«Verlorene Illusionen»: Youtube und seine gesponserten Inhalte haben nichts erfunden
Die Kostüme und die Vorliebe für pointierte Sprüche lassen keinen Zweifel aufkommen. Die Adaption der Verlorene Illusionen Die von Xavier Giannoli inszenierte Verfilmung besticht durch ihren spektakulären Charakter und ihre umwerfende Besetzung. Ein echter Coup, zumal Verfilmungen großer Klassiker mittlerweile selten geworden sind. Ein guter Schlag gegen die gängigen Vorurteile gegenüber diesem Genre.
Vielleicht haben auch Sie Erinnerungen, ferne Eindrücke an Verfilmungen großer Klassiker. Zum Beispiel eine Filmvorführung, die den Abschluss des Unterrichts zu einem literarischen Werk in der Oberstufe bildete. Man denkt dabei an Gefährliche Verbindungen von Stephen Frears, der Unantastbare Bovary des nicht minder unantastbaren Chabrol… oder auch das Germinal von Claude Berri, in dem Depardieu die Hauptrolle spielt. Doch diese Art von Unternehmung ist nicht mehr angesagt. Die literarischen Werke des 19. Jahrhunderts. des Jahrhunderts schrecken ab. Sie werden zaghaft in Fernsehfilme umgesetzt und fehlen nach wie vor an den Kinokassen. Interessieren sich Drehbuchautoren also nicht mehr für Verfilmungen? Ist darin ein nachlassendes Interesse des Publikums zu sehen? Und es ist nicht der mittelmäßige Bel-Ami gespielt von Robert Pattinson im Jahr 2012, das den Trend umgekehrt hat. Wir mussten also die Verlorene Illusionen um die Wettenden eines Besseren zu belehren.
Liebeswut und Flucht nach Paris
Lucien Chardon (Benjamin Voisin) ist ein Bürgerlicher, der vom Ehemann seiner Schwester finanziell unterstützt wird. Dieser besitzt eine Druckerei in Angoulême, in der der zierliche Lucien arbeitet, während er von einer Karriere als Schriftsteller träumt. Voller Liebe für die Marquise Louise de Bargeton (Cécile de France) träumt diese unglückliche Gönnerin davon, das Talent ihres Geliebten ans Tageslicht zu bringen. Doch die Aristokratie von Angoulême macht sich über die Gänseblümchen, den Gedichtband des jungen Mannes. In einem Anfall von Wahnsinn beschließt Louise, den naiven Lucien in ihren Koffern mitzunehmen, um in die Hauptstadt zu fahren.
Da er die Regeln des guten Benehmens überhaupt nicht beherrscht, macht der junge Mann einen Fehler nach dem anderen und wird an der Oper regelrecht ans Kreuz genagelt – wo das eigentliche Spektakel in den Logen stattfindet. Auf sich allein gestellt in einem Paris, «in dem man entweder mitgeht oder untergeht», lernt er Etienne Lousteau (Vincent Lacoste) kennen, der ihn in die Machenschaften der florierenden Presse hineinzieht. Von den großen Idealen des Journalismus ist hier keine Rede. Die Presse hat sich dem Klatsch und Tratsch verschrieben. Ein Barometer für den Aufbau oder den Ruin von Reputationen … Für Lucien beginnt der Aufstieg im Paris der unbegrenzten Möglichkeiten … Ebenso wie die Illusionen und Enttäuschungen.
Xavier Giannoli hat den Schwerpunkt ganz klar auf den sozialen Aufstieg gelegt. Benjamin Voisin brilliert in seiner Rolle als junger Mann aus der Provinz, der nach Paris kommt, um Karriere zu machen und die Welt zu erobern. Der Schnitt trägt zu dieser immer abscheulicheren und grenzenlosen Raserei bei.
Eine subtil geschilderte Pariser Komödie
Was ist also das Geheimnis, das diese Adaption zu einem Erfolg macht? Die Stärke dieser Adaption liegt – abgesehen von der Inszenierung – in ihrer Fähigkeit, Balzacs Absicht treu zu bleiben. Keine auf die Geschichte eines einzelnen Mannes fokussierte Erzählung, sondern ein Hintergrund, der sich entfaltet. Luciens Paris ist das Paris aller Möglichkeiten. Man zieht nach Paris, man verachtet die Provinz. Subtil angeleitet durch eine Off-Stimme – deren Identität uns am Ende der Erzählung offenbart wird – entfaltet sich die Geschichte dieses Paris der Restauration. Das Auftauchen von Werbeplakaten in den Straßen, die Entwicklung industrieller Druckmaschinen, die die Zahl der Presseveröffentlichungen beschleunigen, vor dem Hintergrund des Krieges zwischen Royalisten und Liberalen … und vor allem das Funktionieren bestimmter Pariser Mikrokosmen wie dem der Kultur.
Dauriat (Gérard Depardieu), der größte Verleger von Paris, ist Analphabet und bereit, sich die Kritiken von Journalisten zu erkaufen, die sein Buch nicht einmal lesen werden. Alles wird an den Meistbietenden verkauft. Eine Praxis, die sich auf den gesamten Kulturbereich ausweitet, insbesondere auf das Theater. Erfolg oder Misserfolg hängen von Bestechungsgeldern ab. Man zahlt sowohl für den Erfolg als auch dafür, zum Gespött ganz Paris’ zu werden. Im Detail wird diese ganze verborgene Welt, die dem Laien verborgen bleibt, auf der Leinwand sichtbar gemacht. Der Aufbau des Films ist eine echte Hommage an Balzacs Werk. Das Schaffen des Schriftstellers wird ins Kino übertragen.
Doch bei Balzac ist nichts umsonst. Die Figur des Nathan d’Anastazio (Xavier Dolan), Romanautor und Alter Ego von Lucien, erinnert uns daran. Literarische Ambitionen treten in den Hintergrund, Äußerlichkeiten und Neid nehmen die reinsten Ambitionen in Beschlag. Doch wer könnte stark genug sein, um der Pariser Falle zu widerstehen?
Schreiben Sie der Autorin: fanny.agostino@leregardlibre.com
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Bildnachweis: © Roger Arpajou © 2021 CURIOSA FILMS – GAUMONT – FRANCE 3 CINEMA – GABRIEL INC. – UMEDIA
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