«Der Klient»
Mittwochs im Kino - Loris S. Musumeci
Das Gebäude bebt und bekommt überall Risse. Es muss evakuiert werden. Emad, würdevoll und verantwortungsbewusst, bringt Rana, seine Frau, die in Panik ist wie jede andere Frau auch, in Sicherheit.
Teheran befindet sich mitten im Wandel. Die alten Gebäude verfallen und machen Platz für eine neue Stadt – betoniert, trostlos und modern.
Asghar Farhadi lässt sein neuestes Werk vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Irans spielen, The Salesman. Dieser Kontext zieht sich durch den gesamten Film und erzählt die düstere und schmerzhafte Geschichte des Hauptpaares.
Emad ist Lehrer und Schauspieler. Rana arbeitet ebenfalls als Schauspielerin zusammen mit ihrem Mann am Theater. Verflochten mit ihrem persönlichen Abenteuer spielt sich in einzelnen Sequenzen das Stück ab, das sie mit ihrer Truppe vorbereiten: Der Tod eines Handelsreisenden von Arthur Miller. Diese begleitet jeden Aspekt der Haupthandlung, die letztlich sehr einfach und banal bleibt. Das Ehepaar, das gezwungen ist, eine neue Unterkunft zu finden, zieht in die Wohnung eines Freundes im Zentrum von Teheran. Es stellt sich jedoch heraus, dass die Vergangenheit dieser Wohnung nicht ganz klar ist. Zuvor wurde sie von einer Prostituierten bewohnt, die gerade ausgezogen ist. Eines Abends, als Emad noch nicht nach Hause gekommen ist, wird Rana in ihrer eigenen Wohnung von einem Freier vergewaltigt, der gewöhnlich die Frau «leichter Sitten» aufsuchte. Von diesem Moment an beginnt der eigentliche Wirbelsturm der Geschichte. Rana hat Angst, allein zu Hause zu bleiben; Emad fühlt sich in seiner Ehre als Ehemann verletzt und gekränkt. Die eine versucht im Laufe der Tage, wieder zur Besinnung zu kommen und ein neues Kapitel aufzuschlagen; der andere ist immer stärker davon besessen, diesen «Kunden» aufzuspüren, um ihn für seine schändliche Tat zu bestrafen.
Das Drama ist hier vor allem psychologischer und moralischer Natur, vielleicht sogar in übertriebenem Maße. Das Anschauen des Films wird im Verlauf von Emads Suche tatsächlich immer beschwerlicher. Die Blicke sind zu langsam, die Dialoge zu leise und die Mimik zu ausdrucksstark.
Farhadi wurde in Cannes für sein Drehbuch ausgezeichnet, was durchaus verdient ist; die Dialoge sind treffend, prägnant und ausgewogen. Dass Shahab Hosseini, der Emad spielt, den Preis als bester Schauspieler erhalten hat, erscheint mir hingegen unangebracht. Er spielt zwar gut, aber zu gut. Und genau darin liegt das Problem. Sein Spiel ist das eines geglätteten, aufpolierten, geschliffenen Schauspielers und nicht das eines Filmschauspielers. Seine melodramatische Art lässt einen ratlos zurück, da man nicht weiß, worauf er hinauswill. Das ständige und sich wiederholende Zögern gibt dem Zuschauer dann reichlich Gelegenheit, sich zu langweilen.
Dennoch wäre die literarische Adaption des Films als Roman oder Theaterstück aufgrund des reichhaltigen Drehbuchs zweifellos ein echter Erfolg. Die behandelten Themen sind von größter Bedeutung, um die Rolle der allmächtigen Moral in einer muslimischen Gesellschaft zu verstehen. Der feministische Aspekt des Kunde vermittelt dem orientalischen Publikum zudem eine authentische Botschaft der Vernunft. Der Mann hegt triebhaft Rachegefühle, die Frau besänftigt und vergibt, selbst wenn sie sich damit ihrem Ehemann widersetzen muss. «Du übst gerade Rache. » Diese ernste und geheimnisvolle Ansprache von Rana an ihren Ehemann bleibt die eindringlichste Zeile. Rache tötet. Sie infiziert die Wunde, ohne etwas zu heilen.
Auch wenn der neue Farhadi-Film, der derzeit in den Kinos läuft, aufgrund seines dokumentarischen Charakters versierten Kinoliebhabern und Orientalisten zu empfehlen ist, so ist er doch nicht für das westliche Publikum geeignet, das sich seit dem Ende des Stummfilms an die klare Trennung zwischen Theater und der siebten Kunst gewöhnt hat, die eigenständig und in sich selbst gültig ist.
Schreiben Sie dem Autor : loris.musumeci@leregardlibre.com
Bildnachweis : AlloCiné
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