«Goodbye Opa!»
Internationales Filmfestival Freiburg - Loris S. Musumeci
« Er hätte noch länger leben können, aber er hat in vollen Zügen gelebt.»
Das Bett quietscht. Yoshiko und ihr Freund widmen sich tiefen sexuellen Übungen. Sie sind schweißgebadet. Plötzlich klingelt das Telefon. Das Mädchen unterbricht, um ans Telefon zu gehen. Es ist eine traurige Nachricht. Vom Fenster aus teilt sie ihrem Vater mit, dass «Opa gestorben ist». Als sie zu ihrem Partner zurückkehrt, erhält sie ein sehr wohlwollendes «Willst du, dass wir aufhören?.
Die ganze Familie fühlt sich unbehaglich; niemand weiß, was er sagen soll. Im Krankenhaus streiten sich Yoshikos Vater und ihr Bruder: Sie werfen sich gegenseitig Versäumnisse und Verantwortungslosigkeit vor. Yoshiko hingegen freut sich, ihre Cousine bei dieser Gelegenheit wiederzusehen, doch die beiden tauschen nur ein «Das ist aber lange her» aus, was sehr viel über den Zustand der Familie aussagt. Durch das Leben, die Arbeit, Scheidungen und Ähnliches ist die Familie des verstorbenen Großvaters Isao endgültig zerfallen. Als ob die Situation nicht schon kompliziert genug wäre, muss nun auch noch darüber nachgedacht werden, wo die senile Großmutter untergebracht werden soll.
Eine kitschig grandios
Im Gegensatz zu den anderen Spielfilmen im internationalen Wettbewerb des Internationalen Filmfestivals von Freiburg, Tschüss, Opa! setzt seinen Erfolg nicht auf die Fotografie. Abgesehen von einigen Einstellungen, deren Eleganz der Tragikomödie dient – insbesondere jene, in der die beiden Cousinen an einem Zaun stehen und rauchen –, reiht der Film Szenen mit Bildern an, die kitschig grandios. Manche erkennen darin einen japanischen Einfluss; andere sehen darin einen Anlass, sich angesichts dieser Wiesen, deren Grün ebenso überbewertet und digital wie abstoßend ist, zu übergeben.
Yukihiro Morigaki hingegen trifft in seiner Inszenierung den Kern des Themas viel besser. Er zeigt das Drama westlicher, städtischer Familien, zu denen auch Yoshikos Familie voll und ganz gehört. Die Japaner leben schließlich nach westlichem Vorbild, obwohl sie sich im Fernen Osten der Welt befinden. Im Allgemeinen sprechen die Brüder nicht mehr miteinander, es sei denn, um sich um ein Erbe zu streiten. Die Cousins wiederum verlieren jegliche Nähe zueinander: Die einen leben hier, die anderen dort. Folglich sind «Hochzeiten und Beerdigungen immer dieselben Familientreffen.»
Der Einzelne und die Familie
Die Geschichte zeigt ganz unverblümt den modernen Menschen im Umgang mit dieser lästigen und erdrückenden Gruppe, die man Familie nennt. Yoshikos Bruder studiert in der Stadt; seine Kleidung ist sehr modisch und er wirkt etwas feminin. Es überrascht nicht, dass sich die Familie über ihn lustig macht. Yoshikos Cousin hingegen ist ein fast schon krankhaft introvertierter Mensch. Es überrascht nicht, dass sich die Familie über ihn lustig macht. Yoshikos Onkel wurde von seiner Frau verlassen, weil er, wenn man seinem eigenen Bruder Glauben schenkt, nur ’ein armer Spießer« ist. Es überrascht nicht, dass die Familie sich über ihn lustig macht.
Jeder könnte sich mit dem Bild des in der Familie verspotteten Verlierers identifizieren. Denn es sind ja gerade die Schwächen der Familienmitglieder, die in den Vordergrund gerückt werden. Gleichzeitig besteht die Herausforderung für alle Protagonisten, angefangen bei Yoshiko, darin, auch die guten Seiten der Eltern zu entdecken, um diesen Bruder, Cousin, Onkel oder Vater so zu lieben, wie er ist. Morigaki bringt diese Suche in seinem Drehbuch gut zum Ausdruck, was eine eher kathartische Wirkung hat.
Die guten alten Zeiten
Schließlich sagt die Figur der Großmutter viel darüber aus, wie man ältere Menschen wertschätzt. Nicht nur Tschüss, Opa! prangert – wenn auch auf etwas vereinfachte Weise – ihre Herabwürdigung an, würdigt jedoch die Klarheit, die sie trotz ihrer Senilität oft an den Tag legen. Ihre bloße Anwesenheit wird übrigens als Schatz gepriesen, da sie ein wenig Zärtlichkeit weckt und die nachfolgenden Generationen an die Zeit ihrer Kindheit erinnert. Die Zeit, in der Familie und Solidarität eins waren.
Der Film ist also allein schon wegen dieser wenigen positiven Aspekte sehenswert. Hinzu kommt seine Fähigkeit, das Thema Tod in einem Spielfilm zu behandeln, der als schwarze Komödie gilt. Ansonsten gibt es nichts Originelles, nichts Eindrucksvolles, nichts Transzendentes, nichts Lebenswichtiges.
«Unsere Familie ist schräg, und diese Beerdigung auch.»
Schreiben Sie dem Autor : loris.musumeci@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Goodbye Grandpa!
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