«On Chesil Beach» - ein Drama, das die Herzen anspricht
Am Chesil Beach beginnt mit atemberaubend schönen Strandszenen, untermalt vom warmen Klang eines Saxophons. Ein jazziger Moment zwischen Freude und Melancholie, der die musikalische Dimension vorwegnimmt, die im Film eine zentrale Rolle spielen wird. Dieses englische Drama unter der Regie von Dominic Cooke ist eine Verfilmung des 2007 erschienenen Romans von Ian McEwan – jenem Autor, dessen Roman My Lady wurde vor einer Woche auch verfilmt.
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Der Film handelt von einem jungen Paar im England der frühen 1960er Jahre. Edward (Billy Howle) und Florence (Saoirse Ronan) haben gerade geheiratet und bereiten sich darauf vor, ihre Hochzeitsnacht in einem Gasthaus in Dorset zu verbringen. Beide sind in Sachen Liebe gleichermaßen unerfahren: Es ist ihr erstes Mal, und die Angst lässt sowohl dem Herrn als auch der Dame das Blut in den Adern gefrieren. Der Film, der sich in drei Phasen gliedern lässt, zeigt uns zunächst diesen angespannten Abend und gewährt uns dabei einen Einblick in ihre Intimität.
Die Türen zur Intimität
Es geht vor allem um die sexuelle Intimität des frischvermählten Paares. Und um in diese Intimität einzutauchen, muss uns der Film keine intimen Körperteile zeigen: Auch ohne dass wir etwas sehen – zumindest nichts Anzügliches –, sind es ihre Gesten, ihre Blicke, ihr Schweigen, die uns ihr Unbehagen spüren lassen. Edward zittert der Mund, als Florence ihm den Vornamen Chloé vorschlägt, falls sie eines Tages eine Tochter bekommen sollten. Er findet kaum die richtigen Worte, um sie ans Bett zu führen: «Ich liebe dich. Du bist so … Ich muss dich küssen.»
Auch dieser erste Teil des Films hat einen gewissen komischen Charakter, wie zum Beispiel in diesem Dialog: «Weißt du was, ich würde dir gerne die Strümpfe ausziehen. – Ich glaube, das mache ich lieber selbst.» Verlegendes Lächeln von Edward. Diese intimen Momente sind besonders gut gelungen. Ein weiteres Beispiel für Komik ist die Anwesenheit des Personals, das das Essen im Zimmer serviert. Das Paar fühlt sich unbehaglich; die Kellner lachen hinter vorgehaltener Hand. Doch hinter dieser sehr burlesken Komik verbirgt sich, wie man sehr schnell begreift, ein Drama, und das Lachen des Zuschauers weicht bald dem Mitleid.
Das Intime zeigt sich auch in dieser direkten Konfrontation, durch die alles wieder an die Oberfläche kommt. Florence gesteht Edward, dass er ihr Angst macht, wenn er sich stark aufregt. Diese Erfassung seines streitlustigen Wesens ist eben nur in einer intimen Beziehung möglich, in der sich die beiden Menschen kennen, sich ihrem Wesen stellen und einander die Wahrheit sagen müssen. Die Intimität zeigt sich, abgesehen von der sehr ausgefeilten Kameraführung des Spielfilms, schließlich auch in den Erinnerungen: Während dieses ganzen Abends, den wir miterleben, eine Reihe von Rückblenden ermöglicht es uns, die Vergangenheit der beiden Liebenden und die verschiedenen Etappen ihrer Begegnung zu entdecken.
Florence stammt aus einer wohlhabenden Familie mit altmodischer Mentalität. Die Dummheit dieses aristokratischen Milieus kommt besonders in einem äußerst realistischen Dialog zwischen Florence und ihrem Vater über Edward zum Ausdruck: «Und was macht sein Vater? – Ein Proletarier oder einer von uns? – So in etwa, ja.» Die Antwort lautet natürlich, dass Edward aus einfachen, ländlichen Verhältnissen stammt. Sein Vater ist Grundschullehrer, was bei Florences dumme Mutter für Stirnrunzeln sorgt. Was Edwards Mutter betrifft, so hat sie infolge eines Unfalls den Verstand verloren, was dem Drama eine weitere Dimension verleiht. Die Ehe der beiden kommt daher einem Wunder gleich.
Die Krise
Doch als es soweit ist, das zu tun, was getan werden muss, läuft es nicht gut, und Florence rennt vor Wut an den Strand. Es kommt zur Krise. Die Angst vor dem Sex hat solche Ausmaße angenommen, dass sie für die beiden Liebenden zum Verhängnis wird. Wir befinden uns im zweiten Teil des Films: ein Streit, der weit, sehr weit geht, nicht ohne einige Ungeschicklichkeiten in den Dialogen. Edward beispielsweise bezeichnet seine Frau als «Schlampe»: Man versteht nicht so recht, was das dem Film noch hinzufügen soll. Die Ironie der Geschichte ist, dass dieser lyrische Einsatz des Schimpfworts «bitch» ausgerechnet am „Beach“ stattfand.
Über den Strand müssen wir sprechen, da er ja der Titel des Films ist. Man versteht, dass dieser für das Paar zerstörerische Moment den Höhepunkt der Geschichte darstellen wird. Das Meer erhält dabei eine interessante Symbolik: den Wind des Streits, die Wellen der Wut, die Kieselsteine der Endgültigkeit und bald auch die Gischt des Bedauerns. Alles, absolut alles wird sich fortan auf diesen Strand beziehen. Doch der Moment, der den Zuschauer zweifellos als Erstes tief beeindruckt, ist der, in dem der junge Ehemann nach einer Nacht einsamer Trunkenheit nach Hause zurückkehrt und sein Vater, der sofort versteht, was geschehen ist, mit treffender Traurigkeit zu ihm sagt: «Mein Gott, mein Sohn.»
Die große Liebe, die tragische Liebe
Der weitere Verlauf des Films spielt zunächst im Jahr 1975. Edward, der wie ein Rocker aussieht, der durch die seventies, ist nun Plattenhändler geworden. Die Szene, in der ein junges Mädchen zu ihm kommt, um eine Platte von Chuck Berry zu kaufen, ist erschütternd. Zum Glück war der Verfasser dieses Artikels allein im Saal: So heftig zu weinen, das gab es seit der Sintflut nicht mehr. Es folgt eine ebenso bewegende Szene, in der Edward seine Geschichte den babacools die ihn umgeben: «An jenem Abend am Strand ist alles zusammengebrochen. Und …» Den Rest behalten wir uns als Spannung vor.
Die letzte Szene des Films, die im Jahr 2007 spielt, rührt erneut zu Tränen. Auch wenn das Make-up, mit dem die Schauspieler gealtert werden, ein offensichtlicher Fehler ist, ist die Emotion doch das Schlüsselwort dieses letzten Moments des Dramas. Man kann der erhabenen Musik Mozarts, der Tragödie eines Lebens und der Ungerechtigkeit der Realität nicht gleichgültig gegenüberstehen. Nur die Emotion kann uns angesichts des Motivs von Romeo und Julia ergreifen, auch wenn es sich bereits zum x-ten Mal wiederholt. Die Leidenschaft zwischen einem Romeo und einer Julia ist eine große und zugleich tragische Liebe. Groß, weil tragisch? Tragisch, weil groß? Vielleicht beides.
Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Impuls Pictures
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