«In Freiheit!» und das Chaos in unseren Köpfen

4 Leseminuten
geschrieben von Loris S. Musumeci · 07 November 2018 · 0 Kommentare

Mittwochs im Kino - Loris S. Musumeci

«Nein, aber ist dir klar, dass du das Ohr von dem Kerl abgebissen hast?»

Jean Santi war tapfer, loyal und mutig und er gab sein Leben, um seine Stadt zu verteidigen. Eine Hommage an den verstorbenen Polizisten, der die Polizeipräsidentin Yvonne als Witwe und einen kleinen Jungen als Waise zurückließ. Zwei Jahre ist er tot und zwei Jahre hat Yvonne dem Jungen jeden Abend erzählt, was für ein Held sein Papa war. Zur Trauer gehört auch der Gottesdienst. Doch eines Tages erkennt ein Juwelier auf der Polizeiwache den Ring, den Yvonne an ihrem Finger trägt. Das ist ein Schock.

Jeans luxuriöse Geschenke stammten aus kleinen Absprachen mit den zu verhaftenden Kriminellen; insbesondere in diesem Juwelierfall. Der Juwelier und der Kommissar hatten sich nämlich auf einen vorgetäuschten Einbruch geeinigt und einen unschuldigen Angestellten ins Gefängnis geschickt, indem sie ihn des Delikts beschuldigten. Der Held war in Wirklichkeit ein Korrupter. Der Held war in Wirklichkeit gar kein Held. Um den Kreis zu schließen: Der zu Unrecht Verurteilte kommt aus dem Gefängnis frei, und Yvonne hat natürlich das Gefühl, ihm etwas schuldig zu sein. Was zu den verrücktesten Situationen führen wird.

Qualität in der Fotografie

In Freiheit! vereint eine ganze Reihe von Talenten. Das Drehbuch zeugt von gründlicher Arbeit sowie vom guten Gespür des Regisseurs Pierre Salvadori. Auch der Soundtrack hat seine Qualitäten, doch vor allem die Kameraarbeit beeindruckt. Zugegeben, bei einer Komödie erwartet man nicht unbedingt die sorgfältigste Bildgestaltung. So wie der Film Auf den Posten! mit Benoît Poelevoorde, der kürzlich erschienen ist, In Freiheit! zeigt, dass eine gekonnt geführte Kamera nicht nur den wenig populären Autorenfilmen vorbehalten ist.

Auch zu lesen: Poelvoorde in einem völlig absurden und genialen «Au poste!

Das Wechselspiel zwischen Schärfe und Unschärfe verleiht dem Bild einen echten Mehrwert, da es der Handlung dient und dem Film etwas mehr Würze verleiht, auch wenn der Zuschauer dies nicht unbedingt bemerkt. Die farbigen Lichter hingegen prägen die unterschiedlichen Stimmungen, in denen sich die Figuren wiederfinden. Ohne zu viel zu verraten: Freuen Sie sich auf einen Wechsel vom Blau der Freiheit in der Nacht am Meer zu den roten Lichtern eines sadomasochistischen Bordells.

Eine Diskrepanz

Auch in den Dialogen fällt immer wieder eine Diskrepanz zwischen dem Sprecher und dem Zuhörer auf. Der eine wird von der Seite gefilmt, der andere von vorne. Auch hier sagt ein Detail der Inszenierung viel über die Botschaft des Drehbuchs aus: Sind wir jemals in der Lage, zuzuhören, was uns gesagt wird? «Entschuldige, ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.» Dieser Satz taucht oft im Gespräch zwischen verschiedenen Figuren auf. Wer nicht zugehört hat, dem wird seinerseits nicht mehr zugehört. Die Szenen geben den Ball weiter. Dasselbe gilt für die Diskrepanz, die durch Scheindialoge veranschaulicht wird. Zwei parallele Monologe antworten einander: Das sorgt unweigerlich für einen raffinierten komischen Effekt.

Damit kommen wir zur Arbeit am Soundtrack, der diese Verschiebungen konkret umsetzt. Es gibt nicht nur Verschiebungen zwischen den Dialogen, sondern auch Verschiebungen in der Zeit und in der Realität. Immer wieder kehrt man in der Vorstellung zu den mythischen Geschichten von Kommissar Santi zurück, die Yvonne ihrem Sohn erzählt. Und jedes Mal sind diese Geschichten anders – je nach der Stimmung der Mutter. Um diesen Übergang zu markieren, ertönt das Geräusch einer sich zurückspulenden Filmspule. Es verleiht dem Film einen burlesken Charakter und schafft zugleich ein kleines Ritual, durch das sich der Zuschauer voll und ganz in die Geschichte hineingezogen fühlt.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt

Wenn In Freiheit! strotzt zwar vor Burleske, ist aber nicht immer wirklich komisch. Sicher, man lacht, aber das Lachen ist leicht und sehr sporadisch. Die Kritik könnte nun diesem scheinbaren Mangel des Films Vorwürfe machen. Man muss jedoch verstehen, dass das Ausmaß des Lachens nicht das wichtigste Kriterium einer Komödie sein sollte; vor allem, weil es verschiedene Arten von Komödien gibt. Manche sind richtig derb und überladen – und das tut ab und zu gut! –, andere sind subtiler und weniger lustig – sie verlieren dadurch aber nicht ihren Status als Komödie.

Salvadoris Spielfilm hat trotz einiger Schwächen und Mängel in Form von schlecht dosierten Wiederholungen das Verdienst, die Tiefe des Menschseins zu ergründen. Der Film taucht in die Fantasiewelten der Figuren ein und lotet dabei ihr Verlangen nach Glück sowie ihre persönlichsten Sehnsüchte aus. Kurz gesagt: Er enthüllt auf zurückhaltende Weise, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht, und lässt dabei dem Tüftelei die Gedankenwelt der Protagonisten. Die Schlussszene verdeutlicht mehr als alle anderen, wie allmächtig die Vorstellungskraft trotz der manchmal tragischen Realität ist. Das zeigt einmal mehr: Der Geist kennt keine Grenzen. im Gefängnis als In Freiheit!

«Wir sind diejenigen, denen die Leute gerne wehtun.»

Schreiben Sie dem Autor : loris.musumeci@leregardlibre.com

Fotocredit: © Filmcoopi

Einen Kommentar hinterlassen