«Der Schmerz», wenn die Unschärfe alles sagt
Mittwochs im Kino - Loris S. Musumeci
«Was sicher, offensichtlich ist, ist, dass dieser Text hier, es scheint mir nicht denkbar, ihn während des Wartens auf Robert geschrieben zu haben.»
Juni 1944. Marguerite ist Schriftstellerin. Sie wartet auf ihren Mann, Robert Antelme. Als Widerstandskämpfer wurde er von den Kollaborateure. Im immer noch besetzten Paris hält die junge Frau an ihrem Engagement für das Widerstandsnetzwerk fest. Dort arbeitet sie an der Seite von Dyonis, dem besten Freund ihres Mannes, mit dem sie eine Liebesbeziehung zu haben scheint; distanziert, zweideutig, aber sinnlich.
Um Informationen über Robert zu erhalten, trifft sich Marguerite mit dem französischen Gestapo-Agenten Pierre Rabier, den sie verachtet. Er hingegen scheint von ihren Augen, ihrer Handschrift und ihrem geheimnisvollen Auftreten angetan zu sein. Trotzdem versucht er, ihr Informationen über das Widerstandsnetzwerk zu entlocken. Sie bleibt diskret und vorsichtig, so dass sie vor Angst krank wird. «Ich bin sein Polizist», sagt sie sich innerlich, als die Angst sie verlässt und sie glaubt, Macht über den Polizisten zu erlangen. Da sie sich beide von einander bedroht fühlen, hören sie auf, sich zu treffen. Was bleibt, ist das quälende Warten auf einen Ehemann, der vielleicht tot ist, vielleicht lebt, vielleicht geliebt, vielleicht gehasst wird.
Die Unschärfe – eine Figur für sich
Der Regisseur Emmanuel Finkiel hat den autobiografisch geprägten Roman von Marguerite Duras verfilmt, Der Schmerz, ohne dabei der historischen Genauigkeit zugunsten der Filmkunst den Vorrang zu geben. Seine Arbeit wird zu Recht für den Film gelobt. Die Auswahl der Darsteller ist ein erster Erfolg. Mélanie Thierry, die Marguerite spielt, strahlt schon in ihrer bloßen Erscheinung eine weibliche Kraft aus, die einer Duras würdig ist. Ihr Kiefer ist breit und hart, ihre Augen mal abwesend, mal durchdringend. Ihr Schauspiel ist makellos. Auch die anderen Schauspieler zeigen, wenn auch in geringerem Maße, ein hohes Niveau. Dies wirkt sich jedoch negativ auf die Gruppenszenen aus, in denen die Dialoge hohl wirken.
Der Einsatz der Unschärfe allein gleicht jedoch jeden möglichen Mangel aus. Die Unschärfe ist in Wirklichkeit eine Figur für sich, die den Zuschauer unerbittlich durch den gesamten Film begleitet, selbst wenn Marguerite sich verirrt. Sie verkörpert die Eleganz von Paris, so wie sie auch die Distanz zwischen den Menschen verdeutlicht; der Rezipient bleibt gegenüber dem Sprecher im Unklaren. Darüber hinaus erzeugt sie ein erschütterndes Unbehagen, das Marguerites Verlorenheit und die Qual des Zuschauers hervorruft, der so aus der Ferne die Erfahrung echten Schmerzes nachempfinden kann, von Der Schmerz. Der Regisseur beherrscht dieses technische Verfahren meisterhaft.
Die Komplexität der Lebewesen
Das Gleiche gilt für das Phänomen der Verdopplung von Figuren durch Spiegel. Bei Marguerite zögert er übrigens nicht, zwei Silhouetten als eine einzige zu filmen – mit unterschiedlicher Kleidung und gegensätzlicher Haltung. Auf diese Weise verdeutlicht er die Vielschichtigkeit des Menschen, der fähig ist, zwei Leben, zwei Gedanken, zwei Seelenzustände zu führen; doch in einem gezeichneten Körper, der nach und nach zerbricht. Bei Marguerite offenbart sich insbesondere die Frau als Wesen in unendlicher Komplexität. Emmanuel Finkiel räumt ihr einen zentralen Platz ein. Der Schmerz, um den es in dem Film geht, wird in die Hände der Frauen gelegt. Durch ihren Blick spürt man die Gleichgültigkeit der Schwulen, die Einsamkeit der Mütter, die Hoffnung, die zerbröckelt, weil sie sich weigert, den Tod zu akzeptieren, während sie ihn vor ihren Augen beweint.
Der Schmerz, erzählt letztendlich weniger vom Krieg als vielmehr von den menschlichen Leidenschaften, die sich dahinter verbergen. Der Spielfilm zeigt zudem, wie sich diese Leidenschaften bis in Friedenszeiten hinein fortsetzen – wie ein Rückzoom, der in einer Luftaufnahme endet. Ist das menschliche Leben tragisch, weil es Krieg gibt? Vielmehr ist es so, dass der Krieg entsteht, weil das Leben tragisch ist, verkünden Duras und Finkiel. Angesichts dieser Erkenntnis verlässt niemand den Kinosaal – ebenso wenig wie das Buch – unberührt. Angst und Schmerz haften einem an der Haut.
«Kein Schmerz mehr; ich existiere nicht mehr.»
Schreiben Sie dem Autor : loris.musumeci@leregardlibre.com
Fotocredit: © Pathé Films
Einen Kommentar hinterlassen