Anja Kofmels multidimensionale Perspektive in «Chris the Swiss».»

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geschrieben von Malika Brigadoi · 30. Januar 2021 · 0 Kommentare

Die Filmplattformen am Samstag - Malika Brigadoi

Chris the Swiss, Der biografische Film und historische Animationsdokumentarfilm von Anja Kofmel erzählt das Leben des Schweizer Journalisten Christian Würtenberg. Im Jahr 1992 wurde er vor dem Hintergrund des Krieges im ehemaligen Jugoslawien erdrosselt auf einem Feld in Kroatien aufgefunden. Chris' Familie verstand nie seinen Wunsch, als Journalist so nah an der Gefahr zu gehen. Seit der Bekanntgabe seines Todes hat die Regisseurin - und Cousine von Chris - zu keinem Zeitpunkt aufgehört, sich mit den Geheimnissen um seinen Tod zu beschäftigen. Sie beschließt, ihre eigenen Nachforschungen anzustellen und seine Geschichte wiederzugeben. Sie will herausfinden, warum er in den Konflikt ging und warum er sein Leben verlor. Chris the Swiss hat mehr als ein Dutzend Preise erhalten, vor allem auf Festivals, darunter 2019 den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm.

Die Stärke des Spielfilms liegt in der Perspektive, die er seinen Zuschauern bietet. Er verbindet auf gelungene Weise vier formale Mittel – nämlich Animation, Reportage, Archivbilder und Zeitzeugenberichte. Auf diese Weise, Chris the Swiss bietet eine vielschichtige Sichtweise auf die Situation, wodurch die Idealisierung der Hauptfigur in gewisser Weise ausgeglichen wird. Tatsächlich könnte einer der Vorwürfe, die man erheben könnte, ihre Unvoreingenommenheit betreffen. Abgesehen von der Debatte um die Objektivität eines Dokumentarfilms – der sich niemals wirklich unvoreingenommen erweisen wird, da zum einen die Sichtweise des Regisseurs in seinem Werk durchscheinen wird und zum anderen das Kino Stellung bezieht und sein Publikum dazu anregt, diesem Beispiel zu folgen – hat die emotionale Nähe zwischen Anja Kofmel und ihrem Protagonisten sie möglicherweise daran gehindert, die gesamte Persönlichkeit ihres Cousins offenzulegen. Chris’ verwerfliche Handlungen werden systematisch entschuldigt, im Gegensatz zu denen anderer, die ausdrücklich hervorgehoben werden. Der Film vermittelt den Eindruck, dass Chris nur in sehr geringem Maße an dem Konflikt beteiligt war. Dieser Mechanismus macht ihn paradoxerweise passiv gegenüber seinen eigenen Entscheidungen und Handlungen. Obwohl die Regisseurin versucht hat, neutral zu bleiben, indem sie der Erzählung eine Vielzahl von Stimmen einräumt, spürt der Zuschauer dennoch den Helden, den die junge Frau sich in ihrem Cousin vorgestellt hat.

Ein facettenreicher Blick

Die Animationen spiegeln die subjektive Sichtweise der jungen Anja Kofmel wider. Diese Szenen zeigen, wie sie sich die Vergangenheit ihres Cousins vorstellt, verweisen aber auch auf die Ängste, die sie überwunden hat, und die Albträume, die sie nach seinem Tod geplagt haben. Diese Animationssequenzen entsprechen der vereinfachten Wahrnehmung eines Kindes; so verwenden die dunklen Zeichnungen beispielsweise zahlreiche Grautöne und erinnern damit an die absolute Dichotomie zwischen Gut und Böse, wie sie sich Kinder vorstellen. Die karikaturistische Darstellung der Figuren – und der umgebenden Natur – unterstreicht zudem die bildhafte und fantasievolle Wahrnehmung der Welt durch die Augen eines Kindes. Die junge Anja, damals zehn Jahre alt, idealisiert Chris und sieht in ihm einen heldenhaften Abenteurer. Parallel dazu dreht Anja Kofmel eine Reportage, in der sie den Ablauf ihrer Recherchen darstellt. Darin folgt sie den Spuren ihres Cousins und besucht erneut die wichtigsten Orte seiner Reise. Diese Reportagesequenzen dienen gewissermaßen als roter Faden, der die verschiedenen formalen Elemente miteinander verbindet.

