindestens ein Festival besucht hat, von 38% im Jahr 2014 auf 47% im Jahr 2019 und schließlich auf 52% im Jahr 2024 gestiegen. Ein regelrechter Boom, den auch die Pandemie nicht gebremst hat und der vor allem junge Menschen anspricht. Ebenfalls laut BFS hatten im Jahr 2024 68% der 15- bis 29-Jährigen mindestens ein Festival besucht, mehr als in jeder anderen Altersgruppe.

Der Fall des Paléo ist besonders symbolträchtig. Das 1976 ins Leben gerufene Festival in Nyon bringt heute fünf Generationen zusammen, die sich jedes Jahr in weniger als 20 Minuten 250.000 Tickets sichern. In fünfzig Jahren hat sich diese Veranstaltung zu einer echten Tradition entwickelt: Die Eltern erzählen ihren Kindern von ’ihrem« Paléo, und diese machen es sich ihrerseits zu eigen.

Das Fest als Ort der Weitergabe

Warum scheinen die Girons und Festivals besser zu bestehen als andere Formen von Festlichkeiten, obwohl «ihre» Jugendlichen dieselben Smartphones besitzen und dieselben Sorgen haben wie ihre Altersgenossen? Vielleicht, weil sie Teil von etwas sind, das ihnen überliefert wurde und dessen Hüter sie nun ihrerseits werden. In einer stark säkularisierten Gesellschaft, in der religiöse Riten und große Erzählungen an Bedeutung verloren haben, scheinen Festlichkeiten, die ein Erbe in sich tragen, langfristig einen Vorteil zu behalten.

In einem Nachtclub kommt der Gast, wenn alles bereit ist, und erlebt etwas, das sofort wieder vergeht. Bei einem Volksfest – sei er nun ehrenamtlich tätig oder einfach nur Teilnehmer – wird der Jugendliche Teil einer Geschichte, die schon vor ihm begonnen hat, zu deren Fortbestand er beiträgt und von der er glaubt, dass sie es wert ist, weiterzuleben. Während Diskotheken vor allem eine x-te Form des Hedonismus bieten, fügen sich Volksfeste und Festivals in eine Kontinuität ein, die das Zugehörigkeitsgefühl einer nach Sinn suchenden Jugend nährt. Vielleicht ist genau das eine Voraussetzung dafür, dass das Fest weiterlebt.

Diplom in Wirtschaftswissenschaften und Vorsitzender des Vereins Café-philo, Yann Costa ist Redakteur beim Regard Libre.

Sie haben soeben einen Beitrag aus unserem Dossier «Wollen wir noch feiern?» gelesen, der in unserer Printausgabe erschienen ist (Le Regard Libre Nr. 130)

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