Yvette Z'Graggen, eine Vordenkerin

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geschrieben von Alexandre Wälti · 09. Mai 2018 · 1 Kommentar

Les mercredidis du cinéma - Alexandre Wälti

Es könnte die Geschichte einer innerlich Verbannten sein. Yvette Z'Graggen wuchs nicht nur zwischen der Westschweiz und ihren deutschsprachigen Wurzeln hin- und hergerissen auf, sondern gehört auch zu den helvetischen Schriftstellerinnen, deren Werk besondere Aufmerksamkeit verdient, weil es in direktem Echo auf die Ereignisse des XX.. Jahrhundert. Eine Frau, die ihrer Zeit immer voraus war, wie der Dokumentarfilm perfekt zeigt Yvette Z'Graggen - Eine Frau am Steuer ihres Lebens von Frédéric Gonseth.

Denken wir zunächst an ihr frühes Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Wurde sie dazu gezwungen? Schon in jungen Jahren schreibt sie Geschichten, um der Realität zu entfliehen. Sie erlebt den Bankrott eines verschwenderischen, trinkfreudigen Zahnarztvaters, der manchmal die Hand gegen die Mutter erhebt, während die Familie auf der sozialen Leiter immer weiter abrutscht. Ein Liebhaber schöner Autos findet sich plötzlich auf einem Fahrrad wieder. Ein Zweirad, mit dem Yvette Z'Graggen dann in den stillen Jahren des Zweiten Weltkriegs eine Rundreise durch das Land unternimmt. Eine Kindheit, in der die Fantasie als Schutz vor den Realitäten dient und die schon früh von einem Drang zu lernen genährt wird, obwohl es - aufgrund finanzieller Fragen - nicht möglich ist, die Universität zu besuchen.

Eine Frau, die ihre Narben durch das Schreiben heilt. Eine Journalistin, die im Radio die großen Autoren ihrer Zeit befragt und deren Drang nach Erkenntnis sogar ihr literarisches Werk prägt. Ein ständiges Hinterfragen, das sie beispielsweise dazu bringt, ihre eigene Vergangenheit zu hinterfragen, indem sie diese mit den Realitäten des Zweiten Weltkriegs in Die stillen Jahre. Zudem sind geschickt ausgewählte Auszüge aus den Büchern von Yvette Z’Graggen über den gesamten Dokumentarfilm verteilt und fließen insbesondere in die fiktionalen Szenen ein.

Eine Frau, dann die Schriftstellerin

Frédéric Gonseth wendet für seinen Dokumentarfilm dasselbe Verfahren an. Er rekonstruiert nämlich anhand von Archivbildern und -interviews chronologisch das Leben von Yvette Z’Graggen und stellt seinerseits die Geschichte und den Alltag der Schriftstellerin einander gegenüber. Daraus lassen sich zwei Achsen ableiten, die sich durch ihr gesamtes Leben ziehen: einerseits die innige Mutter-Tochter-Beziehung – denn sie entwickelt sich tatsächlich in diese Richtung – und andererseits das Gefühl der Verlassenheit, das insbesondere durch den Vater entsteht, wenn die kleine Yvette die Straßenbahnen zählt, in der Hoffnung, ihn aussteigen zu sehen.

Das sind im Wesentlichen die Entscheidungen von Frédéric Gonseth. Ein Dokumentarfilm, dessen größte Stärke darin besteht, eine Schriftstellerin ins Rampenlicht zu rücken, deren Texte stets eng mit dem Leben dieser Frau verflochten waren, die ihrer Zeit weit voraus war. Der Inhalt ist interessanter als die Form. Letztere ist klassisch und eher schulisch gehalten: Fotos, Beiträge von Angehörigen usw. Dennoch ist ein echter Wille erkennbar, den Originaltexten einen wichtigen Platz einzuräumen. Der Dokumentarfilmer hat tatsächlich fiktionale Episoden in sein Werk eingebaut, die er gedreht hat, um die Worte von Yvette Z’Graggen bildlich umzusetzen. Was, ehrlich gesagt, im Falle eines Dokumentarfilms über eine Schriftstellerin mehr als lobenswert ist. Es fehlt jedoch ein gewisser Übergang zwischen den Interviewpassagen und den verfilmten Auszügen aus ihrem Werk. Diese Besonderheit verleiht dem Dokumentarfilm zudem einen sehr didaktischen Charakter.

Nicht zuletzt liegt der Reiz vor allem in dem liebevollen Blick, den der Dokumentarfilmer auf eine autobegeisterte Frau wirft, die ihr Liebesleben zwischen ihrem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr – also in den vierziger Jahren – frei auslebte. Eine Schriftstellerin, deren Werk stets mit der Geschichte und der persönlichen Geschichte der Frau verbunden war. Diese Freiheit hat sie gewählt und bis zu ihrer Heirat gelebt. Von diesem Mann ließ sie sich später scheiden – zu einer Zeit, als ein solches Verhalten alles andere als gesellschaftlich akzeptiert war.

Wieder einmal hat Yvette Z’Graggen schon seit ihrer Kindheit nur ihr eigenes Ding gemacht. Das bringt der Dokumentarfilm sehr gut zum Ausdruck. Eineinhalb Stunden, um eine bedeutende, ungewöhnliche Schriftstellerin kennenzulernen. Eine Frau, die sich in ihre eigene Welt zurückgezogen hat, indem sie sich alle möglichen Geschichten ausdachte, bevor sie einen scharfen Blick auf die politisch-sozialen Realitäten ihrer Zeit warf.

Schreiben Sie dem Autor : alexandre.waelti@leregardlibre.com

Bildnachweis : © cineworx

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