Das Bild von Chris, das sich aus den Zeugenaussagen ergibt, sieht anders aus. Diese Sequenzen, in denen Eltern, andere Journalisten und Soldaten zu Wort kommen, zeigen eine Vielzahl von Sichtweisen auf eine Person – nämlich Chris – und auf eine Situation – nämlich den Krieg. Diese Szenen zeichnen ein zugleich umfassendes wie widersprüchliches Bild des jungen Mannes; mal wird ihm vorgeworfen, ein Spion, ein Verräter oder auch nur ein einfacher Journalist zu sein. Die Regisseurin greift zudem auf Archivbilder zurück, die eine Schlüsselrolle im Film spielen, da sie den Zugang zur großen Geschichte eröffnen. Der Spielfilm erzählt nicht nur von Chris’ Abenteuer, sondern auch von dem komplexen Umfeld, das ihn umgibt. Diese Sequenzen ermöglichen es, Chris’ Geschichte in ihren Kontext einzuordnen, ohne dabei Chris the Swiss zu einem Kriegsdokumentarfilm.

Die Übergänge zwischen den verschiedenen formalen Mitteln gestalten sich für den Zuschauer fließend, sodass er sich nicht von einer Realität in die nächste hin- und hergerissen fühlt. Im Gegenteil: Der Spielfilm bietet ihm eine komplexe Sicht auf die Situation, die sich aus einer Vielzahl von Zeugenaussagen zusammensetzt. Der Erzählfluss bleibt klar und vollkommen verständlich. Diese Übergänge wirken nicht nur auf der erzählerischen Ebene subtil, sondern auch aus ästhetischer Sicht, vor allem beim Wechsel von einer Filmaufnahme zu einer Animationssequenz und umgekehrt. Die Konturen des einen verschmelzen mit denen des anderen und verwandeln beispielsweise Eisenbahnschienen in Telefonleitungen. Anhand von Archivbildern verfolgt der Zuschauer die große Geschichte und taucht durch Zeitzeugenberichte, animierte Bilder und Reportagen in die kleine Geschichte ein. Diese beiden Dimensionen – die große und die kleine Geschichte – erinnern daran, dass im Krieg zwar zwei Lager gegenüberstehen, dass sich in jedem von ihnen aber vor allem Menschen befinden.

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Während der Animationsfilm es ermöglicht, symbolische Bilder zu schaffen, um Themen wie den Krieg bildhaft zu behandeln, hat der Dokumentarfilm die Fähigkeit, eine Version der Geschichte zu vermitteln – insbesondere durch Archivbilder, die die Zuschauer daran erinnern, dass es sich um die Realität der Vergangenheit handelt. Chris the Swiss zeichnet sich durch seinen Blick aus, den er auf die „kleine Geschichte“ – die Persönlichkeit von Chris – richtet, aber auch durch den Blick, den er auf die „große Geschichte“ wirft, auf jenen Krieg, der sich Ende des 20. Jahrhunderts auf dem Balkan abspielte. Jahrhundert. Der Spielfilm befasst sich nämlich einerseits mit dem Konflikt, der zum Zerfall Jugoslawiens führte, und berührt andererseits sein Publikum durch die Schilderung der Reise dieses jungen Journalisten. Diese Dualität wird von der Regisseurin ebenso gekonnt dosiert wie die Mischung aus Genres und formalen Mitteln, was ihren Animationsdokumentarfilm so bewegend macht. Chris the Swiss kann kostenlos auf der Schweizer Plattform „Play Suisse“ angesehen werden.

Bildnachweis: © Real Fiction und Urban Distribution

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